11. Januar 1922: Die erste erfolgreiche Behandlung eines Patienten mit Diabetes

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Diabetes (medizinisch „Diabetes mellitus“, umgangssprachlich „Zuckerkrankheit“) ist schon seit der Antike als Krankheit bekannt, doch erst im 20. Jahrhundert gelang die erfolgreiche Behandlung eines Patienten. Vorausgegangen waren Forschungen verschiedener Wissenschaftler.

Im 6. Jhd. v. Chr. stellt der indische Chirurg Sushruta klebrig-süßen Urin bei einem seiner Patienten fest. Im 2. Jhd. n. Chr. beschreibt sein Landsmann Charaka das Krankheitsbild in der Charaka Samhita schließlich folgendermaßen: „Du hast einen Patienten, der Harn lässt wie ein brünstiger Elefant, dessen Harn Honigharn oder Zuckerruhrharn heißt und dessen Harn süß schmeckt und die Ameisen und Insekten anlockt.“

Um 100 n. Chr. schreibt Aretaios: „Der Diabetes ist eine rätselhafte Erkrankung.“ Er beschreibt die Symptome und den Verlauf: „Diabetes ist ein furchtbares Leiden, nicht sehr häufig beim Menschen, ein Schmelzen des Fleisches und der Glieder zu Harn… Das Leben ist kurz, unangenehm und schmerzvoll, der Durst unstillbar, … und der Tod unausweichlich.“

1675 beschreibt Thomas Willis den Geschmack des Urins bei Diabetes als „honigsüß“: „… tasted as if it has been mixed with honey“. Auf ihn geht somit die Bezeichnung „mellitus“ zurück; der Diabetes mellitus wird einige Zeit auch Willis‘ desease genannt. Willis beschrieb auch die Symptome der diabetischen Neuropathie bei seinen Patienten: „stinging and other (…) frequent contractions or convulsions, twinging of the tendons and other disturbancies“ Heilen konnte er den Diabetes nicht: „It seems a most hard thing in this disease to draw propositions for curing, for that its cause lies so deeply hid, and hath its origin so deep and remote.“ Er beobachtete zwar, dass es Patienten unter einer extrem hypokalorischen Diät vorübergehend besser ging, erkannte aber die Zusammenhänge noch nicht. Im Gegensatz zu seiner Kollegenschaft, die den Diabetes als reine Nierenkrankheit ansahen, vermutete er jedoch bereits, dass die Ursache im Blut liegen müsse.

1683 entfernte Johann Konrad Brunner Hunden die Bauchspeicheldrüse und beobachtete als Folge extremen Durst und Polyurie; er gilt somit als Entdecker des pankreopriven Diabetes mellitus.

1776 machte der britische Arzt und Naturphilosoph Matthew Dobson (1732–1784) eine Art Zucker im Urin für dessen süßen Geschmack verantwortlich. Einen Zusammenhang von Diabetes und Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse beschreibt erstmals 1788 Thomas Cowley. Johann Peter Frank trifft 1794 als Erster die Unterscheidung in einen Diabetes mellitus und Diabetes insipidus.

1860 behandelt Joseph Alexander Fles (1819–1905) einen Diabetiker mit Extrakten aus Kälberpankreas, vier Jahre später veröffentlicht er diese Versuche. Paul Langerhans beschreibt in seiner Dissertation 1869 die Inselzellen im Gewebe des Pankreas, deren Funktion er allerdings nicht untersucht. Im gleichen Jahr berichtet Langdon-Down über einen Behandlungsversuch mit Pankreatin (Extrakt aus gemahlenen Schweine-Bauchspeicheldrüsen, gewonnen aus Schlachtabfällen).

1875 veröffentlicht der französische Arzt Apollinaire Bouchardat in Paris sein Werk „De la glycosurie ou Diabète sucré son traitement hygiénique“, in welchem er grundlegende und bis in die Gegenwart wichtige Prinzipien der Diabetesbehandlung darlegt, unter anderem eine spezielle Diät und die Bedeutung von Gewichtsreduktion, körperlicher Aktivität, Stoffwechselkontrolle und einer Schulung der Patienten. Sein Landsmann Étienne Lancereaux prägt 1880 in einer Veröffentlichung die Begriffe Diabete maigre („magerer Diabetes“) und Diabete gras („fetter Diabetes“) und begründete damit die Unterscheidung verschiedener Diabetes-Formen.

1889 beschreibt Wilhelm von Leube den häufigen Zusammenhang von Pankreaserkrankungen und Diabetes mellitus. Die deutschen Ärzte Oskar Minkowski (1858–1931) und Josef von Mering (1849–1908) entfernen im gleichen Jahr die Bauchspeicheldrüse von Hunden, um die Auswirkung auf den Fettstoffwechsel zu beobachten. Dabei entdecken sie jedoch, dass sie dadurch die Krankheit Diabetes mellitus auslösen.

Zu Ehren von Paul Langerhans nennt der französische Pathologe Gustave-Edouard Laguesse (1861–1927) 1893 die Zellanhäufungen „Ilots de Langerhans“, „Langerhanssche Inseln“. Er postuliert auch ihre Funktion als endokrines (hormonproduzierendes) Gewebe mit regulatorischer Wirkung auf den Stoffwechsel.

Im selben Jahr versucht Minkowski die Zufuhr eines Pankreasextraktes durch subkutane Injektion. Minkowski, Hédon und Thiroloix entdecken, dass nach Entfernung der Pankreas der Diabetes ausbleibt, wenn Pankreassubstanz irgendwo unter die Haut transplantiert wird. Carl von Noorden veröffentlicht 1898 die zweite Auflage von „Die Zuckerkrankheit und ihre Behandlung“.

1900 erkennt Leonid Sobolew (1876–1919) die „Inseln“ als Produktionsstätten blutzuckersenkender Substanzen.

1902 entwickelt Carl von Noorden eine Diäthaferkur, die den Blutzuckerspiegel senkt. Der deutsche Internist Georg Ludwig Zülzer (1870–1949) untersucht 1903 einen therapeutischen Bauchspeicheldrüsenextrakt, der den Blutzucker senken kann und der erste Ansatz zur Therapie des Diabetes mellitus ist. Wegen schwerer Nebenwirkungen, die möglicherweise allergischer Natur waren, kann das als „Zülzer-Extrakt“ bezeichnete Präparat jedoch nicht beim Menschen eingesetzt werden.

Für die noch unbekannte Substanz schlägt der Belgier Jean de Meyer den Namen „Insulin“, abgeleitet vom lateinischen „insula“ vor. 1910 nennt der englische Physiologe Edward Albert Sharpey-Schafer die den Diabetikern fehlende Substanz aus dem Pankreas “Insulin”. Wer den Namen zuerst geprägt hat, ist aus den vorliegenden Quellen nicht klar ersichtlich.

1916 gelingt es Nicolae Paulescu erstmals, Insulin aus Pankreasgewebe zu gewinnen. Er nennt das Präparat Pankrein, es war bei einem diabetischen Hund wirksam. 1921 veröffentlicht Paulescu seine Erkenntnisse, im Jahr darauf lässt er das Herstellungsverfahren für Pankrein in Rumänien patentieren.

Auch Frederick G. Banting und Charles H. Best gelingt 1921 die Extraktion von Insulin aus Bauchspeicheldrüsen tierischer Feten, sie nannten es Isletin. Auch sie führen ihre Experimente an Hunden durch, denen die Bauchspeicheldrüse operativ entfernt worden war. Sie bestätigen in ihren Publikationen die Arbeiten Paulescus. Frühere Versuche anderer Wissenschaftler waren nicht erfolgreich gewesen, da andere Verdauungssäfte des Pankreas das Insulin zerstörten, weil sie die komplette gemahlene Bauchspeicheldrüse verwendet hatten. Der Biochemiker James Collip wird von John James Rickard Macleod beauftragt, Banting und Best zu unterstützen. Collip gelingt es, mittels fraktionierter Eiweißfällung mit hochprozentigem Alkohol einen wesentlich reineren Extrakt zu gewinnen.

Im Januar 1922 gelingt dem Team um Banting und Best die erste Rettung eines Diabetikers. Der 13 Jahre alte Leonard Thompson, der seit eineinhalb Jahren an der Krankheit litt, wird von ihnen im Toronto General Hospital mit Rinderinsulin behandelt. Schon nach drei Tagen ist sein Harn frei von Zucker und Azeton. Banting, Best, Collip, Campbell und Fletcher berichten darüber im Canadian Medical Association Journal. Thompson überlebt 14 Jahre lang, bis er an einer Lungenentzündung ohne Zusammenhang mit seinem Diabetes stirbt. Der im Juli 1922 behandelte Theodore Ryder, zum damaligen Zeitpunkt fünf Jahre alt, überlebt sogar 70 Jahre lang und erreicht damit die wahrscheinlich längste dokumentierte Überlebensdauer eines Diabetes-Patienten in der Medizingeschichte.

1922 gründet der Senat der Universität Toronto ein Komitee, um die industrielle Herstellung von Insulin nach dem patentierten Verfahren zu kontrollieren. Zunächst wird mit der Firma Lilly ein Vertrag geschlossen.

Banting und MacLeod erhalten 1923 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „für die Entdeckung des Insulins“; sie teilen später den Preis freiwillig mit Best und Collip. Im selben Jahr bringt Eli Lilly and Company, die mit Banting und Best zusammengearbeitet hatten, in Toronto das erste Insulinpräparat „Iletin“ (Foto) auf den Markt. Auch die Insulinproduktion in Europa beginnt 1923. Am 31. Oktober stellen die Farbwerke Hoechst das aus Kälber- und Rinder-Bauchspeicheldrüsen hergestellte „Insulin Hoechst“ vor. Weitere Produktionsstätten entstehen in Dänemark (Hagedorn) und Österreich.

In den folgenden Jahrzehnten wird Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von Rindern und Schweinen gewonnen. Obwohl auch tierisches Insulin beim Menschen wirkt, gibt es trotzdem Versuche, menschliches Insulin zu produzieren, da die Behandlung mit unmodifiziertem tierischen Insulin oft zu schwerwiegenden immunologischen Nebenreaktionen führt.

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Quelle: Wikipedia, Artikel „Geschichte der Diabetologie
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