„Assi“ – von „asozial“

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Das Schimpfwort „Assi“ leitet sich von dem Wort „asozial“ ab, es kann als Adjektiv („Du bist aber assi!“) und als Nomen („Der ist doch ein Assi!“) verwendet werden. Das Adjektiv „sozial“ ist ein Synonym zu „gesellschaftlich“ und im erweiterten Sinn zu „gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig“. Das vorangestellte „a-“ negiert die Bedeutung des Wortes, so dass jemand, der „asozial“ ist, die genannten Eigenschaften eben gerade nicht hat. Man könnte auch „unsozial“ sagen.

Und bei manchen Menschen, die das Wort „Assi“ verwenden, stellt sich mir die Frage, WER hier eigentlich „asozial“ ist, der mit diesem Wort bedachte – oder der, der das Wort verwendet?

In den „Tagesthemen“ gab es nämlich einen Beitrag, der eigentlich die Mietpreiserhöhungen in Leipzig zum Thema haben sollte. Doch der Beitrag mutierte unversehens zum Klassenkampf, als die dort vorgestellte Akademikerfamilie sich dagegen verwahrte, den Sohn auf ein Gymnasium im „Arbeiterviertel“ zu schicken. Neben der Unterstellung, dass die Kinder dort keine so gute Ausbildung wie im „Akademikerviertel“ bekommen würden, fiel das Wort „Assi-Viertel“ als Umschreibung für den Stadtteil, in dem das andere Gymnasium liegt. Das erzeugte Kritik und einen offenen Brief. Auf die Kritik reagierte man bei den „Tagesthemen“ extrem unsouverän: Das entsprechende Video wurde kommentarlos gelöscht, eine Stellungnahme zum Inhalt an sich gibt es bisher nicht.

Was ich mich frage: Welche Denke herrscht da bei manchen? Es geht bei der Sache um staatliche Schulen. Punktum. Und nur weil eine Schule im „Arbeiterviertel“ liegt, soll die Ausbildung dort anders oder schlechter sein als bei der selben Schule, die im „Akademikerviertel“ liegt? Da liegt der Verdacht nahe, dass es weniger die Schule an sich, sondern mehr die potentiellen Klassenkameraden sind, diese ominösen „Arbeiterkinder“, die sich auf keinen Fall mit den „Akademikerkindern“ mischen sollen.

Standesdenken im 21. Jahrhundert. In Reinform.

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Über Thorsten Reimnitz 841 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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