Europa ist nicht tolerant, Europa ist janusköpfig – ein Nachtrag zum ESC

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Publikum: Buuuh! Buuuh!
Monty Burns: Rufen die „Buh“?
Mr Smithers: Aber nein, die rufen „Buörns!“
Monty Burns: (zum Publikum) Ruft Ihr „Buh!“ oder „Buörns!“?
Publikum: Buuuuh!
Hans Maulwurf: Ich hab aber „Buörns“ gerufen.

– „Die Simpsons“

Der römische Gott Janus wird mit zwei Gesichtern dargestellt, die in entgegen gesetzte Richtungen blicken. Wohlgemerkt, es ist nicht so, dass er zwei Köpfe hat. Er hat einen Kopf mit zwei Gesichtern. Es heißt, er kann damit sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft blicken. Deswegen ist der Monat „Januar“ nach ihm benannt, da man ja zum Jahreswechsel sowohl auf das vergangene Jahr zurückblickt, als auch gespannt darauf schaut, was das neue Jahr bringen wird. Allerdings hat sich von diesem Gott auch die nicht ganz so schmeichelhafte Vokabel „janusköpfig“ abgeleitet, mit der man Menschen umschreibt, die zwei Dinge tun oder zwei Meinungen vertreten, die sich komplett widersprechen. Oft geht es dabei um Unehrlichkeit, nämlich dass der entsprechenden Person dieser Widerspruch bewusst ist und sie es mit Absicht macht (zum Beispiel, um sich zwei Optionen offen zu halten). Aber es gibt auch die, denen der Widerspruch nicht auffällt, dem sie sich da hingeben. Und damit sind wir beim „Eurovision Song Contest“ angekommen.

Die eine Seite hat Stefan Niggemeier schon sehr schön aufgearbeitet: „Conchita Wurst punktete bei den Zuschauern in ganz Europa„. Für diejenigen, die die letzten 30 Stunden in einer zugenagelten Kiste ohne Kontakt zur Außenwelt verbracht haben: Österreich hat den ESC gewonnen und zwar mit dem Beitrag „Rise like a Phoenix“ von Conchita Wurst, eigentlich Tom Neuwirth, einem homosexuellen Travestiekünstler, der mit der Kunstfigur Conchita zum Nachdenken über das Anderssein anregen wollte. Und ganz offenbar ist ihm das gelungen. Stefan Niggemeier arbeitet in dem verlinkten Artikel sehr schön heraus, dass das Publikum relativ einhellig – manchmal im Gegensatz zu den jeweiligen Jurys – für diesen Beitrag stimmte. Möglicherweise hat Europa damit ein Zeichen für Toleranz gesetzt und möglicherweise (aber ich fürchte, das ist schon zu weit gedacht) haben es diejenigen, die bei den Homosexuellen-Rechten immer die Bremse reinhauen wollen, ein klein wenig schwerer, ihre Legitimation zu erklären.

Leider haben die Zuschauer gestern auch das hässliche Gesicht Europas gezeigt: Das der Intoleranz und Spaltung. Beim Voting von Russland wurde kräftig gebuht und auch so manche 12 Punkte für den russischen Beitrag wurde mit kräftigen Buh-Rufen begleitet. Gestern machte auf Twitter dann noch ein Witz die Runde, der sich von der Szene aus den „Simpsons“ ableitet, die ich an den Anfang dieses Beitrags gestellt habe. Kurz zur Erklärung: In dieser speziellen „Simpsons“-Episode finde in Springfield ein Filmfestival statt. Natürlich lässt auch Kernkraftwerksbesitzer und Multimilliardär Monty Burns einen Film produzieren, in dem er sich als Retter und Menschenfreund darstellen lässt, der am Ende sogar als Messias in den Himmel aufsteigt. Als der Film vorbei ist, kommt es zu der oben beschriebenen Szene, das Publikum buht, Smithers versucht, Burns zu überzeugen, dass sie ihm in Wahrheit mit „Buörns“-Rufen zujubeln (zur Erklärung, falls das nicht klar sein sollte: der Name „Burns“ wird auf Englisch natürlich „börns“ ausgesprochen). Aber der einzige, der wirklich „Buörns“ gerufen hat, ist Hans Maulwurf.

Angesichtes des ESC wurde diese Szene nun so abgewandelt[1]:

Publikum: Buuuuh! Buuuuh!
Vladimir Putin: Rufen die „Buh“?
Dmitri Medwedew: Aber nein! Die Rufen „Buhtin! Buhtin!“.
Vladimir Putin: (zum Publikum) Ruft Ihr „Buh!“ oder „Buhtin!“?
Publikum: Buuuuh!
Weißrussland: Ich hab aber „Buhtin“ gerufen.

Ja. Schade, Europa, aber irgendwas ist ja immer. Nicht nur dass die anti-russischen Ressentiments, mit denen unsere so genannten „Leitmedien“ uns seit Wochen bombardieren, sich offenbar gut verfangen haben, nein, man buht, weil eine Moderatorin aus Russland ein paar Zahlen verkündet, als sei sie Putin persönlich; und man buht Punktevergaben an eine russische Sängerin aus, als sie sie Putin persönlich. Und das ganze wird auch noch witzig gefunden. Individuen scheint es in Russland keine mehr zu geben, es gibt nur noch „Putin“. Zu Zeiten des kalten Krieges wurde immer vor „dem Iwan“ gewarnt, wenn man die UdSSR irgendwie personifizieren wollte und „der Russe“ einem zu unpersönlich schien. Heute ist es „der Putin“ – Gottseidank muss man nicht mehr auf fiktive Figuren wie den „Iwan“ zurückgreifen – und der Konflikt wird selbst in den ESC hinein getragen.

Mit anderen Worten: Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass allein schon deswegen eine Lösung des Ukraine-Konflikts auf Gesprächsbasis vom Volk nicht mehr positiv aufgenommen werden wird. Man sieht es ja schon an den permanenten Kehrtwendungen, die die „Leitmedien“ vollziehen: Erst heißt es, Putin soll endlich mit der OSZE verhandeln, und wenn er Verhandlungsbereitschaft signalisiert, heißt es wieder, Putin würde nur taktieren. Ich sehe es schon kommen, dass jede friedliche Lösung dieses Konflikts, sollte sie überhaupt noch kommen, als „Kniefall vor Putin“ bewertet werden wird.

Und das ist die Quintessenz dessen, was man als „janusköpfig“ bezeichnet: Die Zuschauer des ESC mögen mit ihrem Entschluss, Conchita Wurst gewinnen zu lassen, wirklich ein Zeichen für Toleranz in der Gesellschaft gesetzt haben. Mit ihren Buh-Rufen für eine russische Sängerin und eine russische Moderatorin haben sie aber auch ein Zeichen der Engstirnigkeit gesetzt. Die Vielfalt, die auf der einen Seite in Form von Conchita Wurst bejubelt wird, wird auf der anderen Seite völlig negiert nach dem Motto: „Ihr Russen seid doch alle gleich!“

Mit beiden Seiten werden wir jetzt umgehen müssen. Denn ich sehe noch etwas anderes kommen: Die Stimmen jener, die die gesellschaftliche Vielfalt, wie sie auch durch Conchita Wurst dargestellt wird, ablehnen, werden lauter und schriller werden. Spätestens am Montag wird die konservative Medienlandschaft das Jagdhorn blasen. Natürlich auch – so wie in den vergangenen Wochen – gegen Putin, aber vermutlich wird das ESC-Ergebnis mit dazu kommen.

Und wetten: Irgendjemand holt wieder die alte Geschichte mit den osteuropäischen Ländern, die sich gegenseitig die Punkte zuschieben, aus dem Keller!

 

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[1] Wegen der Quelle: Ich habe diesen Witz gestern bzw. heute früh in meiner Twitter-Timeline gehabt, ihn dann aber nicht mehr wiedergefunden. Es war ein Re-Tweet, der Witz war ursprünglich auf Englisch. Falls jemand die Quelle kennt, bitte in die Kommentare eintragen.

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Über Thorsten Reimnitz 841 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

2 Kommentare

  1. Die Buhrufe galten der russischen Schwulen-Politik. Vielen Menschen (nicht nur Schwulen/Lesben) ist klar, dass jemand wie Conchita Wurst, wenn sie irgendwo in einer russischen Stadt auf die Straße gehen würde, sehr leicht von „gesund“ empfindenden „christlichen“ Russen verprügelt werden könnte. Es ist darüber hinaus klar, das die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass derartige Attacken in Russland, wegen der aktuellen Gesetzgebung, nicht geahndet werden würden. Das macht Russland zu einem äußerst gefährlichen Pflaster, für Menschen, die äußerlich aus dem Normalo-Raster fallen. Schwule/ Lesben werden sich in Russland in der Zukunft wegducken und verstecken müssen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Das macht sie zu Bürgern zweiter Klasse. Dass es im Westen nicht schon lange vorher einen richtig lauten Aufschrei wegen der homophoben Putin-Politik gegeben hat, ist eigentlich ein Wunder.

    Die Reaktionen einer Anzahl russischer Betonköpfe auf den Sieg Conchita Wursts sprechen Bände. Schirinowskis Statement war nicht die berühmte Ausnahme der Regel, sondern eine von vielen negativen Reaktionen in Russland. Auf Facebook z.B., gibt es einen (durchaus ernstgemeinten, es gibt mehrere, einige davon eher satirischer Natur) Putin-Fanclub – die aggressiv homophoben Statements gegen Conchita Wurst, die es dort zu lesen gibt, lassen einem die Haare zu Berge stehen!
    Es gab übrigens im Vorfeld des ESC in Weißrussland Versuche die Fernsehübertragung des österreichischen Beitrags zu verhindern. Dies ist nicht nur ein Gerücht, wie es oft hieß. http://derstandard.at/1381371575047/Petition-in-Weissrussland-Protest-gegen-Conchita-Wurst

  2. Danke für die ausführliche Antwort. Wenn das so ist, dann… haben wir ein noch größeres Problem, als ich gedacht habe. Um das klar zu machen: Ich behaupte nicht, dass die Politik Russlands immer richtig ist. Und die Anti-Homosexuellen-Gesetze sind ein Rückschritt in dunkle Zeiten. Das Problem ist nur: Jetzt fliegt alles zusammen in einen Topf. Das ist eine ungute Mischung aus berechtigtem Protest und gewollt aufgebautem Feindbild aufgrund politischer Räson. Und diese Buh-Rufe… es ist ein verdammt einfacher Protest, mann kann nicht unterscheiden, heißt es jetzt „Buh wegen den Anti-Homosexuellen-Gesetzen!“ oder „Buh wegen der Krim!“ oder „Buh wegen Putin!“? Vermutlich sogar wegen allem zusammen. Und dann stand da diese russische Moderatorin, die weiter nichts tun sollte, als ein paar Zahlen zu verkünden – und die bekam es ab. Stellvertretend für… ja… wen eigentlich?

    Denn interessant ist auch folgendes: Russland hat Österreich ja fünf Punkte gegeben, und das, weil das Publikumsvoting Conchita Wurst auf Platz 3 (!) gesetzt hat (die Jury auf Platz 11, Quelle: http://www.eurovision.tv/page/results?event=1893&voter=RU). Das heißt, beim „durchschnittlichen“ russischen Publikum kam der Beitrag recht gut an, trotz oder wegen Conchita.

    Ich habe in dem Text alle Erwartungen an den Sieg von Conchita Wurst mit Vorsicht formuliert. Es wäre zu wünschen, wenn das wirklich ein Zeichen wäre in Richtung Toleranz, damit man sieht, dass diejenigen, die gegen den „unnatürlichen Lebensstil“ hetzen oder gar glauben, Homosexualität könne irgendwie „geheilt“ werden, zwar sehr laut sind, aber nicht die Mehrheit darstellen. Ich habe aber die Befürchtung, dass die „Krachmacher“ sich nun gewaltig zurückmelden. Und DA muss Europa sich beweisen. Nicht nur einmal einen Homosexuellen zum Sieger des ESC wählen, sondern die Toleranz leben. Jeden Tag neu.

    Und über Vladimir Schirinowski braucht man kein weiteres Wort mehr zu verlieren, denn dieses Lied hat schon vor Jahren alles gesagt: „There lives a man in Moscow …his dreams are very simple, dreams of an iron fist. His name is Shirinowski, he’s a bloody damned f****st!“ (Paddy goes to Holyhead: „Shirinovski“ -> http://youtu.be/zV_fTUfORNw)

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