Neun-Null-Eins

Jeff trug wie immer in der kälteren Jahreszeit sein blaues Sweat-Shirt, das mitten auf der Brust das mit einem rechteckigen Rahmen versehende „F“ zeigte. „F“ wie „Future“. Der Papierstapel vor ihm war im wahrsten Sinne des Wortes reif fürs Museum. Es handelte sich dabei um Druckerpapier, wie es in den 1980er- und vielleicht noch in den 1990er-Jahren verwendet worden war, aber auf keinen Fall mehr später. Die Blätter waren groß, quadratisch und hingen aneinander. Eigentlich war es ein großes Endlosblatt gewesen, das von einer Maschine in Einzelblätter gefaltet worden war. Am Falz hatte man das Papier zudem perforiert, so dass man die Seiten von einander abreißen konnte.

Und noch eine Besonderheit hatten die Blätter: Sie wiesen an beiden Rändern eine durchlaufende Lochung auf. Mit dieser Lochung wurden sie in die Drucker der „alten Tage“ eingespannt. Die Lochung sorgte dafür, dass die Blätter weitertransportiert wurden, während man sie bedruckte. Die eine Seite der Blätter war einfarbig grau – schon damals achtete man auf dem Umweltschutz, die andere Seite war mit einer seltsam grünen Linierung versehen. Jede zweite Zeile hatte diese Linierung und war mit einer Zahl versehen, von 2 bis 70. Ein kleiner Schriftzug am linken unteren Rand verriet, dass die Firma „Hummel Magstadt“ dieses Papier hergestellt hatte und der Umstand, dass bei dem Ort eine vierstellige Postleitzahl angegeben war, datierte das Papier zurück in eine Zeit vor dem so genannten „Mauerfall“, eine Zeit, als „Deutschland“ noch aus zwei Staaten bestand.

Offenbar waren es nostalgische Gründe (neben dem Umstand, Geld einzusparen), dass dieses Papier beim „Phantastischen Projekt“ immer noch verwendet wurde. Schließlich waren die ersten Entwürfe für das Projekt auf genau demselben Papier entstanden, damals, 1985. Endlospapier von „Hummel Magstadt“ für Nadeldrucker mit Einzuglochung.

1985. Fast 29 Jahre war das nun her. Im August würde das Jubiläum sein. Aber darum ging es gerade nicht. Andere Dinge standen an. Jeff blickte herüber zu dem Typ, der an einem silbernen Laptop saß.

„Du glaubst, dass es funktioniert?“, fragte Jeff.

„Hey! Wir kaufen keinen Scheißdreck von einer Maschine!“, erwiderte der Angesprochene.

Jeff schüttelte den Kopf. So war Max eben. Schon seit den frühen Tagen des Projekts war er für die computertechnische Seite zuständig. Ständig zitierte er irgendwelche Filme oder Fernsehserien, mit Vorliebe „TRON“, „Max Headroom“ oder „Star Trek“. Und das, womit er gerade beschäftigt war, hatte er sich direkt von seiner Lieblingsserie „Max Headroom“ abgeschaut: Eine künstliche Intelligenz, die auf einer Gehirneinspeicherung in einen Computer basierte.

Max war ein wandelndes Klischee, mit seiner verspiegelten Brille, die direkt aus den 1980er-Jahren stammte, seiner Baseball-Mütze und dem Shirt, ganz in Schwarz gehalten, auf dem freundliche, weiße Buchstaben verkündeten: „There’s no Place like 127.0.0.1“, ein Witz, den Computerkenner verstanden, wenn sie „Der Zauberer von Oz“ gesehen hatten.

„Während Du da herumfuhrwerkst, kannst Du mir mit einem Ohr vielleicht zuhören?“

„Herumfuhrwerken?“ Max blickte empört auf (soweit man das beurteilen konnte, seine Augen konnte man hinter der Spiegelbrille ja nicht sehen). „Das ist eine hochkomplizierte Angelegenheit, die ich hier konstruiere, und Du sagst ‚herumfuhrwerken‘? Noch nie hat jemand eine künstliche Intelligenz auf der Basis eines hyperintelligenten Tieres und eines komplexen Lexikons geschaffen! Ich bin ein Pionier!“

In diesem Moment betrat ein Mann in Monteurskleidung und einem weißen Helm den Raum. „Guten Abend, Ihr beide!“, sagte er freundlich, und an Max gerichtet: „Na, wie läuft’s mit Deinem Experiment?“

„Ich bin am Herumfuhrwerken!“, erwiderte Max eingeschnappt und wandte sich wieder dem Bildschirm seines Laptops zu.

„Was… hab ich was Falsches gesagt?“ Der Mann kratzte sich an seinem Helm. Eine eigentlich sinnlose Geste, die nur seine Ratlosigkeit unterstreichen sollte. Sein Name war Zach, Zach Urity, beim Projekt zuständig für Sicherheit und Technik.

„Mach Dir nichts draus“, meinte Jeff. „Wie kommst Du voran?“

„HA!“ Zach konnte nicht antworten, da ihm Max‘ Ruf zuvor kam. „Ich glaube, ich habe es!“, fügte der Computerspezialist an. „Seht und staunt!“

SiegfriedEr deutete auf ein kleines, elektronisches Tier, das über ein USB-Kabel mit Max‘ Laptop verbunden war. Eine kleine künstliche Eule. Das hatte einen recht tragischen Hintergrund: Siegfried, der intelligente Waldkauz, der am „Communiqué“ mitgearbeitet hatte (was wiederum eine recht interessante Geschichte ist, hier aber zu weit führt), war Opfer eines Anschlags geworden. Jemand hatte vergiftete Köder ausgelegt und bis bemerkt wurde, was passiert war, war es schon zu spät gewesen. Doch Max kam auf die Idee, Siegfrieds Gehirn auszuspeichern auf eine Festplatte, mit einem kompletten Lexikon menschlichen Wissens zu kreuzen und eine künstliche Intelligenz zu schaffen, die wiederum in einen künstlichen Körper eingesetzt werden sollte. Siegfried 2.0 sozusagen.

Dieser künstliche Körper war eine kleine Eule, die auf einem künstlichen kleinen Baumstumpf saß. Die ganzen Tage hatte Max an dem Programm gearbeitet und jetzt sollte es soweit sein: die Informationen sollten in das Elektronengehirn des Körpers übertragen werden. Endlich erschien auf dem Bildschirm des Laptops die erlösende Botschaft: „Upload completed!“ Jetzt starrten alle auf die kleine Plastikeule.

Mit einem leisen Surren begann sie, den Kopf zu bewegen. Dann öffnete sie die Augen. „Mark…“, klang es aus einem Lautsprecher, „Ma… Ma… Mark…. Mark… Dorf…“

Jeff zog die Stirn kraus: „Was?“

„Als das Gift zu wirken begann, ist er gegen ein Ortsschild geprallt“, erklärte Max. „Das ist das Letzte, was er gesehen hat. Und das erste, was er in seiner neuen Form spricht.“

„Klingt fast wie ein Name“, fand Zach. „Sollen wir ihn jetzt ‚Mark Dorf‘ nennen?“

„Jetzt sei mal nicht albern!“, widersprach Max. „Das hängt alles davon ab, was er selbst möchte!“

„Iiiich möchte… te…“, sage die Eule mit elektronischer Stimme, „ein wenig auf das eingehen, was hier vor sich zu gehen scheint. Sehen Sie, bis gerade eben bestand mein Leben noch aus herumfliegen und bissigen Kommentaren, dann macht es ‚wumms‘ und ich finde mich hier wieder, im Körper dessen, was kein Strix Aluco, kein gemeiner Waldkauz zu sein scheint, sondern mehr… ein Bubo Bubo. Und das die auch als ‚Standvögel‘ bezeichnet werden, scheint man falsch verstanden zu haben, als man mich an diesen Baumstamm festgetackert hat! Was ist passiert?“

Mit ein paar erklärenden Worten wurde Siegfried in seine aktuelle Situation eingeführt, was er mit einem „Oh!“ quittierte und dem Verweis auf die Geschichte „Die Nachtigall“ von Hans Christian Andersen. „Aber immerhin“, schloss er seinen Vortrag, „ich bin immer noch da und kann den Leuten immer noch auf die Nerven fallen. Das ist doch auch was wert. Und was steht in nächster Zeit so an? Äh… ist das Endlospapier für Nadeldrucker? Was für eine Antiquität! Ist der Dritte Weltkrieg ausgebrochen, während ich weg war und sind wir alle in die computertechnische Steinzeit zurückgefallen? Oder sagen wir, Ihr alle! Ich bin ja ein technisches Meisterwerk. Also, what’s up, Doc?“

Jeff warf Max einen scharfen Blick zu. „Bugs Bunny?“, fragte er. „Du hast ihn doch wohl nicht etwa mit einer Zitatedatenbank gefüttert?“

„Nein, natürlich nicht!“

„Gut.“

„Es war viel mehr als das!“

Jeff seufzte. „Und was genau?“

„Also“, erklärte Max, „die Enzyklopädie, die Wikipedia, Wikiquotes, Filmzitate, Serienzitate, klassische Zitate, unnützes Wissen… und eine ganze Reihe mehr.“

„Verbunden mit Siegfrieds selbstüberzeugter Art“, beendete Jeff die Aufzählung, „das kann ja heiter werden.“

„‚Das kann ja heiter werden‘ ist eine dreizehnteilige Fernsehserie des ZDF, die 1982 produziert wurde“, plapperte Siegfried dazwischen. „Oh Verzeihung, das kam so über mich.“

„Versuch, Dich in Zukunft zu bremsen“, drohte Jeff, „sonst dreh ich Dir den Saft ab.“

„Ha!“, konterte Siegfried, „Worte, nur Worte, nur Worte…“

„Jetzt singt er auch noch!“, zischte Jeff an Max gerichtet. „Sieh zu, dass Du das in den Griff kriegst, bevor die anderen hier eintreffen. Wenn er ständig dazwischenquatscht, wird das eine anstrengende Besprechung.“

Max begann, auf seinem Laptop herumzutippen. „Was tust Du da, Dave?“, fragte Siegfried in einem gleichmütigen Tonfall. „Das kann ich nicht zulassen.“

„Okay“, gab Max zu, „jetzt macht er mir auch Angst. Ich sehe zu, was ich tun kann.“

Über Thorsten Reimnitz 821 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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