„Asterix bei den Pikten“ – eine crossmediale Rezension

Comics sind aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken, auch wenn es Menschen gibt, die das bedauern. Dabei sind die Comicstile so unterschiedlich wie die Länder oder Regionen, aus denen sie stammen. Während in den USA Comichefte lange Zeit „Lese- und Wegwerfgut“ waren, entwickelte sich in Europa eine Comickultur der „Alben“, also großformatige Hefte mit mehr als 30 Seiten. Entwickelt hatte sich das aus Magazinen, die mehrere verschiedene Comics enthielten. Eines dieser Magazine war das 1959 gestartete „Pilote“ aus Frankreich. Ziel war dabei nicht nur, die Leser zu unterhalten, sondern auch irgendwie Bildung und Information einfließen zu lassen. Der Zeichner Albert Uderzo und der Texter René Goscinny wollten für „Pilote“ eine Fortsetzungsgeschichte schreiben, die einen Teil der französischen Geschichte beleuchten sollte.

Da ihnen spontan keine Idee kam, welche Epoche sie nehmen sollten, gingen sie die verschiedenen Zeitabschnitte chronologisch durch, angefangen bei den Höhlenmenschen. Doch schon beim Zeitalter der Kelten, genauer gesagt, den keltischen Galliern, blieben sie hängen. Ganz Gallien von den Römern erobert, nur ein kleines Dorf leistet Widerstand… das schien ihnen ein passendes Thema zu sein für eine Reihe, die aktuelle Themen (der französische Widerstand gegen Besatzer) mit Historie (Gallien, die Römer und Europa der Antike) miteinander zu verbinden. Sie suchten eine Erklärung, warum ausgerechnet das kleine Dorf, in dem die Haupthelden lebten, sich gegen die Römer zur Wehr setzen konnte, und fanden sie bei den keltischen Druiden, die dafür bekannt waren, allerlei magische Tränke zuzubereiten. Der Zaubertrank war also die Geheimwaffe der Gallier. Dann ließen sie sich allerhand Wortspiele für vermeintliche antike Namen einfallen, indem alle männlichen Galliernamen auf -ix enden, die ihrer Frauen auf -ine, alle Römer auf -us, alle Briten auf -ax… und so weiter.

Der Hauptheld bekam den Namen „Asterix“, sein Freund wurde „Obelix“ genannt. Uderzo machte ein paar Probezeichnungen mit einem „typischen Helden“, groß, muskulös… doch bald war klar, dass Asterix anders sein und die Probleme in seinen Geschichte nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit Köpfchen lösen sollte. So wurde das Duo zu „Anti-Helden“, Asterix klein und eher hager, Obelix groß, rund und dick. Die Forsetzungsreihe in „Pilote“ wurde von Anfang an ein großer Erfolg, so dass die Geschichten als Comicalben nachgedruckt wurden. So dauert seit 1959 die „Ära Asterix“ an. Vor ein paar Tagen ist Band Nr. 35 erschienen, und um die Bedeutung dieser Geschichte zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die Entwicklung der Reihe werfen:

Der Aufstieg von ASTERIX


Die ersten fünf Bände der Reihe bauten das ASTERIX-Universum sozusagen auf, der Leser erfuhr etwas über das kleine Dorf, über die Welt, in der die Protagonisten lebten und folgte ihren ersten Reisen. Außerdem wurden die Running Gags installiert, die fester Bestandteil der Geschichten werden sollten, wie etwa Obelix‘ Spruch „Die spinnen, die Römer“ oder die Piraten, denen die Gallier auf ihren Reisen immer wieder begegnen, wobei die Begegnung meistens mit dem Versenken des Piratenschiffes endet. In Band 5 kam das letzte Mitglied der „Stammbesetzung“ neu dazu: Der Comic hieß „Tour de France“ und ging um eine Reise durch das antike Frankreich, um den Römern zu beweisen, dass sie die Gallier nicht einsperren können. Bei einem Stop in Lutetia, dem heutigen Paris, sitzt ein kleiner, schwarz-weißer Hund vor einer Metzgerei, der den Helden spontan nachläuft und von Obelix schließlich als Haustier behalten wird. Sein Name wird „Idefix“, dieser wurde über einen Leserwettbewerb bestimmt.

In den weiteren Bänden bereisen Asterix und Obelix die antike Welt, wobei die Autoren viel mit neuzeitlichen Klischees spielen (militaristische Deutsche, bürokratische Römer, pingelige Engländer) und auch auf aktuelle Ereignisse oder Politik anspielen. Der Erfolg von ASTERIX war ungebrochen. Während der Arbeit an Band 24, „Asterix bei den Belgiern“, kam es 1977 allerdings zu einem tragischen Ereignis: René Goscinny starb, bevor die Geschichte abgeschlossen werden konnte. Obwohl Goscinny Uderzo gebeten hatte, das Album nicht ohne ihn zu beenden, bestand der Verlag Dargaud auf der Einhaltung des Vertrags. Uderzo musste „Asterix bei den Belgiern“ zwangsweise fertigstellen. Das führte zum Bruch zwischen ihm und dem Verlag und zur Gründung eines eigenen, der „Editions Albert René“.

Die Solo-Klassiker von ASTERIX


Viele Menschen machten sich Gedanken, wie es wohl nach dem Tod von René Goscinny weitergehen würde, oder ob Asterix sein letztes Abenteuer erlebt hatte. Das Gegenteil war der Fall, Uderzo verkündete, fortan allein zu arbeiten. Die nächsten vier Bände, „Der große Graben“, „Die Odysee“, „Der Sohn des Asterix“ und „Asterix im Morgenland“, schlossen nahtlos an die Reihe an. Auch wenn Uderzo vermehrt phantastische Elemente einbaute (wie etwa den fliegenden Teppich in der „Morgenland“-Geschichte“ oder den „Gadget-Streitwagen“ des Druiden Nullnullsix), waren es gute Geschichten, die zu Klassikern wurden. Doch so sollte es leider nicht bleiben.

Der Fall des ASTERIX


Kritiker bemängelten immer mehr, dass Uderzo zwar gute einzelne Einfälle hätte, aber es werde immer offensichtlicher, dass diese nicht ausreichten, um eine große Geschichte zu erzählen. Ein einseitiger Comic, den Uderzo gezeichnet hatte, zeigte dabei das tiefe Problem der ganzen Sache. In diesem Comic sieht man ihn und Goscinny in einem Bistro sitzen und überlegen, was für eine ASTERIX-Geschichte sie als nächstes machen könnten. Lange fällt ihnen nichts ein, bis einer von beiden plötzlich eine Idee hat. Und schon geht es los: beide inspirieren sich gegenseitig, neue Gags sprudeln förmlich aus den beiden raus, bis sie am Ende von einer Ambulanz abgeholt werden, die der besorgte Wirt des Bistros gerufen hat.

Genau das war es – Uderzo braucht ein Gegenüber, jemand, der gute Ideen erkennt, selber Ideen einbringt, andere Ideen oder Gags weiterentwickelt oder auch mal sagt: nein, das ist nicht gut, das lassen wir lieber. Und jemand, der das alles in eine Geschichte einbinden kann. Allen Kritiken zum Trotz beschloss Uderzo, allein weiterzumachen. Bei den nächsten fünf Bänden war nur einer dabei, der gut war – was daran lag, dass es sich um eine Zusammenfassung von ASTERIX-Kurzgeschichten handelte, die teilweise schon Jahre vorher erschienen waren. Die anderen Bände zeichneten einen langsamen Absturz des gallischen Kriegers. Es waren zwar Themen, aus denen man sehr wohl etwas hätte machen können, deren Umsetzung allerdings weniger gelungen war. Tiefpunkt – zumindest für mich persönlich – war der unsagbar schlechte Band Nr. 33: „Gallien in Gefahr“. Nicht nur, dass Uderzo das ASTERIX-Universum endgültig sprengte, indem er eine Science-Fiction-Geschichte mit Außerirdischen schrieb, das ganze war auch noch eine Allegorie auf einen „Kampf der Comic-Kulturen“, denn die verfeindeten außerirdischen Völker repräsentierten den Comicstil von Amerika und die japanischen Mangas. Die Geschichte selbst enthielt so wenig Substanz, dass sie mit über mehrere Panels gehenden Bildern gestreckt wurde. Der Tiefpunkt des Tiefpunkts war dabei ein Bild, das eine ganze Seite einnahm und eigentlich nichts zeigte außer dem gallischen Dorf, über dem das Raumschiff des Außerirdischen schwebte. Und dieses Raumschiff war nicht einmal besonders spektakulär, es war eine eintönige, goldene Kugel ohne Struktur oder Aufbauten. Doch nicht einmal diese Maßnahmen reichten, denn: das Album war eine Seite zu kurz. Die letzte Seite verschwendete Uderzo an ein Nachwort, in dem er dem „großen Druiden Walt Disney“ dankte, eine Verbeugung, die meiner Ansicht nach völlig überflüssig war. Uderzo hat selbst genug geleistet, er braucht sich nicht klein zu machen – ausgerechnet vor Disney.

Über Band Nr. 34, der anlässlich des 50jährigen Jubiläums herauskam, kann ich gar nicht viel sagen. Die Enttäuschung über Band 33 hat dazu geführt, dass ich diesen bislang nicht gelesen habe. Aber die Geschichte geht weiter.

ASTERIX – die Auferstehung

Ehrlich gesagt war es nach Band 34 eine Erleichterung zu hören, dass Uderzo die Arbeit an ASTERIX in andere Hände geben wollte. Genau das fehlte nämlich seit ein paar Bänden: frischer Wind und neue Ideen. Frédéric Mébarki, Uderzos Assistent, war der Auserwählte. Doch der gab das ganze rasch auf. In einigen Berichten wird behauptet, er sei mit dem Erwartungsdruck nicht klargekommen, in anderen heißt es, Uderzo sei mit seiner Arbeit nicht zufrieden gewesen. Was auch immer es war, jedenfalls wurde die Fortführung von ASTERIX nun einem Team übergeben, dem Zeichner Didier Conrad und dem Texter Jean-Yves Ferri. Mitte 2013 wurde dann zumindest bekannt, wie der neue Band heißen sollte: „Asterix bei den Pikten“. Mehr wurde nicht herausgegeben – und durfte auch nicht. Mitarbeiter und Geschäftspartner des Verlags wurde eine hohe Konventionalstrafe angedroht, wenn sie Einzelheiten vor Erscheinen des Heftes auf dem Markt weitergeben würden. Am 24. Oktober 2013 war es dann soweit:

ASTERIX BEI DEN PIKTEN


Ein ungewöhnlich harter Winter hat Aremorica und das kleine Dorf der Unbeugsamen im Griff. Kleine Klugscheißerei am Rande: da in „Asterix und Kleopatra“ ebenfalls Winter herrscht, können wir nicht mehr das Jahr 50 vor Christus haben, sondern mindestens 48. Da in „Asterix in Spanien“ allerdings erwähnt wird, dass selbige Episode am 17. März 45 vor Christus beginnt, befinden wir uns also mindestens im Jahr 44. Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Zeit schreitet bei Asterix also doch fort, zwar sehr langsam, aber sie schreitet fort.

Zurück zum Thema: Da der Winter ungewöhnlich hart ist, können Asterix und Obelix keine Wildschweine jagen. Stattdessen gehen sie an den Strand, um Austern zu suchen. Zwischen allerhand Treibgut finden sie einen riesigen Eisblock, in dem ein Mensch eingefroren ist. Sie tragen ihn zum Druiden Miraculix, der den Fremden anhand seiner Tätowierung als Pikte, einen Schotten, identifiziert. In Miraculix‘ Hütte wird der Eisblock aufgetaut und erstaunlicherweise hat der Fremde die ganze Prozedur gut überstanden: Er leidet lediglich an einer Stimmlosigkeit. Das macht es schwierig, den Galliern zu erklären, wo er herkommt. Miraculix versucht es mit einem Zaubertrank, der allerdings nur dazu führt, dass der Pikte unzusammenhängend irgendwelche Liedtexte zitiert. Als Obelix ihm zum Zeitvertreib das Hinkelsteine schlagen beibringen will, meißelt er eine Karte in den Stein. Damit wissen die Gallier, wohin sie den Fremden bringen müssen. Sie starten zur Fahrt nach Kaledonien. Als sie auf dem Meer die obligate Begegnung mit den Piraten haben, findet der Pikte seine Stimme wieder und erzählt seine Geschichte: Sein Name sei Mac Aphon. Er habe um die Hand von Camilla, der Tochter des verstorbenen Piktenkönigs Mac Nifizenz angehalten, als er von seinem Rivalen Mac Abberh an einen Baumstamm gekettet in einen Loch geworfen worden sei, von wo aus es ihn nach Aremorica trieb. Als die drei Kaledonien erreichen, ist die Wiedersehensfreude bei Mac Aphons Clan groß, doch es gibt eine schlechte Nachricht: Mac Abberh hat Camilla entführt und will sich zum König der Pikten ausrufen lassen. Mac Aphon, Asterix und Obelix wollen das verhindern. Was niemand ahnt: Mac Abberh hat sich mit den Römern verbündet. Eine komplette Garnison ist unter der Leitung des Zenturios Habdenblus in Kaledonien an Land gegangen. Ihr Auftrag: Sollten die Clanchefs sich weigern, Mac Abberh als den König der Pikten anzuerkennen, sie mit Waffengewalt dazu bringen. Damit Mac Aphon bei der Versammlung seine Stimme gegen Mac Abberh erheben kann, brauchen die Gallier den Stimmentrank von Miraculix, doch den hat ihnen ein Seeungeheuer abgenommen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, das rettende Fläschchen wiederzufinden…

„NEIN, DU WIRST NICHT ZÄHLEN! NEIN, DU WIRST NICHT ZÄHLEN!“


Fangen wir mit der Kritik mal bei der Technik an. Ich finde es nämlich erstaunlich, wie sehr es Didier Conrad gelingt, Uderzos Zeichenstil nachzuahmen. Es ist fast ein bisschen zu wenig eigener Stil zu erkennen, die Unterschiede sind nur in den kleinen Details zu sehen. Vieles wurde auch bei der Gestaltung beibehalten. Wie Uderzo, so hat auch Conrad bekannte Personen in den Darstellungen einzelner Figuren persifliert. Der Bösewicht Mac Abberh beispielsweise ist dem Filmbösewicht Vincent Cassel nachempfunden und ein piktischer Barde trägt die Züge von Johnny Halliday. Mac Aphon sieht dem Indianer Umpah-Pah (aus einer anderen Comicserie, die Goscinny und Uderzo entwickelt haben) ähnlich.

Die Geschichte… ja, um eine kurze Einschätzung vorweg zu nehmen: Sie ist gut. Sicherlich kein Klassiker, aber besser als das, was zuletzt in der Reihe veröffentlicht wurde. Es fehlen die kleinen Raffinessen, aber vielleicht muss sich das neue Team da erst hinarbeiten. Im Gegensatz zu „Gallien in Gefahr“ muss ich sagen, dass ich an mehreren Stellen des Albums laut gelacht habe. Anders als bei der grafischen Umsetzung haben Ferri und Conrad bei der Geschichte dann auch mehr eigene Dinge eingebracht. So wird beispielsweise Idefix diesmal tatsächlich zu Hause zurückgelassen oder der Schmied Automatix verprügelt nicht Troubadix, sondern einen im Dorf anwesenden römischen Volkszähler mit den Worten „Nein, Du wirst nicht zählen!“ Ja, auch der Volkszähler, ein römischer Bürokrat, ist ein Einfall des Autorenduos, der innerhalb der Geschichte einen Running Gag hat. Etwas verwundert hat mich das Ende. Ohne zu viel verraten zu wollen ist es doch die erste Asterix-Geschichte (zumindest soweit ich mich erinnere) in der angedeutet wird, dass einer der Figuren echter Schaden an Leib und Leben und entsteht. Manche der Gags zünden auch nicht so ganz aus meiner Sicht, etwa die Poplieder, die Mac Aphon zitiert, als er noch nicht ganz von seiner Sprachlosigkeit geheilt ist. Ein Witz – so es einer sein soll – hat mich da besonders ratlos zurückgelassen: Miraculix bezeichnet die Liedtexte von Mac Aphon als „Borborygmus“. Mal ganz davon abgesehen, dass ich das Wort erstmal nachschlagen musste („Borborygmen“ sind Darmgeräusche), verstehe ich auch jetzt den Witz noch nicht wirklich.

Natürlich sind bekannte Elemente ebenso vorhanden, Majestix, Verleihnix, Automatix, Troubadix, und die Frauen der Dorfbewohner, die einen gewissen Gefallen an dem muskulösen Pikten und seiner Kleidung finden, genauso wie die Piraten, denen wieder einmal das Schiff versenkt wird. Gut getan hat der Geschichte aber auch, dass die Handlung ansonsten etwas völlig Eigenständiges ist und man nicht Nebenfiguren von früher wieder aufgewärmt oder gar eine Fortsetzung eines klassischen Asterix-Bandes geschrieben hat.

Mein persönliches Fazit: „Asterix bei den Pikten“ macht Lust auf mehr. Es bleibt zu hoffen, dass sich Conrad und Ferri im nächsten Band vielleicht auch ein bisschen mehr trauen, eigene Dinge einzubringen und die Gags und Anspielungen ein wenig subtiler werden, beziehungsweise, die Waage zwischen brachialen und subtilen Gags ein bisschen besser auszugleichen. Dann ist Asterix bereit für eine Reise in eine neue Ära.

Asterix bei den Pikten, erschienen auf Deutsch im Egmont Ehapa Verlag.

[Dieser Post erscheint nochmal in Videoform!]

Über Thorsten Reimnitz 825 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*