TRON LEGACY – Eine Betrachtung

„TRON ist ein Computerprogramm. Heute noch Vision. Vielleicht ist TRON schon morgen Wirklichkeit. Die Entscheidung liegt bei uns. Den Usern.“
(aus dem Vorwort des Hörspiels zum Original-Kinofilm TRON)

Die Vorgeschichte: TRON

Alles begann mit Steven Lisberger, der Ende der 1970er Jahre ein eigenes Zeichentrick-Studio aufbaute. Schon damals schwirrte ihm eine Idee zu einem Film im Kopf herum, den er „TRON“ nannte. 1980 schaffte es Lisberger, seine Idee einer „Olympiade der Tiere“ an die Fernsehanstalten zu verkaufen, kleine Zeichentrick-Clips, die im Fernsehen bei der Berichterstattung über die „wirklichen“ olympischen Spiele laufen sollten.

Mit der Winter-Olympiade in Lake Placid lief alles glatt. Dann jedoch kam der große Boykott, Amerika und die meisten westlichen Staaten verweigerten die Teilnahme an der Sommer-Olympiade in Moskau, um gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan zu protestieren. Damit brauchten die Fernsehsender auch keine Clips von der „Tier-Olympiade“, obwohl diese schon fertig gestellt waren. Lisbergers Idee war, über die Einnahmen aus dieser Arbeit das Filmprojekt TRON unabhängig von großen Studios zu produzieren. Durch den Ausfall der Sommer-Olympiade war das allerdings nicht möglich, wenngleich alle Clips der Tier-Olympiade zu dem Kinofilm „Animalympics“ (deutscher Titel: „Die Dschungel-Olympiade“) zusammengefasst wurden und auch recht erfolgreich liefen. Lisberger wandte sich an verschiedene Studios, Disney schließlich schlug zu und realisierte TRON, der 1982 in die Kinos kam.

In dem Film geht es um Kevin Flynn (Jeff Bridges), einem Computerprogrammierer, der für das damals aufstrebende Unternehmen Encom gearbeitet hat. Flynn programmierte ein paar Spiele für Spielautomaten, doch ein anderer Programmierer namens Ed Dillinger (David Warner) stahl ihm den Programmcode und gab die Spiele als seine aus. Flynn wurde entlassen und Dillinger stieg zum Chef von Encom auf. Gleichzeitig verdient Encom Millionen mit den Spielen. Mit Hilfe seiner ehemaligen Kollegen Lora (Cindy Morgan) und Alan (Bruce Boxleitner) bricht Flynn bei Encom ein, um im Computersystem der Firma die Beweise für Dillingers Betrug zu suchen. Allerdings wird das System mittlerweile von dem allmächtigen MCP, dem „Master Control Programm“ kontrolliert, das mittlerweile Ambitionen entwickelt, das Pentagon und den Kreml zu übernehmen. Das MCP nutzt ein neues Projekt von Encom, um Flynn in den Computer zu ziehen: Ein Laser, der Objekte digitalisieren kann. So landet Kevin im Speicher des Encom-Computers und findet heraus, dass es dort eine Welt gibt ähnlich der unseren, in der die Programme als Lebewesen existieren und vom MCP unterdrückt werden. Mit Hilfe von Alans Monitorprogramm Tron (ebenfalls dargestellt durch Bruce Boxleitner), will Flynn den MCP ausschalten und die Beweise finden, dass er und nicht Dillinger für den Erfolg von Encom verantwortlich ist. Ihr Gegner ist die rechte Hand des MCP, ein Wachprogramm mit Namen „Sark“ (David Warner).

Und nun die Fortsetzung: TRON LEGACY

TRON LEGACY / (c) by The Walt Disney Company
TRON LEGACY / (c) by The Walt Disney Company

Fast 30 Jahre nach dem Original kommt nun also die Fortsetzung: Die Handlung von TRON LEGACY beginnt 1989, also etwa sieben Jahre, nachdem Kevin Flynn gegen den MCP gekämpft hat. Kevin (immer noch Jeff Bridges) ist zum Chef von Encom aufgestiegen, nachdem Dillingers Betrug bekannt und das MCP gelöscht wurde. Begeistert erzählt Kevin seinem Sohn Sam vom „Raster“ im Innern des Computers und den neuen Möglichkeiten, die er bietet. Außerdem sei „etwas wunderbares“ passiert. Was, das will er Sam erst das nächste Mal erzählen. Dazu kommt es nicht mehr, denn Kevin Flynn verschwindet spurlos. Der Aufsichtsrat setzt seinen Freund Alan Bradley (immer noch Bruce Boxleitner) ab und fängt an, Encom umzugestalten, weg von den Ideen von Kevin Flynn.

Zwanzig Jahre später ist Encom aus dem Computeralltag nicht mehr wegzudenken. Auf dem Großteil der Computer der Welt läuft ihr Betriebssystem und gerade jetzt soll eine neue Version herauskommen, die sich, wie sich der Aufsichtsratsvorsitzende ausdrückt, nur dadurch von ihrem Vorgänger unterscheidet, dass nun als Versionsnummer eine „12“ auf dem Karton steht. Mit im Boot ist Ed Dillinger Junior (Cilian Murphy), Sohn von Ed Dillinger Senior (der Herr, der in diesem Film nicht erscheint). Sam Flynn (Garrett Hedlund) hingegen hat nicht mehr viel am Hut mit der Firma, obwohl er durch seinen Vater die Aktienmehrheit an Encom hält. Er sabotiert die Präsentation des Betriebssystems „Nr. 12“ und will sich wieder in die Abgeschiedenheit seiner sehr einfachen Unterkunft zurückziehen, als Alan im Raum steht. Er zeigt ihm einen alten „Pager“, den er ursprünglich von Sams Vater bekommen hat, um immer erreichbar zu sein. Aufgehoben hat er das Gerät nur aus sentimentalen Gründen, doch letzte Nacht bekam er eine Nachricht. Die Nachricht kam aus dem Büro von Kevin Flynn in dessen alter Spielhalle – von einem Anschluss, der seit Jahren abgeschaltet war. Sam lässt sich überreden, dort mal nachzusehen. Er entdeckt hinter einem alten TRON-Spielautomaten eine Geheimtür, die in einen Keller führt. In diesem Keller läuft ein Computer, offenbar noch so, wie Kevin ihn zurückgelassen hat. Als Sam herausfinden will, woran sein Vater zuletzt gearbeitet hat, wird ein Laser aktiviert und er digitalisiert und in die Welt im Innern des Computerspeichers gerissen. Hier hat ein Programm von Kevin die Herrschaft übernommen: Clu (ebenfalls Jeff Bridges), der sich damit brüstet, die Unterdrückung der User beendet zu haben. Clu folgt seiner Programmierung so konsequent, wie das nur ein Computerprogramm kann – er soll eine perfekte Welt schaffen. Und er will alles vernichten, was nicht perfekt ist – auch die Welt außerhalb des Computers. Sam muss sich auf dem Spielraster gegen verschiedene Gegner durchsetzen, bevor er von Quora (Olivia Wilde) zu seinem Vater gebracht wird und erfährt, dass dieser seit seinem Verschwinden hier im System gefangen war. Clu will Kevin unbedingt habhaft werden, denn er besitzt den Datendiskus, mit dem es Clu möglich wäre, in die Welt der User überzutreten…

Nach dem Trailer kommt die Betrachtung – Achtung, Spoiler möglich!

TRON LEGACY – Kritik

Hm. Also, ich habe extra nochmal eine Nacht drüber geschlafen und weiß immer noch nicht so ganz, was ich von TRON LEGACY halten soll. Tatsächlich braucht man den ursprünglichen TRON nicht zu kennen, um diesen Film zu verstehen, da die Handlung nur auf den alten Motiven basiert, sonst weitgehend unabhängig ist und sich selbst erklärt. Der Film ist mit modernsten Methoden umgesetzt worden und (natürlich) in 3D. Allerdings wird der Zuschauer vor Beginn des Films darauf aufmerksam gemacht, dass der Film nicht durchgehend in 3D sei, sondern Sequenzen in 2D enthalte, was ein „stilistisches Mittel“ sei. Leider bin ich dem „stilistischen Mittel“ nicht so ganz auf die Spur gekommen, denn es gab für mich kein Muster, was 2D und was 3D ist. 3D wurde in meinen Augen relativ wahllos mal hier und mal dort (und natürlich bei Actionsequenzen) eingesetzt. Auf der anderen Seite muss ich einer Kritik widersprechen: Computerprogramme altern natürlich nicht wirklich, daher sieht Clu so aus, wie Jeff Bridges vor 20 Jahren. Das wurde mit einem Computereffekt gemacht und im Vorfeld hieß es in manchen Kritiken, das sähe völlig unrealistisch aus. Das fand ich nun überhaupt nicht. Man sieht zwar hin und wieder tatsächlich, dass die Bewegungen von Clus Körper und seinem Kopf nicht völlig synchron sind, aber das Resultat fand ich trotzdem recht verblüffend und es zeigt, wie weit die Computertricktechnik ist. Das Design selbst entspricht dem Stand des „beginnenden 21. Jahrhunderts“, so wie der ursprüngliche TRON dem Design der 1980er Jahre entsprach. Auch die Musik von Daft Punk passt in den Film, so wie „damals“ die Musik von Wendy Carlos.


Nun zur Handlung – und die ist mein eigentliches Problem, weswegen ich diese Kritik mit einem „hm“ begann. Sie ist nämlich leider etwas dünn und der Zuschauer wird ganz am Anfang noch dazu in eine völlig andere Richtung geführt. Encom hat sich unter Kevin Flynn zu einem Unternehmen entwickelt, das sein Geld mit Spielen verdient und andere Software – wie etwa das Encom-Betriebssystem – als „Open Source“ und „Freeware“ herausgibt. Nach Flynns Verschwinden sah der Aufsichtsrat die Möglichkeit, auch hier Geld zu verdienen und nutzte seine durch die Freeware gewonnene Vormachtstellung dazu aus. Hier klingt etwas Kapitalismuskritik an, im Sinne des Umstands, dass man Menschen in einer Welt, in der der Computer unersetzlich wird, nicht die wichtigen Dinge zum Betrieb eines Computers überteuert andrehen darf. Auf die Spitze getrieben wird das natürlich durch das Encom-Betriebssystem, dessen neueste Version sich offenbar in nichts nützlichem von der vorigen zu unterscheiden scheint, nur durch den Umstand, dass sie neu verpackt angeboten wird.


Dann jedoch auf einmal geht die Geschichte eine ganz andere Richtung. Die Welt im Innern des Computers hat mit Encom nämlich gar nichts zu tun, sie ist nicht einmal ein Spiegelbild der realen Umstände. Clu will – seiner Programmierung entsprechend – „einfach“ die perfekte Welt schaffen, und die Aufgabe der Helden ist es, ihn aufzuhalten. Als im Innern des Computers spontan eine neue Lebensform entsteht – wie auch immer das möglich ist -, wird diese von Clu vernichtet, da sie ihm als „nicht perfekt“ erscheint. Außerdem gibt es das eine oder andere Loch in der Handlung. Zum Beispiel sagt Kevin, dass Clu keine Programme selbst erschaffen könne (das können natürlich nur die User), sondern nur bestehende Programme seiner „Linie“ anpassen. Aber war den Drehbuchschreibern nicht bewusst, dass man Programme auch beliebig kopieren kann? Clu müsste es eigentlich ein Leichtes sein, eine Armee an „Klon-Kriegern“ zu schaffen, indem er einfach bestehende Programme kopiert – so oft er will. Außerdem geht es zwar auch immer wieder ins Religiöse hinein – gerade mit dem Entstehen einer neuen Lebensform -, aber dem Kinogänger, der TRON nicht gesehen hat, wird nicht erklärt, warum Clu aussieht wie Flynn: Weil er das Ebenbild seines Schöpfers ist, so wie jedes Programm (eben auch bei Tron, der aussieht wie Alan Bradley).

Die Konstellation an Figuren erschien mir auch etwas unglücklich gewählt. In TRON ist der Hauptbösewicht das MCP. Das Programm hat sich jedoch so viele andere Programme angeeignet, dass es nur noch stationär existieren kann. Deswegen hat es einen Handlanger, das Wachprogramm Sark, der die Dreckarbeit erledigt und brutal und gefährlich ist. Entsprechend anders war der Höhepunkt der Handlung, als es darum ging, das MCP und Sark auszuschalten. Bei TRON LEGACY ist Clu immer noch selber mobil und seine Handlanger nur Schatten. Seine rechte Hand ist ein kriecherischer Schleimer, der sich in der einen Sekunde Sam unterwirft und den Usern Treue gelobt, aber als Clu wieder die Oberhand gewinnt, sofort „Tod den Usern!“ ruft. Und Clus Meisterkrieger Nummer 1, bei dem es sich um den umprogrammierten Tron handelt, ist ein plumper Haudrauf, der die meiste Zeit des Films nur Knurrlaute von sich gibt. Seine „Rückverwandlung“ am Schluss ist für mich daher nicht ganz schlüssig, aus dem Nichts heraus hat Tron Erinnerungsfetzen daran, wie er selbst Flynn einst verteidigt hat, und auf einmal ruft er: „Ich kämpfe für die User!“ – und alles ist wieder wie früher.

In einem Punkt muss ich mir allerdings Asche auf mein Haupt streuen lassen: Ed Dillingers Sohn. Er wirkt auf mich ungefähr gleich alt wie Sam Flynn, und das schien mir spontan etwas unrealistisch zu sein, da ich David Warner in TRON für wesentlich älter gehalten hätte. Er war aber zu dem Zeitpunkt tatsächlich erst 41 – und er hat sogar eine Tochter, die 1982 geboren wurde. Also kann es tatsächlich sein, dass Sam Flynn und Ed Dillinger Junior gleich alt sind. Ansonsten erfüllt Dillinger Junior nur leider keine Funktion in dem Film – außer der selbe A**** zu sein wie sein Vater.

Sehr nett gemacht sind die kleinen Dinge, die für die Fans eingebaut wurden. Das geht von den auffälligen Sachen wie Kevins Lichtrenner aus dem ersten Film, über Dinge, bei denen man schon genauer hinsehen muss, wie die beiden Bits, die bei Kevin auf dem Kaminsims liegen, bis hin zu sehr subtilen Anspielungen. In letztere Kategorie gehört die Aufschrift auf dem Garagentor von Sam Flynns Unterkunft: „DUMONT“ Das ist der Name des Wärterprogramms vom Input/Output-Tower aus TRON. Dumont wurde von Doktor Walter Gibbs programmiert, selbiger hat in TRON ein Streitgespräch mit Dillinger über die Zukunft von Encom. Dabei erwähnt Dillinger, dass Encom nicht mehr dieselbe Firma sei, die mal in Gibbs‘ Garage existiert habe. Es wird in TRON LEGACY also angedeutet, dass Sam Flynn in der Garage lebt, in der Encom ursprünglich mal angefangen hat.

Positiv ist auch die deutsche Übersetzung zu sehen, denn hier hat man sich richtig Mühe gegeben. Anstatt der Versuchung zu erliegen, tolle englische Ausdrücke einfach unübersetzt zu lassen und damit mit der Kontinuität zum ersten Film zu brechen, hat man hier sehr genau darauf geschaut, dass das eben nicht passiert. So heißt es auf Deutsch weiterhin „(Spiel)Raster“, nicht „Grid“, und auch Clus von Flynn übernommene Phrase „Greetings, Programms!“ wird wie 1982 mit „Seid gegrüßt, Programme!“ übersetzt. Selbst „End of Line“, mit dem das MCP in TRON jedes Gespräch beendete, wurde übernommen: „Ende der Kommunikation“. Auch bei den Synchronsprechern sorgte man für die Konstellation von damals, und das, obwohl sich mittlerweile über die Serien „Agentin mit Herz“ und „Babylon 5“ Joachim Tennstedt als Synchronsprecher von Bruce Boxleitner etabliert hat. Das hätte jedoch zu Verwirrungen führen können, denn tatsächlich war auch Tennstedt bei TRON dabei, er sprach damals allerdings die deutsche Stimme des Programms „Ram“. Boxleitner wurde und wird von Lutz Riedel gesprochen, Jeff Bridges von Norbert Langer. (Und um die Verwirrung zu vervollständigen: Auch Jeff Bridges wurde mal von Joachim Tennstedt synchronisiert, unter anderem in „The Big Lebowski“.)

Mein Fazit: TRON LEGACY ist ein handwerklich sehr gut gemachter Film, der einem einen unterhaltsamen Abend verschaffen kann. Darüber hinaus hätte man noch etwas mehr an der Handlung arbeiten sollen, denn mehr als das übliche „Gut-gegen-Böse“-Schema bleibt nicht übrig und auch die Gefahr, dass Clu mit seinen Armeen den Computer verlässt und in unserer Welt alles „Unperfekte“ zerstören will, hat mich nicht mitgerissen. Das ist mir zu abgedreht, eine Handlung ähnlich dem ersten Teil, in dem ein MCP die Regierungen der Welt übernehmen will, indem es sich in deren Computersysteme einklinkt, hätte besser gepasst. Sozusagen ein echter „Cyberwar“. Schade, dass hier eine Möglichkeit vergeben wurde.

Wer sich von solchen Geschichten gern mal für zwei Stunden unterhalten lassen kann und will, für den ist TRON LEGACY gut geeignet, denn das tut er wirklich. Aber mehr nicht.

Über Thorsten Reimnitz 839 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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