Wir brauchen eine „Kultur des Versagens“ – dringend!

Werbung

Vor einigen Jahren saß ich mit meiner damaligen Freundin in unserem damaligen Wohnzimmer. Sie saß vor dem Fernseher und sah die Castingshow „Popstars“ an. Ich saß am Esstisch und arbeitete am Computer. Castingshows gaben und geben mir nichts, aber andererseits wollte ich auch nicht irgendwo rumhocken und sie allein lassen. Auf diese Weise wurde ich unfreiwillig Zeuge einer besonders schlechten Darbietung eines Kandidaten, der nicht nur nicht singen, sondern nocht dazu nicht tanzen konnte. Ich konnte es nicht fassen, was ich da sah. Wie konnte so jemand auf die Idee kommen, sich bei einer Castingshow zu melden? „Sag mal“, meinte ich zu meiner Freundin, „haben solche Leute eigentlich keine Familie oder Freunde, die ihnen sagen: ‚He, Du kannst einfach nicht singen! Geh nicht zu der Show, Du blamierst Dich nur.'“ Im selben Moment fasst sich im Fernsehen Jurymitglied Detlef „D!“ Soost an den Kopf und sagt: „Haben solche Leute eigentlich keine Familie oder Freunde, die ihnen sagen, sie können nicht singen und sie sollen nicht zu einer Castingshow gehen?“

Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Meine Freundin von damals ist mittlerweile mein Ex-Freundin und Castingshows wurden zu einem Hort des Boshaften. In den Anfangszeiten zeigte man zwar auch (wie im Beispiel oben) Menschen, die in einer Castingshow eigentlich nichts verloren haben, aber mittlerweile ist es zu einem Sport avanciert, diese Menschen durch Off-Kommentare und entsprechende Einblendungen zu verspotten. Die Schulhofrüpel, die den jüngeren oder schwächeren Schülern im Gang auflauern, sie verprügeln und ihnen das Essensgeld klauen, sind in der deutschen Realität angekommen. Und tatsächlich ist das heute ein etabliertes Bild unserer Gesellschaft: Versager gehören verspottet. Mit Häme überschüttet. Selbst Schuld. Werft den Purchen zu Poden! Und wenn er am Boden ist, trampelt auf ihm rum.

Das sind die Auswüchse von etwas, das man gerne mal als „typisch deutsche“ Eigenschaft deklariert: der Perfektionismus. Ich merke es selber an mir, wenn ich mit mir selbst unzufrieden bin. Oder dass ich das Gefühl habe, dass etwas Neues, das ich ausprobiere, natürlich aus dem Stegreif zu funktionieren hat. Leider haben wir mittlerweile in unserer Gesellschaft ein Klima geschaffen, das genau das propagiert: Entweder Du kannst es und bist perfekt – oder lass es doch einfach gleich bleiben. Denn wenn Du versagst, bist Du vogelfrei. Dann kann jeder über Dich herziehen und Dich verspotten, wie er will.

Das gilt für banale Sachen genauso wie für Entscheidungen, die den ganzen Rest eines Lebens beeinflussen können. Nehmen wir nur mal die Schule. Wenn ein Schüler das Klassenziel nicht erreicht und „sitzenbleibt“, kommen mehrere Herausforderungen auf ihn zu: Zum einen muss er das, was er ein Jahr lang gemacht hat, nochmal machen, und da wird auch viel Langeweile dabei sein. Der Schüler wird aus seinem sozialen Umfeld gerissen und in ein neues geschleudert – und hier hat er den Makel des „Sitzenbleibers“ an sich haften. Es ist schon schwierig genug, wenn ein Schüler etwa durch einen Umzug in eine neue Klasse, ein neues Umfeld kommt. Aber dann auch noch unter diesen Vorzeichen? Kinder können grausam sein, was das betrifft – aber wo lernen sie das denn? Genau, von den Erwachsenen.

Am schlimmsten ist es bei einer der weitreichendsten Entscheidungen, die man im Schulleben treffen muss: Auf welche weiterführende Schule das Kind gehen soll. Nun, hier muss ich einen kurzen Ausflug machen und kurz betonen, dass ich sowieso der Meinung bin, dass die 4. Klasse viel zu früh ist, um so eine weitreichende Entscheidung korrekt treffen zu können. Ich bin des weiteren der Meinung, dass das derzeitige dreigliedrige Schulsystem nichts weiter ist als die Zementierung eines überkommenen Gesellschaftssystem aus drei Klassen, die nach Möglichkeit nichts miteinander zu tun haben wollen: Gymnasium = Akademiker, Realschule = Kaufleute und Angestellte, Hauptschule = Arbeiter. Ich selbst hatte in der 4. Klasse eine Empfehlung für das Gymnasium. Hätte man mich gefragt, was ich tun will, ich hätte es nicht sagen können. Was will ich auch sagen, mit gerade mal 9 Jahren, was weiß ich denn von irgendwelchen Berufschancen? Zu dem Zeitpunkt wollte ich Lokführer werden. Wirklich geredet hat man mit mir darüber nicht, aber dazu komme ich gleich noch. Man hat mich dann aufgrund der Empfehlung eines Lehrers auf die Realschule gesteckt, das sei besser so. Das Resultat war, dass ich in vielen Dingen schlicht unterfordert war und mich langweilte.

Wir kommen wir da zur „Nicht-Versagen-Kultur“? Ganz einfach: Es gibt keinen Wagemut, was diese Auswahl betrifft. Wenn jemand sein Kind auf das Gymnasium schickt, weil es die Anforderungen nun mal erfüllt, und dieses Kind kommt mit der Schule nicht klar, wird wieder herumgemäkelt. Das Kind wechselt dann auf die Realschule unter den gleichen Bedingungen wie ein „Sitzenbleiber“ und die Eltern dürfen sich kluge Sprüche anhören von Menschen, die natürlich schon immer wussten, dass der „kleine Versager“ nie hätte aufs Gymnasium gehen dürfen und nur der dumme, verbohrte Ehrgeiz der Eltern schuld sei. Das arme Kind!

Ach ja? Wer macht denn das „arme Kind“ zum „armen Kind“? Doch nicht die Tatsache, dass es an einer Aufgabe gescheitert ist. Sondern die Tatsache, dass Außenstehende – wir! – darin einen Makel sehen. Und ja, es gibt Eltern mit einem dummen, verbohrten Ehrgeiz, die ihr Kind auf eine Schule drücken, wo es eigentlich nicht hingehört. Doch was ist die Ursache dieses Ehrgeizes? Versagensangst! Die Angst der Eltern, als erzieherische Versager dazustehen, nur weil das Kind „zu dumm“ fürs Gymnasium scheint.

Genau all das verhindert einen ehrlichen Dialog. Eine Freundin erzählte mir beispielsweise, dass sie von ihrer Mutter erklärt bekam, welche Entscheidung zu treffen sei, was das für Konsequenzen hätte und sie wurde gefragt, auf welche weiterführende Schule sie denn gehen wollte. Sie entschied sich für das Gymnasium – die richtige Wahl, wie sich herausstellte. Wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es bei mir war, ist da nicht viel. Ich schrieb oben, dass ich zu dem Zeitpunkt, als die Entscheidung bei mir anstand, Lokführer werden wollte. Und dann wurde die Entscheidung für mich getroffen. Von den weiterführenden Schulen wusste ich nicht viel, das Gymnasium war das große, graue Gebäude, die Realschule das große Gebäude mit den grünen Fensterrahmen und die Hauptschule der Hinterbau der Grundschule, auf die ich ging. Man hat mir nicht erklärt, dass das Gymnasium nicht bedeutet, dass man „nur“ studieren gehen kann, sondern dass einem auch die Berufsausbildungen offenstanden. Man fragte einen Lehrer, der meinte, Realschule sei das beste für mich. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, teile ich seine Meinung nicht. Ob ich auf dem Gymnasium durchgekommen wäre, weiß ich nicht. Aber genau das ist der Punkt, um den es mir hier geht: Lieber ging man auf Nummer sicher, als dass ich eventuell scheitern könnte.

Dabei wird ganz deutlich, dass es nur am Umfeld liegt. Scheitert jemand, so ist es nicht nur in ihm begründet, wenn er daran beispielsweise innerlich zerbricht. Es liegt am Umfeld. Man fühlt sich sowieso als Versager – und was vermittelt einem das Umfeld? Genau das gleiche! Dabei wäre es die Aufgabe des Umfeldes – Familie, Freunde -, diesem Menschen zu helfen, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Warum hat er versagt? War es eine grundlegende Sache oder doch eher etwas, das man vielleicht beseitigen kann? Wie soll es weitergehen? Welche Lehren kann der Mensch aus dem Scheitern ziehen? Doch wir sind auf andere Dinge getrimmt: Oh mein Gott, dieser Mensch hat versagt! Auch wenn wir ihn im Grunde nicht verspotten oder verspotten wollen, so wird doch etwas getan, was fast noch schlimmer ist: er wird bemitleidet! Mitleid mag aus einer positiven Motivation heraus entstehen, allein beim Empfänger verstärkt es aber das Gefühl noch, ein Versager zu sein. Ein Versager, der Mitleid verdient hat. Mitleid verzerrt die Perspektive sehr stark. Der Bemitleidete bekommt nochmal deutlich das Gefühl, von oben herab betrachtet zu werden. Oben sind die Menschen, die nicht versagt haben. Unten ist er.

Leider zieht das ganze eine andere Sache nach sich, die das völlige Gegenteil darstellt: die totale Übermotivation und das „Versagen-nicht-sehen-wollen“. Wie bei dem armen Castingshowkandidaten, den ich am Anfang dieses Artikels erwähnte. Natürlich kann es auch sein, dass es in seinem Bekanntenkreis ein paar Menschen gibt, die ihm mit Absicht nicht gesagt haben, dass er nicht singen kann, weil sie ihn öffentlich in der Show versagen sehen wollten (noch so ein Nebeneffekt der „Nicht-Versagen-Kultur“). Aber ich gehe mal davon aus, dass innerhalb der Familie sowas wohl nicht vorkommen wird. Ich nehme mal an, dass er zumindest von der Seite motiviert wurde nach dem Motto: „Wenn wir ihm die Wahrheit sagen, bricht er zusammen.“ Auch das ist eine Form der fehlenden „Kultur des Versagens“ – er DARF einfach nicht versagen, das hält er nicht aus. Aber warum sollte er es nicht aushalten? Doch nur, weil er sich damit zum Gespött macht – und schon sind wir wieder am Anfang. Das Problem in diesem Fall ist, dass Menschen sich in sowas reinsteigern, es aber gleichzeitig nur eine Frage der Zeit ist, bis der „große Knall“ kommt. Im Fall des Kandidaten kam er beim Casting von „Popstars“. Und was für ein Knall das sein muss – bisher wurde ihm immer versichert, er könne das, und nun wird ihm klipp und klar ins Gesicht, dass er nicht singen kann.

Hätten wir eine „Kultur des Versagens“, so könnten wir das Scheitern in eine nützliche Lektion umwandeln. Ich bin gescheitert, okay, das ist nicht schön. Aber jetzt überlege ich mir, was ich daraus mache. Und dann geht es weiter in irgendeine Richtung. Durch die Kultur, die wir jetzt haben, stürzen viele Menschen, die „versagen“, in ein Loch. Anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie es weitergehen kann, kreisen die Gedanken nur noch um einen Punkt: „Ich habe versagt. Ich bin nichts wert.“ Und genau so werden solche Menschen behandelt.

Dabei ist nicht mal gesagt, dass das Scheitern in einer Sache bedeutet, man müsse sich komplett nach etwas anderem umschauen. Das Kind, das auf dem Gymnasium an einem oder zwei Fächern scheitert, braucht vielleicht einfach nur Nachhilfe in diesem Fächern. Wer weiß, vielleicht hätte der Kandidat einfach nur mal richtigen Unterricht gebraucht? Ganz ehrlich, ich bin auch begeistert von Musik und kann Harmonien erkennen, wenn ich sie höre, aber deswegen kann ich nicht von mir behaupten, ein Musiker zu sein. Beim Singen gibt es so viele Techniken, mit denen man sich auseinandersetzen muss, das kann nun mal nicht jeder intuitiv. Aber da sind wir wieder am Anfang – Anfängertum wird nicht geduldet, alles muss sofort „perfekt“ sein. Also überspringt man lieber diese Schritte. Genau genommen ist es ja das, was das Konzept einer Castingshow ausmacht. Im Gegensatz zu den Musikern, die sich ihre Karriere erarbeiten mussten, indem sie sich Schritt für Schritt verbesserten, am Anfang vielleicht vor 4 Leuten spielten, dann vor 40 und irgendwann vor 4.000, soll hier der Schritt von „Null auf Hundert“ gleich gemacht werden.  Allein der Anspruch einer anderen Castingshow, einen „Superstar“ hervorbringen zu wollen, spricht Bände. Ein „toller“ oder „guter“ oder „fantastischer“ Musiker reicht nicht, nein, es muss ein „Superstar“ sein.

Tatsächlich tritt aber auch hier gleich wieder diese „Nicht-Versagens-Kultur“ zutage. Versuchen wir, uns an die vergangenen Teilnehmer und Sieger von „Deutschland sucht den Superstar“ (oder „DSDS“) zu erinnern. Auch hier begann irgendwann die Häme einzusetzen. Sollten das nicht „Superstars“ sein? Und was hört man jetzt von ihnen? Gar nichts mehr. Ha ha! Ehm, Moment mal… Alexander Klaws ist Musicaldarsteller in Hamburg, Daniel Küblböck (hat zwar nicht gewonnen, war aber aus der 1. Staffel „DSDS“ auch einer der Bekannteren) leitet seine eigene Firma, Elli Erl hat ein eigenes, kleines Plattenlabel, Tobias Regner moderiert eine Radioshow in Hessen und Thomas Godoj und Daniel Schuhmacher gehen immer noch auf Tournee. Offenbar haben sie es also geschafft, etwas für sich zu erarbeiten, das sie gern machen wollen. Aber das scheint nicht spektakulär genug zu sein, und mit dem Anspruch der Sendung DSDS, einen „Superstar“ produzieren zu wollen, ist die Fallhöhe natürlich riesig. Aber sollten wir nicht, anstatt hämische Kommentar abzugeben, vielleicht mal kurz innehalten? All diese Menschen haben eine Erfahrung gemacht und sie haben sich einer Aufgabe gestellt. Allein sie haben – wohlgemerkt – unseren Ansprüchen eines „Superstars“ (was auch immer das sein soll) nicht genügt. Aber sie haben ihren Weg gefunden und sind dort offenbar erfolgreich. Soll das etwa nichts wert sein?

Mark Medlock fällt hier etwas aus der Reihe, da er immer noch eine gewisse Medienpräsenz hat und damit vermutlich dem Bild eines „Superstars“ unter all den Kandidaten am nächsten kommt. Ich kann mit ihm nichts anfangen, aber andere Menschen können das offenbar. Also was soll’s? Auch er hat seinen Weg gefunden.

Mehrzad Marashi wiederum ist ein gutes Beispiel der „Nicht-versagen-Kultur“: Seine Tournee musste nämlich abgesagt werden, weil sich zu wenig Karten verkauften. Hat er versagt? Das kann noch niemand sagen. Es kommt immer darauf an, was man aus einer Situation macht. Und das wissen wir bei Marashi nicht, er ist gerade in einer Phase der Neuorientierung, vor allem, nachdem er sich von Dieter Bohlen als Produzent getrennt hat. Aber nichtsdestotrotz gab es schon Stimmen, die davon sprachen, dass seine „Karriere beendet“ sei.

Das ist eine sehr eilige Aussage. Wann genau ist denn eine Karriere beendet? Und warum sind wir – gerade in den Medien – so fixiert darauf? Vor allen Dingen, so negativ fixiert darauf? Weil das „Ende“ von etwas, das man vielleicht lange Zeit gemacht hat, als „Versagen“ definiert wird. Ich beobachte, dass wenig Menschen offenbar bereit sind, anderen Menschen eine Art „Entwicklung“ zuzugestehen. Wir haben gefälligst zu irgendeinem Zeitpunkt irgendeine Entscheidung zu treffen, die den weiteren Verlauf unseres Lebens in Stein meißelt. Wer beispielsweise eine Ausbildung abbricht, weil ihm der Beruf nicht das gibt, was er davon erhofft hat, hat versagt. Gerade so, als gäbe es für einen Menschen nur den einen Weg im Leben. Und wenn man den nicht weiterverfolgt, ist man ein Versager.

Ich sage: NEIN! Es muss erlaubt sein, Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren. Es muss erlaubt sein, neugierig zu sein auf andere Dinge und diese auszuprobieren. Würde ich meinen Lebensweg nach dem negativen Bild des „Versagens“ beschreiben, so müsste ich auch hier und da davon schreiben, dass meine „Karriere als XYZ“ beendet war. So ist das aber nicht. Meine Karriere endet in dem Moment, da ich die Augen das letzte Mal schließe, den letzten Atemzug nehme und mein Herz seinen letzten Schlag tut. Nicht vorher! Und selbst dann hoffe ich, dass ein bisschen was von dem, was ich in diesem Leben geleistet habe, weiterleben wird ohne mich.

Wir brauchen dringend eine Kultur des Versagens in unserer Gesellschaft, in der derjenige, der an einem Versuch scheitert, nicht mit Spott, Häme und dummen Sprüchen übersät wird, sondern wir Achtung davor zollen, dass er etwas versucht hat. Denn selbst aus dem Scheitern lässt sich etwas lernen. Leider wird uns auch das nur allzu häufig verwehrt. Scheitern wir an etwas, so kriegen wir nur allzu oft zu hören, dass das, was wir tun wollten, sowieso eine blöde Idee war, und dass wir das ganz schnell vergessen – verdrängen – sollten. Gerade Kindern nehmen wir so die Chance, etwas aus dem Scheitern mitzunehmen. Etwas Positives. Und schlimmer noch: Wir töten die Initiative, denn jemand, der einmal gescheitert ist und mit Spott „belohnt“ wurde, wird es sich beim nächsten Mal sehr überlegen, wenn er wieder was Neues beginnt.

Auf dem Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, berauben wir uns unserer Möglichkeiten. Das Potential vieler Menschen wird so nicht zur Entfaltung kommen, denn man könnte ja versagen. Es gibt immer noch Menschen, die sich diese Denkweise nicht angeeignet haben, und das ist gut so. Leider wird es immer schwieriger. Denn das, was täglich über uns hereinbricht, zeigt uns das andere Bild: Versagen ist schlecht. Versagen darf nicht sein. Versager sind Verlierer, die es Wert sind, verspottet zu werden. Mehr nicht. Es ist schwierig, aber davon dürfen wir uns nicht beeindrucken lassen. Denn wer weiß, wieviel unentdeckte Talente da draußen noch sind, die wir nie zu sehen bekommen werden. Und das ist schade.

Werbung
Über Thorsten Reimnitz 841 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

5 Kommentare

  1. Die Forderung nach einer Kultur des Scheiterns mit der gleichzeitigen Argumentation, dass man es dann ja ohne Versagensängste auf dem Gymnasium probieren könne, ist widersprüchlich. Das Argument müsste lauten: Das Kind hat eine Gymnasiumempfehlung und probiert es einfach mal auf der Hauptschule, ohne dabei schief angesehen zu werden…
    Wer Leistung als eine Tugend begreift, der wird nicht verhindern können, dass Nicht-Leistung nicht als Tugend wahrgenommen wird. Mit einer Kultur des Versagens wird die Kultur des Leistens verneint – entscheiden muss man sich da schon…
    DSDS & Co. haben nichts mit Versagen, sondern mit Demütigung zu tun. Wir sollten der mit den Castingshows heraufbeschworene Kultur der Schadenfreude, Diffamierung und Demütigung entgegen treten. Und in dieser Hinsicht finde ich Ihren Artikel auch gut. Nur mit Schule hat das wenig zu tun.

    Übrigens: Ein 10-jähriger soll sich auch nicht entscheiden, denn er ist unmündig und bedarf der Entscheidung der Eltern. Und letztere, die ihr Kind bereits 10 Jahre kennen, und die Lehrer, die ein Kind und dessen Leistungsfähigkeit bereits 4 Jahre lang intensiv erlebt haben, tragen die Verantwortung für die richtige Entscheidung. Wann ist denn jemand reif genug, um eine Entscheidung für’s Leben zu treffen? Mit 16 Jahren? Ich war das nicht, denn ich habe meine Lehre abgebrochen, weil ich doch lieber was anderes wollte. Mit 19 Jahren? Wohl auch nicht, denn woher kommen die vielen Studienabbrecher und die vielen verworrenen Lebenswege? Wir treffen immer wieder Entscheidungen und eine wird für uns im Alter von 10 Jahren getroffen. Niemand hindert ein Kind daran, diese Entscheidung später zu korrigieren.

  2. Wer Leistung als eine Tugend begreift, der wird nicht verhindern können, dass Nicht-Leistung nicht als Tugend wahrgenommen wird. Mit einer Kultur des Versagens wird die Kultur des Leistens verneint – entscheiden muss man sich da schon…

    Nein, muss man nicht. Worum es mir vereinfacht gesagt ging: Niemand hat das Recht, sich verächtlich zu machen über jemanden, der etwas gewagt hat und gescheitert ist. Der Fokus liegt in unserer Gesellschaft auf dem Punkt „Versagen“, das betrachte ich als Fehler. Es geht mir ja so gesehen auch um eine „Kultur des Leistens“: man anerkennt, dass da jemand etwas versucht hat, anstatt gleich zu sagen: „Ach was, das schaff ich ja eh nie.“
    Aber wie eben bei den Castingshows werden wir dazu „erzogen“, dass Versagen nicht sein darf und Versager Menschen sind, die man so lange (geistig) knüppeln darf, bis sie endgültig am Boden liegen.
    Vielmehr sollte die Erziehung in die Richtung gehen, dass mehr Menschen in der Lage sind, aus ihrem Scheitern zu lernen. Auf die Weise der Häme wird es aber leider immer wieder nur eine Lehre geben: Beim nächsten Mal wage ich bestimmt nichts mehr!

    Ich bin die ganze Zeit am Überlegen, einen zweiten Artikel zu schreiben – über die „Kultur des Anerkennens“. Vielleicht mache ich das auch noch, dann kommt vielleicht etwas klarer raus, was ich sagen will.

  3. Und ein Nachtrag: Gerade habe ich einen Artikel über die „Innovationswüste deutsches Internet“ gefunden. Ein Kommentar ist mir da ins Auge gestochen:

    Die Deutschen sind zum überwiegenden Großteil keine Macher, keine Pioniere. Sie waren es vielleicht einmal, damals, als die Maschinen schnaufen lernten. Heute wird es den wenigsten in die Wiege gelegt, vorgelebt oder beigebracht, sich auszuprobieren und einfach mal zu machen. Scheitere in den USA, und Du bekommst Respekt ob Deines Pioniergeistes. Scheitere in Deutschland, und Mitleid ist Dir sicher. Mehr nur selten.

    Der ganze Kommentar ist hier:

    http://t3n.de/news/innovationswueste-deutsches-internet-278516/#comment-12899

  4. Die Versagensangst ist in Deutschland schon enorm. Ich sehe es gerade an meiner Schwester, die mach Ihr Abi und glaubt jetzt eine Entscheidung fürs Leben treffen zu müssen „Was soll ich studieren?“. Das kann nicht gut gehen, niemand kann sein ganzes leben vorausplanen zu keinen Zeitpunkt, das macht das leben auch so interessant. Man muss auch aus negativen Erfahrungen lernen und das geht nur wenn man sie genügend reflektieren kann und dafür braucht man Zeit und ein Umfeld ,dass das zulässt.
    Ob das eine „Kultur des Versagens“ ist, weis ich nicht. Ich würde eher mehr Offenheit und Erhlichkeit fordern, weil jeder Versagt in seinen leben mal, also kenn jeder dieses Problem. Wir müssen mur lernen darüber wieder offen zu reden!

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*