Der offene Brief von Winnenden – Ein paar Anmerkungen

Nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März haben sich nun die Familien der Opfer in einem offenen Brief zu Wort gemeldet, den sie ausdrücklich an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Günther Öttinger, richten. Den vollen Wortlaut dieses Briefs findet man in der „Winnender Zeitung“, im Intertnet unter anderem hier. Ich komme nicht umhin, mir meine Gedanken zu diesem Brief zu machen, denn schon als ich im Radio davon hörte und welchen Inhalt dieser Brief haben soll, bekam ich etwas Bauchschmerzen. Nachdem ich den Brief nun im vollen Wortlaut gelesen habe, haben sich diese bestätigt.

Was ich hier schreibe, ist meine ganz persönliche Meinung. Ich kann sehr viel nachvollziehen von dem, was die Angehörigen gerade durchmachen, bedingt durch meinen Beruf, in dem ich immer wieder mit Leid konfrontiert werde, bedingt aber auch durch ganz persönliche Erfahrungen. Aber einiges kann ich nicht nachvollziehen, deswegen hier zu einzelnen Passagen mein ganz persönlicher Eindruck.

In dem offenen Brief heißt es beispielsweise:

Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann.

Das ist ein frommer Wunsch, aber ich wage die Prognose, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bevor es wieder einen Amoklauf gibt. Die Ursachen für diesen Amoklauf – und die meisten anderen – ist so tief in der Gesellschaft verwurzelt und hängt an so vielen Faktoren, da braucht es leider etwas mehr als guten Willen von einer Seite. Es müssen so viele verschiedene Seiten zusammenarbeiten – und zwar völlig unaufgeregt und sachlich -, dass man diese Ursachen nicht von heute auf morgen „abstellen“ kann. Das ist ein langsamer, teilweise sogar schmerzhafter Lernprozess, der hier beginnen muss. Und es tut mir leid, in der teils sehr hysterisch geführten Debatte, die zurzeit stattfindet, sehe ich nicht, dass dieser Lernprozess schon begonnen hat. Es wird also noch sehr lange dauern, bis überhaupt irgendwas erreicht sein wird.

Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird.

Ob das eine Lösung sein kann, weiß ich nicht. Fakt ist auf jeden Fall, dass die bisherigen Gesetze gerade beim Amoklauf vom Winnenden ausgereicht hätten. Das Problem war ja, dass der Vater des Täters seine Waffen Pressebereichten zufolge nicht ordnungsgemäß unter Verschluss hatte. In einigen Berichten, die ich mittlerweile gelesen habe, wird auch bemängelt, dass eine Verschärfung des Waffenrechts überhaupt nicht kontrolliert werden könnte, weil das Personal für solche Kontrollen fehlt.

Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. Das Fernsehen, als noch wichtigste Informations- und Unterhaltungsplattform, hat einen sehr großen Einfluss auf die Denk- und Gefühlswelt unserer Mitbürger. Das Fernsehen setzt heute die ethischen und moralischen Standards.

Der letzte Satz in diesem Absatz zeigt einen der Denkfehler in der Debatte. Denn nicht „das Fernsehen“ sollte die ethischen und moralischen Standards setzen, sondern Familie und soziales Umfeld. Dazu gehört meiner Meinung nach auch eine Erziehung zur so genannten „Medienkompetenz“, das man nicht nur „einfach konsumiert“, sondern sich auch Gedanken macht um das, was man da konsumiert. Leider habe ich keinen Link mehr, aber ich habe von einer Studie gelesen, dass viele Menschen zwar behaupten, sehr wohl „das echte Leben“ und „die Welt im Fernsehen“ unterscheiden zu können, aber tatsächlich Verhaltensweisen aus dem Fernsehen, etwa aus Serien, übernehmen. Das Problem ist nicht „das Fernsehen“ (wobei sich sowie die Frage stellt, was „das Fernsehen“ überhaupt ist), sondern die Gesellschaft und das Umfeld, die „das Fernsehen“ nicht mehr reflektiert, respektive nicht mehr zur Reflexion erzieht.

Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden.

Dieser Satz hat mich schwer enttäuscht. Wie gesagt, ich verstehe jeden der Angehörigen in seinem Schmerz und fühle mit ihnen, aber sich auf diese Weise freiwillig vor den Karren der „Killerspiel-Debatte“ zu spannen, ist enttäuschend. Denn auch hier muss sehr differenziert werden. Zunächst einmal, was ist ein „Killerspiel“ überhaupt? In einem Spiel – Computerspieler werden wissen, welches – wird mit Pümpeln auf Hasen geschossen. Ist das schon „gewaltverherrlichend“ oder ein „Killerspiel“? Was ist mit „The Force Unleashed“, einem Spiel aus dem „STAR-WARS-Franchise“, in dem man am Anfang in die Rolle von Darth Vader schlüpft und bewusst die „dunkle Seite“ auslebt? Der Begriff „Killerspiel“ ist schwammig, kann alles und gar nichts bedeuten. Wiederum wäre es viel wichtiger, sich mit diesen Dingen auseinander zu setzen. Denn mal ganz provokant gefragt: Wenn Kinder früher draußen „Räuber und Gendarm“ gespielt haben, und jemand rief: „Peng! Du bist tot!“, war das dann auch schon ein Killerspiel? Und ganz davon abgesehen – unzählige Leute spielen diese Spiele, ohne Amok zu laufen. Dazu gibt es hier einen netten Beitrag, ebenfalls einen offenen Brief, und zwar von Videospielfans an Medien, Politik und Eltern. Ich finde ihn lesenswert und auch wert, dass man sich darüber Gedanken macht. Und zwar bevor man nach einem Verbot ruft.

Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet.

Wieder ein frommer Wunsch. Auch hier hilft nur Erziehung zur Medienkompetenz. Denn wer soll denn diesen Jugendschutz überwachen? Am Ende haben wir ein von vorn bis hinten zensiertes Internet, wie wir es bei anderen Gelegenheiten Staaten wie China gerne zum Vorwurf machen. Dabei wollen auch die „nur“ das Volk schützen.

Wie diese Aktivitäten eingedämmt werden können, wissen wir nicht. Es darf aber nicht sein, dass sich junge Menschen anonym gegenseitig aufhetzen und zu Gewalteskalationen auffordern.

Das ist die Crux: Diese Aktivitäten kann man nicht eindämmen, indem man irgendwelche Gesetze aufstellt oder Zensur betreibt. Jeder von uns, der Einfluss auf Kinder und Jugendliche hat, Eltern, Familie, Freunde, Lehrer, ist gefragt, an der Bildung der Medienkompetenz des Einzelnen mitzuwirken. Das ist nicht einfach – und leider lässt es sich nicht so schön in einem einfachen Satz unterbringen wie ein Verbot. Da Politiker leider gern Freunde von einfachen Sätzen sind, wird das völlig unter den Tisch fallen gelassen. Lieber fordert man mal schnell irgendwas, was gut klingt.

Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

An dieser Stelle bin ich voll und ganz mit den Verfassern des Briefs. Ich habe auch den Eindruck, dass gerade die Berichterstattung über Winnenden in manchen Teilen der Medien einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Der Amokläufer hat es sogar auf das Titelblatt des „Spiegel“ „geschafft“. Da eine Komponente bei solchen Taten die Aufmerksamkeit ist, die man damit erreicht, wird dergleichen Nachahmungstäter umso mehr anspornen.  Stefan Niggemeier, Medienjournalist, hat da ein paar Dinge, die sich seine Kollegen geleistet haben, aufgegriffen, hier den „Überfall“ der Medien auf Winnenden, hier die nicht vorhandene Selbstreflexion mancher Medien und hier, wie selbst ein „seriöses“ Medium vom Weg abkommt.

Wir wollen wissen, an welchen Stellen unsere ethisch- moralischen und gesetzlichen Sicherungen versagt haben. Dazu gehören auch das Aufzeigen der persönlichen Verantwortung und die daraus folgenden – auch juristischen – Konsequenzen.

Die Fragen halte ich für die wichtigsten in dem Brief, allerdings muss man auch bereit sein, sich die Antworten anzuhören, wenn sie einem vielleicht nicht so ganz passen. Der persönlichen Verantwortung kann sich der Täter nicht mehr stellen, sein Vater wird es n0ch tun müssen, da ja momentan die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, weil sein Sohn an die Waffen rangekommen ist. Wie ich oben geschrieben habe, das Problem der „ethisch-moralischen Sicherungen“, die versagt haben, liegt tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Regeln und Grenzen sollen für alle gelten, doch viel zu häufig hat man das Gefühl, dass es Menschen gibt, für die diese Regeln und Grenzen gar nicht gelten. Die sich alles rausnehmen können, solange sie nur die Ellenbogen ausfahren. Und wenn man das kritisiert, heißt es höchstens müde, das „sei heute halt so“, und man müsse „gefälligst“ damit klarkommen. Menschen werden allein gelassen, weil es offenbar so gewollt ist. Desinteressiert an der Umwelt und am Nächsten und emotional abgestumpft heißt es nur: Setzt ihn in den Sattel, reiten wird er schon können. Ja, wir wissen, wer die Reiter sind. Und wer sind wir? Wir sind das Pferd.

Abschließend muss ich sagen, dass dieser offene Brief in der Form und zu diesem Zeitpunkt keine gute Idee war. Selbst wenn er mit den besten Absichten – was ich einfach mal unterstelle – verfasst wurde, fordert er doch die falschen Leute dazu heraus, sich laut für bestimmte Maßnahmen stark zu machen, die entweder nicht durchführbar sind oder gar eine starke Einschränkung im Leben bedeuten. Wahlkampf und Parteienprofilierung auf Kosten von Opfern. Ein weiteres gesellschaftliches Problem, man wünscht sich gern einfache Lösungen. Und die Politik ist gern bereit, diese zu liefern. Und wenn man etwas nicht durchführen kann, kann man immer noch behaupten, „ich wäre ja dafür gewesen, aber die anderen…!“

Wie der offene Brief der Videospielfans fordert, muss die Debatte endlich wieder sachlich werden. Vor allem muss man aber offen nach allen Richtungen sein und sich darauf einlassen, dass einfache Lösungen in so komplizierten Fällen einfach nur falsch sind. Zur gleichen Thematik hat sich an dieser Stelle eine Freundin von mir Gedanken gemacht, auch ein Beitrag, den man lesen sollte. Denn um die ganze Bandbreite dessen, um das es hier geht, zu erfassen, muss man sich beide Seiten der Geschichte anhören.

Und nicht nur „anhören“, auch „zuhören“!

Über Thorsten Reimnitz 832 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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