NOTRUF 112 – So retten sie in Wirklichkeit: „Bis(s) zum Umfallen“

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Notruf 112Serien über Rettungsdienst, Feuerwehr oder Polizei, die mit der Realität nicht so wirklich zu tun haben, gibt es zu Hauf. In diesem Blog wurde in den letzten Monaten einiges über die Serie „112 – Sie retten Dein Leben“ berichtet, von der 110 Folgen hergestellt wurden und die derzeit täglich als Wiederholung läuft („Tatü – Tata: ‚112…‘ – wer rettet wen und warum?„, „‚112 – Sie retten Dein Leben‘ – eine genauere Kritik„, „‚112 – Sie retten Dein Leben‘ – und zum Dritten!“ und „‚112 …‘ zum Vierten: Sie rettet nun keiner„). In den Diskussionen, die sich daraus ergaben, kamen immer wieder Stimmen auf, die nachfragten, wie das denn sei mit der Realität. Was sind das für Einsätze und wie laufen sie ab? Nun haben wir derzeit die „närrische Zeit“, und aus akutellen Anlass (siehe „Fastnacht – Fasnet – Fasching – Karneval – Ein kurzer Prolog…„) kam mir der Gedanke für eine Artikelreihe, die genau das beschreibt. Die Reihe wird heißen „NOTRUF 112: So retten sie in Wirklichkeit“, die einzelnen Artikel können über die Kategorie „Notruf 112“ abgerufen werden. Heute beginnen wir mit der „Pilotepisode“:

„Bis(s) zum Umfallen“

Der römische Gott Bacchus hätte an der Zeit von Fastnacht, Fasnet, Fasching, Karneval, oder wie auch immer man es regional nennt, sicher seine Freude gehabt. Zu sagen, der Alkohol fließe „in Strömen“, ist noch eine gute Untertreibung. Alkohol, das vergessen viele Menschen, ist zuallererst einmal ein Gift, genauer gesagt, ein Nervengift. Es greift Gehirnzellen an und führt zu weiteren körperlichen Schäden.

Das Problem ist – wie so oft – die Dosis. Die Maßlosigkeit im Umgang mit Alkohol führt zu dem einen oder anderen Einsatz der Rettungsdienstes, wie unlängst geschehen. Mein Kollege und ich wurden als Rettungswagen in ein privates Wohnhaus gerufen. Erwartet wurden wir von einem Mann, der außer sich war und sich nicht mehr zu helfen wusste. Er habe, so teilt er mit, einen Kumpel nach Hause gebracht. Sie waren auf einer Fasnetsveranstaltung gewesen und besagter Kumpel – nennen wir ihn Bert, obwohl das meilenweit von seinem richtigen Namen entfernt ist – hatte sich einen ordentlichen Rausch angetrunken. Was Berts Kumpel aber so beunruhigte, war die Tatsache, dass jener auf dem Weg ins Haus mehrmals zusammengebrochen und „minutenlang“ bewusstlos gewesen sei.

Das war das Stichwort für Bert, der nun in den Raum schwankte, offenbar aus dem Bad kommend. Als er hereinkam, wurde es dunkel. Bert war ein Schrank von einem Mann – ach, was rede ich, ein Bergmassiv! Gut, ein schwankendes Bergmassiv, was in mir ein wenig Unruhe auslöste – was tun, wenn dieses Bergmassiv ins Kippen kam? Hätten mein Kollege und ich versucht, ihn zu festzuhalten, hätte er uns unter sich begraben und wir hätten die Rettungshundestaffel nach uns suchen lassen müssen. Bert jedenfalls war ganz und gar nicht der Meinung seines Kumpels. Mit dem typischen „alkoholischen Zungenschlag“, der einen Laute wie „l“, „n“ oder „z“ so schlecht aussprechen lässt, teilte er uns mit, wir könnten wieder gehen. Er müsse lediglich ins Bad, den Finger in den Hals stecken, und schon sei alles wieder in Ordnung. Das mit dem „Finger in den Hals“ unterstrich er mit einer weitläufigen Geste seiner rechten Hand, was das genau austarierte Gleichgewicht, in dem er sich befand, in Unordnung brachte, so dass er einen Ausfallschritt machen musste und gegen den Türrahmen prallte.

Ich begann, mit ihm zu reden. Bessser gesagt, ich begann einen Monolog, der als solcher nicht gedacht gewesen war. Aber Bert antwortete mir dummerweise nicht, denn statt auf mich einzugehen wankte er zurück aus dem Raum in Richtung Bad. Dort kniete er sich vor die Toilette, klappte den Deckel hoch und mit einem „Sehen Sie, gleich geht es besser!“ steckte er sich den Finger in den Hals.

Was als nächstes kam, war das Geräusch, das ich bis heute auf den Tod nicht ausstehen kann. Ich konnte mich auch nie daran gewöhnen. Es war dieses röhrende Würgen, das ankündigte, dass der Magen soeben seine Pforten geöffnet hatte und als nächstes seinen Inhalt rückwärts durch die Speiseröhre schicken würde. Bert beugte sich nach vorne, über die Schüssel. Und noch weiter. Und noch weiter… bis schließlich sein Kopf am Rand der Keramik anstieß. Sonst passierte weiter nichts.

Ich packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. Keine Reaktion. Bert war, während er sich den Finger in den Hals steckte, bewusstlos geworden. „Sehen Sie! Sehen Sie!“, rief Berts Kumpel von hinten. „Wie vorhin!“

Mein Kollege und ich hatten unsere liebe Mühe, diesen Schrank, der nunmehr kniend mit der Stirn auf den Toilettenrand abgestützt in einer unnatürlichen Position lag, wieder hoch zu kriegen. Bewusstlose Menschen haben keinerlei Körperspannung, und wenn man schon bei Menschen mit Durchschnittsgröße sagt, der hängt da „wie ein nasser Sack“, dann kann man Bert mit einem nassen Sack voller Kartoffeln vergleichen, „Sieglinde festkochend“ (wenn Sie keine festkochenden Kartoffeln mögen, denken Sie sich eine Marke ihrer Wahl an dieser Stelle). Als ich ihm den Finger aus dem Hals zog, musste ich feststellen, dass er sogar draufgebissen hatte und ein wenig blutete, aber das war von nachrangiger Priorität.

Bert war damit tief bewusstlos. Jeglicher Erweckungsversuch scheiterte. Und wir gaben uns richtig Mühe. Wir verfrachteten ihn dann in eine stabile Seitenlage und riefen den Notarzt dazu. Kaum jedoch war das geschehen, da fing Bert auf einmal an, unruhig zu werden. War ja klar! Er versuchte, sich aus der Seitenlage zu drehen und wehrte sich gegen jeden weiteren Versuch, ihn zu untersuchen. Gleichzeitig war er unempfänglich für jegliche vernünftige Ansprache. Er hatte die nächste Stufe des alkoholischen Zustands erreicht, und das nachhaltig. Als ich fast das zweite Mal seine tellerminengroßen Pranken im Gesicht gehabt hätte, wurde es mir zu bunt.

Bis zum Eintreffen des Notarztes taten mein Kollege und ich etwas, das „Anamneseerhebung“ zu nennen ein Hohn gewesen wäre. Unter der „Anamneseerhebung“ versteht man normalerweise die Abklärung der Vorgeschichte eines Krankheitsereignisses, sowie die erste Untersuchung, Puls, Blutdruck und dergleichen. Bei Bert war das ein Ding der Unmöglichkeit, da er, während ich versuchte, von seinem Kumpel zu erfahren, was genau und wieviel er getrunken hatte, laut rumzubrüllen begann und sich weiterhin gegen jede Einflussnahme von außen wehrte. Ein Ringkampf war ein Dreck dagegen, wobei wir uns darauf beschränkten, darauf aufzupassen, dass Bert weder sich selbst noch uns verletzte. Eventuelle Zuschauer hätten vermutlich ihr Geld zurück verlangt.

Nach dem Eintreffen des Notarztes verfiel Bert in einen Zustand des Weltschmerzes. In den Phasen, in denen er wach war, beklagte er, wie dreckig es ihm doch ging und wie leid es ihm tat, dass wir alle so eine Mühe mit ihm hätten. Eine jämmerliche Erscheinung sei er. Und dann, aus dem Nichts heraus, machte er die Augen zu und war nicht mehr erweckbar für die nächsten Minuten. Offenbar reichte der Pegel, den er sich angesoffen hatte, noch nicht ganz für die völlige Bewusstlosigkeit. Das war uns aber auch ganz recht.

Leider reichte Berts Kooperationsfähigkeit in seinen wachen Phasen nicht aus, um uns zu helfen. Auf die Trage hoben wir (wir zwei vom Rettungswagen, Notarzt, Fahrer vom Notarzt und Berts Kumpel) unseren Patienten unter den größten Anstrengungen, da er ob seiner Größe auch noch schwer war. Und natürlich passte er nicht auf die Trage, er überragte sie um gute zehn Zentimeter. Da er noch dazu wieder „Sieglinde festkochend“ (siehe oben) spielte, war das ein Manöver, bei dem wir alle dachten, uns bricht die Wirbelsäule durch.

Kaum lag er, machten wir die Sicherheitsgurte fest. Daran hatten wir gut getan, denn schon wurde Bert wieder wach, beklagte den Zustand der Welt im Allgemeinen und seinen im Besonderen und versuchte, sich zu drehen. Als ihm das nicht so gelang, wie er wollte, bewegte er sich umso heftiger. Die Fahrtrage zum Rettungswagen zu steuern war daher ein schwieriges Unterfangen. Beim Einladen ins Fahrzeug hatte Bert wieder eine seiner „Ruhephasen“, so dass das reibungslos von statten ging. Den venösen Zugang und die Infusion, die ihm im Fahrzeug gelegt wurde, bemerkte Bert erst in seiner nächsten Weltschmerzphase. Er zuckte nicht mal, als der Doktor ihm die Nadel durch die Haut stieß.

Die Fahrt ins Krankenhaus wurde schwierig. War er wach, so mussten wir uns von Bert anhören, dass alles so schlecht sei, die Welt, die Menschen, das Universum und der ganze Rest. Von seinem Kopf mal ganz abgesehen. In den Phasen, in denen er nicht wach war, mussten wir aufpassen, dass er nicht einfach so das Atmen einstellte. In der Hinsicht blieb er jedoch vernünftig und sah ein, dass Sauerstoff doch eine gesunde Sache sein kann.

Im Krankenhaus schließlich wurde Bert vom Weltschmerz geradezu übermannt und schwor uns, dem Krankenhausarzt und der Schwester, er würde nie wieder was trinken. Immerhin ginge es ihm ja so schlecht. Sprach’s, und übergab sich in das frisch gemachte Bett, in das wir ihn gerade gelegt hatten. Da als nächstes eine „Ruhephase“ folgte, hatte die Schwester Schwierigkeiten, das Bett neu zu machen, während „Sieglinde festkochend“ (siehe oben) darin lag. Wir haben ihr dann freundlicherweise geholfen.

Das ist die andere Seite der ausgelassenen Zeit. Und das Schlimme ist: Es ist nicht mal mehr zeitlich begrenzt. Quasi das ganze Jahr über scheint keine Ausrede zu dumm zu sein, sich mit Alkohol den Verstand aus dem Kopf zu dreschen. Nun kann man sich natürlich auf den Standpunkt stellen: Ist doch egal! Ist doch mein Leben! Mein Gehirn! Mit dem kann ich machen, was ich will. Im Prinzip richtig. Nur auf diese Weise sind dummerweise noch andere Leute davon betroffen, besorgte Freunde und Familie, wir vom Rettungsdienst, das Personal vom Krankenhaus und letztlich auch die Allgemeinheit, die den Rettungseinsatz und den Krankenhausaufenthalt über die Krankenkassenbeiträge finanzieren darf. Daran sollte man auch mal denken und vielleicht versuchen, Maß und Ziel zu bewahren.

„Während ich mich übergeb‘
schwör ich mir ferngesteuert,
sofern den Tag ich überleb‘ –
es wird nie mehr gefeiert!

Weil morgen, ja morgen fang ich
ein neues Leben an.
Und wenn nicht morgen, dann übermorgen
oder zumindest irgendwann
fange ich wieder ein neues Leben an.“

(aus dem Lied „Morgen“ von der EAV)

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Über Thorsten Reimnitz 841 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

1 Kommentar

  1. Also 112 im Fernsehen hat etwas mehr Spannung, aber denn artikel hier könnte man fast schon als Drehbuch für irgendeine Comedy-Sendung bei Sat1 nehmen. Zudem ist das wenigstens realistisch (etwas das ich in der heutigen Zeit sehr Schätze).
    @ Torsten Super Stil und einfach nur interressant und informativ. Übrigens Beifall für die Stemmung der Sieglinde 😉

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