Tim und Struppi: Tim und der Haifischsee [Rezension]

Nachdem der Erfolg von Tim immer mehr wurde, dachte man auch darüber nach, Spielfilme um den Reporter zu produzieren. Tatsächlich waren die ersten Kinofilme, die 1960 und 1964 entstanden, Realfilme mit einem Schauspieler namens Jean-Pierre Talbot in der Hauptrolle: „Tim und das Geheimnis des goldenen Vlieses“ und „Tim und die blauen Orangen“. Beide Filme sind bisher nicht in Deutsch erschienen.

Schon 1959 wurde eine Kurzepisode als Zeichtrick umgesetzt, und zwar „Der Fall Bienlein“, der allerdings herbe Kritik einstecken musste, da er in weiten Teilen von der Handlung des Albums zum Teil gravierend abwich.

1969 gab es den ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm: „Der Sonnentempel“, natürlich nach dem gleichamigen Album und seinem Vorgänger „Die sieben Kristallkugeln“. Nach dessen Erfolg wurde 1972 ein weiterer Kinofilm produziert, von dem es erst hinterher ein Album geben sollte: „Tim und der Haifischsee“.

Inhalt: Bienlein ist auf Einladung eines geheimnisvollen Mäzens nach Syldavien gekommen, um an einer dreidimensionalen Kopiermaschine zu arbeiten. Als Tim und Haddock, begleitet von den Schul(t)zes ihn besuchen wollen, kommt es zu mehreren seltsamen Zwischenfällen: das Lufttaxi, das sie zu Bienleins Villa bringen soll, stürzt ab, Leute schleichen ums Haus und Unterlagen von Bienlein verschwinden. Als schließlich auch noch Tims neue syldavische Freunde Nico und Nuschka von Froschmännern entführt werden, wird klar, dass ein Gangster Bienleins Kopiermaschine haben möchte, weil man mit ihr perfekte Kopien von wertvollen Kunstgegenständen herstellen kann. Tim lässt sich zum Schein auf die Erpressung ein – und sehr zu seiner Überraschung ist der Gangsterboss ein alter Bekannter.

Kritik: Das Drehbuch zu diesem Film wurde nicht von Hergé, sondern von Greg – alias Michel Regnier – geschrieben. Das merkt man dem Buch auch an, denn der „Haifischsee“ ähnelt sehr stark einer James-Bond-Geschichte (und mit dem Spruch „Der James Bond der Comicwelt“ wurde der Film auch beworben). Ganz im Stil von James Bond ist die Gangsterorganisation in einem mit allen technischen Finessen ausgestatteten Geheimversteck sowie die Tatsache, dass der Oberbösewicht das Geheimversteck in die Luft sprengt, als er er verlässt, wobei er den Held zurücklässt und hofft, dass dieser bei der Explosion umkommt.

An diesem Punkt muss man die Kritik auseinanderspalten. Zuerst zum Album, das man nach dem Film gestaltet hat: das hat leider sehr viele Schwächen. Die Geschichte wurde als Film konzipiert und nutzt viele Stärken des Mediums aus, die sich leider nicht in ein Album übertragen lassen. Hinzu kommt, dass es etwa zwanzig Seiten weniger Umfang hat als die anderen Abenteuer, trotzdem werden aber etliche Teile der Handlung gekürzt und in Form von Texten wiedergegeben. Die Bilder des Films wirken, als seien sie dem Film direkt entnommen und ein wenig bearbeitet worden, zum Beispiel um Bewegung darzustellen, sie stammen aber definitiv nicht aus dem Film (wer Film und Album direkt vergleicht, wird das bemerken; beispielsweise malt Haddock im Film auf einem Plakat der Castafiore einen Bart mit Hilfe eines Streichholzes, das er gerade verwendet hat, um seine Pfeife anzuzünden, im Album sieht man ihn mit einem zufriedenen Lächeln einen Kugelschreiber in seine Jacke zurückstecken). Man hat aber – aus welchen Gründen auch immer – die Optik beibehalten (deutliche Abgrenzung Vordergrund – Hintergrund). Auf diese Weise ist das Album wohl nur etwas für jene, die ihre Sammlung vollständig halten wollen.

Nun zum Film: Der ist durchaus empfehlenswert. Wie bereits gesagt nutzt er einige Stärken des Mediums, zum Beispiel, dass sich Slapsticksituationen sehr viel besser darstellen lassen. Ich habe an einigen Stellen laut aufgelacht, die besonders gelungen waren (zum Beispiel kämpfen Haddock und Tim an Schluss mit den Bösewichten, während im Hintergrund ein Fernseher mit einem Fussballspiel läuft – und der Kommentar des Spiels passt genau auf den Kampf). Allerdings muss man, um den Film genießen zu können, es akzeptieren, dass es keine typische Tim-Geschichte ist. Es ist eben Kino, ein wenig kann man es vergleichen mit den Änderungen, die an den James-Bond-Büchern von Ian Fleming vorgenommen wurden, als man sie verfilmte.

Wer sich für „Tim und der Haifischsee“ interessiert, sollte also lieber den Film sehen, anstatt das Album zu lesen. Dieser ist zusammen mit „Der Fall Bienlein“ und „Der Sonnentempel“ in einer Spielfilmbox erschienen. Daher an dieser Stelle noch eine Betrachtung der frühen filmischen Umsetzung vom „Sonnentempel“:

Tim und Struppi im Sonnentempel
Die Geschichte ist bekannt aus dem Doppelalbum „Die sieben Kristallkugeln“ / „Der Sonnentempel„. Allerdings wurden etliche Änderungen vorgenommen:

  • Die Geschichte des ersten Bandes wurde generell stark zusammengekürzt, so dass Bienlein bereits nach 9 Minuten Film (einschließlich Titelmusik) entführt wird.
  • Dadurch fehlt der komplette Einstieg mit Haddock und Tim im Varieté. Auch der Auftritt von General Alcazar fällt komplett weg.
  • Die Geschichte der Expedition, die die Mumie von Rascar Capac findet und nach Europa bringt, wird in einem Vorwort wiedergegeben. Darin wird auch erwähnt, dass bereits fünf der sieben Forscher in Tiefschlaf gefallen sind (anders als im Album, in dem der fünfte Forscher wegen einer Unachtsamkeit von Schulze und Schultze Opfer des Angriffs wird).
  • Der Angriff auf den sechsten Forscher wird gezeigt und im Gegensatz zum Album sieht man, dass die Indios ein Blasrohr benutzen, um die Kristallkugeln zu ihrem Ziel zu bringen.
  • Der siebte Forscher wird im Film Professor Bergamott genannt (Birnbaum im Album), Mühlenhof heißt „Moulinsart“ (französischer Originalname).
  • Aus einem Grund, der nicht näher erklärt wird, befindet sich die Mumie des Rascar Capac in Mühlenhof. Die ganze Sequenz, in der diese von einem Kugelblitz getroffen wird und Birnbaum über den Fluch spricht, findet dort statt.
  • In dieser Sequenz nimmt Bienlein zudem den Schmuck des Rascar Capac sofort an sich, Birnbaum wird Opfer des letzten Kristallkugel-Anschlags und Bienlein entführt (im Album finden diese Ereignisse teilweise Nachts, teilweise erst am nächsten Tag statt). Es stellt sich die Frage, warum Tim und Haddock, die sich mit Birnbaum in einem Raum befinden, nicht auch Opfer der Dämpfe werden, die die Kristallkugel verströmt, nachdem sie zerbrochen ist, und von denen Menschen in den merkwürdigen Schlafzustand versetzt werden.
  • Die Entführer fliehen mit Bienlein nicht in einem Auto, sondern im Hubschrauber. Dadurch entfällt die ganze Handlung darum, dass die Entführer das Fluchtfahrzeug tauschen und schließlich im Hafen versenken.
  • Auf die Spur des Schiffes Pachacamac, das Bienlein und seine Entführer nach Südamerika bringt, kommen Tim und Haddock nicht durch Bienleins Hut, sondern durch einen stotternden Augenzeugen, der Bienlein gesehen hat.
  • Als Tim sich in Peru heimlich an Bord der Pachacamac schleicht, erfährt er sofort, dass die Reise der Entführer nach Jauga gehen wird. Dadurch trennen er, Haddock und die Schul(t)zes sich nicht, letztere sind auf der ganzen Expedition zum Sonnentempel mit dabei (im Album folgen die „beiden Unvergleichlichen“ – Zitat Haddock – einer anderen Spur und verlieren Tim und Haddock dabei).
  • Den Weg nach Jauga setzen die Vier mit einer Draisine fort, nachdem man ihren Wagen vom Zug abgekoppelt hat (im Album fährt ihnen ein Montagewagen aus Jauga entgegen, nachdem man dort das Fehlen des Waggons bemerkt hat). Neu hinzugekommen ist eine Szene, in der das „Pisco-Fest“ in Jauga gezeigt wird (Pisco ist das Nationalgetränk von Peru, von dem Haddock ins Schwärmen gerät). Tim wird nicht von dem Hohepriester aus dem Sonnentempel beschattet, was zur Folge hat, dass ihm dieser auch nicht den Talisman gibt, nachdem Tim Zorrino geholfen hat. Dadurch gibt es später keinen Grund, Zorrino vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu bewahren (siehte weiter unten).
  • Zorrino erwartet Tim und seine Gefährten nicht an der Brücke, sondern ein Stück am Fluss lang. Bei der Kanufahrt gehen die Schul(t)zes für eine zeitlang verloren.
  • Der Alptraum, den Tim an der ersten Rast hat, ist anders umgesetzt, wirkt aber nicht minder verstörend.
  • Die Ereignisse um die Indios, die Zorrino entführen, und den Kondor, der Struppi wegschleppt, sind miteinander verbunden worden. Die Indios tauchen später nicht mehr auf, weil die ganze Szene, in der Haddock den Lamas über eine mit Schnee bedeckte Ebene nachläuft, ebenfalls fehlt.
  • Auch im Dschungel wurde einiges weg gelassen, wie etwa der Tapir oder der Ameisenbär.
  • Der geheime Zugang zum Sonnentempel wird auf die gleiche Weise entdeckt, allerdings gibt es keinen Erklärungsversuch, wieso es in der Höhle nicht dunkel ist (im Album ist von „phosphoriszierendem Gestein“ die Rede). Die Stelle, in der Tim auf ein altes Inkagrab stößt, fehlt.
  • Der oberste Inka hat eine Tochter, die um das Leben von Zorrino und seinen Gefährten (ja, in dieser Reihenfolge!) bittet. Anders als im Album wird Zorrino ebenfalls zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, was natürlich damit zusammenhängt, dass der Junge den Talismann nicht wie im Album gekriegt hat (siehe weiter oben).
  • Die Exekution wird wie im Album angesetzt, aber die Schul(t)zes stehen ebenfalls auf dem Scheiterhaufen. Bienlein spricht nicht davon, dass er das ganze Spektakel für einen Hollywood-Film hält.
  • Als der oberste Inka daran geht, die Voodoopuppen zu zerstören, die die gequälten Wissenschaftler zeigen, stellt sich heraus, dass es auch für Haddock eine Puppe gegeben hat, die aber nicht eingesetzt wurde. Warum es diese Puppe gibt, wird nicht erklärt, auch nicht, warum sie nicht eingesetzt wurde.
  • Die Stelle, in der Haddock aus einer Quelle Wasser trinkt, das er dann einem Lama ins Gesicht spuckt, findet bereits am Sonnentempel statt. Die Satteltaschen voll mit Gold werden nicht gezeigt.
  • Schließlich müssen noch die zwei Lieder erwähnt werden, eines, in dem Zorrino das Leben im Dschungel besingt, das andere, ein trauriges Duett zwischen ihm und der Tochter des obersten Inkas mit dem Titel „Warum darf Zorrino nicht leben?“. Beide kommen natürlich nur im Film vor.

Kritik: Der Film wirkt leider sehr hektisch – und ob er unbedingt etwas für Tim-Fans ist, die die Handlung des „Kristallkugeln“/“Sonnentempel“-Doppelbandes natürlich ganz genau kennen, sei mal dahingestellt. Die ersten zwanzig Minuten wirken so, als wolle man die lästige Vorgeschichte um die sieben Kristallkugels schnell abhandeln, um endlich zum eigentlichen Thema des Films kommen zu können, dem Sonnentempel. Dabei kommt leider die inhaltliche Geschlossenheit abhanden, etwa wenn nicht erklärt wird, warum sich die Mumie von Rascar Capac in Mühlenhof befindet (die einzige Erklärung ist natürlich die, dass man dadurch keinen neuen Schauplatz – Birnbaums Villa – ins Spiel bringen musste, was wiederum Szenen einsparte). Es ist meine persönliche Vermutung, dass die Voodoopuppe, die Haddock zeigt, deswegen in die Szene im Sonnentempel eingefügt wurde, weil sich die Mumie im Schloss befunden hat. Dummerweise wird das nicht erklärt, der oberste Inka sagt schlicht und ergreifend: „Auch Du solltest leiden!“
Der Film hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Er ist handwerklich gut gemacht, kommt aber an seine Vorlage nicht heran. Mehr als einmal wirkt er, als habe man auf Biegen und Brechen Abenteuerkino für Kinder machen wollen und die vielen Raffinessen, die Hergés Geschichte hat, schlicht außen vor gelassen. Verantwortlich für das Drehbuch zeichnet übrigens ebenfalls Greg.

Erst 1991 machte man sich daran, die Tim-Reihe nochmals in Zeichentrickfilme umzusetzen, diesmal in einer Serie. Verfilmt wurden alle Bände bis auf „Tim im Lande der Sowjets“, „Tim im Kongo“ und (natürlich) „Tim und die Alpha-Kunst“. Die Serie hält sich – im Gegensatz zur 1959er Version von „Der Fall Bienlein“ – recht eng an Hergés Vorlagen, auch wenn an einigen Stellen zusätzliche Szenen eingefügt wurden. Natürlich sind sie zeichentricktechnisch auch besser als die alten Versionen.

Über Thorsten Reimnitz 831 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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