Tim und Struppi: Im Reiche des schwarzen Goldes [Rezension]

1948 machte Hergé sich daran, eine Geschichte neu zu bearbeiten und fortzusetzen, die er 1940 wegen der Invasion der Deutschen hatte abbrechen müssen: „Im Reiche des schwarzen Goldes“. Nachdem er es unter den Nazis nicht wagen konnte, einen Deutschen als Bösewicht darzustellen, war das nach dem Krieg wieder möglich. Allerdings musste er die Geschichte an ein paar geänderte Situationen anpassen.

Inhalt: Die Welt steht am Rand eines neuen Krieges. Gleichzeitig sabotiert jemand die Benzinvorräte der westlichen Welt. Das Benzin ist verdorben und führt dazu, dass Motoren unerwartet explodieren. Während Schulze und Schultze dahinter eine Firma vermuten, die ihr Geld mit dem Abschleppen und Reparieren von Autos verdient, macht sich Tim allein auf die Suche nach der Ursache, die ihn nach Khemkhâh führen, in das Emirat von Scheich Ben Kalisch Ezab. Dort trifft er einen alten Bekannten wieder: Doktor Müller. Und er darf die Bekanntschaft des Scheichs und seines unvergleichlichen Sohnes Abdallah machen.

Kritik: Die Geschichte entstandt ursprünglich zu einem Zeitpunkt vor „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, also bevor Tim Haddock traf. Und ausgerechnet bei „Im Reiche des schwarzen Goldes“ war es nicht möglich, den Kapitän einfach so in die Handlung zu integrieren (das Abenteuer nimmt seinen Anfang, als Tim als Funker auf einem Öltanker anheuert, um verdächtigen Spuren nachzugehen; es wäre schlichtweg unmöglich gewesen, Haddock, der ja immerhin Kapitän ist, da mit einzubeziehen). Also bediente sich der Zeichner eines Tricks: Ganz zu Beginn der Geschichte erhält Tim einen Anruf von Haddock. Der Kriegsgefahr wegen ist er zur Marine eingezogen worden und muss ein Schiff kommandieren.

Der Hintergrund eines drohenden Krieges hat mich als junger Leser etwas verwirrt. Natürlich entstand die ursprüngliche Geschichte im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg, der ja eigentlich schon begonnen hatte und nur darauf wartete, dass die Aliierten in den Konflikt eintreten würden. Hergé bleibt allerdings unbestimmt, die Schlagzeilen, die Tim in der Zeitung liest, sprechen lediglich von einem Krieg, aber nicht, wer die kriegführenden Staaten sind. Mitten in der Geschichte hört der Reporter schließlich eine Radiomeldung, dass die Kriegsgefahr gebannt sei.

Ungefähr an dem Punkt, an dem Hergé die Geschichte 1940 das erste Mal abbrechen musste, ist auch der Punkt, wo die Geschichte, die am Anfang wieder recht düster war, endgültig einen leichteren Tritt bekommt. Und sah das ursprüngliche Konzept vor, dass das verdorbene Benzin die Armee des Gegners lahmlegen soll, so ist der Hintergrund nun – wie schon beim Arumbaya-Fetisch – der Kampf von zwei gegnerischen Ölföderungsgesellschaften.

Beinahe schelmisch geht der Zeichner mit Haddock um. Anstatt sich eine weitschweifige Erklärung für seine Abwesenheit und sein plötzliches Auftauchen am Ende der Geschichte auszudenken, macht er es ganz kurz. Als Haddock am Anfang zur Marine eingezogen wird, macht Hergé sich nicht einmal die Mühe, das Schiff des Kapitäns mit einem Namen zu bezeichnen, es heißt nur „XY (der Name muss geheim bleiben)“. Und aus seinem Auftauchen am Schluss macht der Autor einen „running gag“: Jedes Mal, wenn Haddock Tim erzählen will, wie es kommt, dass er so unverhofft auftaucht, wird er unterbrochen.

Gesamt gesehen war das Album keine Steigerung gegenüber dem Doppelband „Die sieben Kristallkugeln“ / „Der Sonnentempel“, aber Hergé hatte ein gewisses Niveau erreicht, unter das er fortan nicht mehr fallen sollte, obwohl er noch mit Ideen aufwarten sollte, die manche als „merkwürdig“ empfanden.

Über Thorsten Reimnitz 832 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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