Tim und Struppi: Die Juwelen der Sängerin [Rezension]

Die bisherigen Geschichten vom Tim und Struppi waren Abenteuer im „klassischen Sinn“: der Held zieht hinaus in die Welt und findet dort eine Situation vor, die er bereinigt. Für das neueste Album brach Hergé jedoch mit diesem Prinzip. Das Abenteuer sollte nach Mühlenhof kommen.

Inhalt: Ganz überraschend meldet sich Bianca Castafiore zum Besuch im Mühlenhof an. Als Haddock überstürzt abreisen will, fällt er über eine kaputte Treppenstufe und verstaucht sich den Knöchel. An ein Entkommen ist somit nicht mehr zu denken und so muss er die Ankunft der Castafiore, ihrer Zofe Luise und ihrem Pianisten Igor Wagner über sich ergehen lassen – mit allen Konsequenzen, einer Fernsehübertragung von Mühlenhof und umherschnüffelnden Journalisten, die auf der Suche nach einer Story sind. Doch plötzlich verschwindet das wertvollste Stück vom Schmuck der Castafiore: ein Smaragd, den ihr der Mahardscha von Gopal geschenkt hat.

Kritik: Wollte man ein Tim-und-Struppi-Theaterstück verfassen, „Die Juwelen der Sängerin“ wäre die ideale Vorlage. Der Schauplatz ist und bleibt Mühlenhof – und das reicht auch. Über das Chaos, das die Ankunft der „italienischen Nachtigall“ auslöst bis zum Verschwinden des Smaragds gibt es allerhand komische Situationen, die in einer Krimihandlung verwoben sind. Hergé macht es dabei sichtlich Spaß, falsche Spuren zu legen und auch mit Ressentiments zu spielen, etwa wenn die Schul(t)zes eine in der Nähe von Mühlenhof lagernde Gruppe Zigeuner des Diebstahls verdächtigen, ohne einen wirklichen Anhaltspunkt dafür zu haben. Die Geschichte geht so von Spur zu Spur, bis Tim schließlich die richtige Idee kommt. Und wenn der geneigte Leser das erste Bild des Abenteuers genau betrachtet, so wird er feststellen, dass die Lösung dort schon versteckt ist.

Für diese Geschichte wurde eine neue Nebefigur mit eingebaut: der Maurer Stein, der eigentlich die kaputte Treppenstufe richten sollte, sich aber immer entschuldigt, weil er keine Zeit gehabt hat. Interessanterweise ist er aber Mitglied der „Harmonie Mühlenhof“, die dem Kapitän und der Castafiore ein Ständchen bringt (und wer genau hinschaut, wird auch Metzgermeister Schnitzel entdecken). Stein steht hier stellvertretend für die Handwerker, die ihre Termine nie einhalten, weil „was dazwischen kam“.

Dieses Album unterscheidet sich durch die vom Ort her eingeschränkte Geschichte sehr von den bisherigen. Es passiert auch nichts von einer ähnlichen Dramatik wie in den bisherigen Abenteuern. Niemand wird bedroht, niemand ist in Gefahr und der „Schurke“ hinter der ganzen Sache ist nicht Rastapopoulos. Deswegen kann es sein, dass „Die Juwelen der Sängerin“ bei dem einen oder anderen Fan nicht so gut ankommt, denn die bekannten Pfade werden hier konsequent verlassen. Für mich persönlich war es eine erfrischende Abwechslung. Leider war meine ursprüngliche Ausgabe bei einem Umzug so beschädigt worden, dass ich sie leider entsorgen musste. Daher habe ich eine neue Auflage gekauft und eine Änderung festgestellt: In der alten Fassung war die Titelschlagzeile des Magazins „Tempo di Roma“ eingedeutscht („Die Diva und der Papagei“), in der neuen Fassung hat man die Authentizität etwas mehr hervorgehoben, indem man diese Schlagzeile italienisch („La Diva e il Pappagallo“) ließ.

Über Thorsten Reimnitz 832 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

1 Trackback / Pingback

  1. STAR COMMAND Communiqué » Tim und Struppi - Die Reihe (Einblicke / Ausblicke)

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*