Tim und Struppi: Der Fall Bienlein [Rezension]

Mitte der 1950er kehrte Hergé zu den Einzelband-Abenteuern zurück und sollte auch dabei bleiben. Inzwischen hatte er ein eigenes Studio und begann, dessen Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Bisher fertigte er die Zeichnungen zuerst mit Bleistift an und übertrug sie dann mit Tusche. Danach wurden sie koloriert. Nun konnte er verschiedene Techniken und Blickwinkel ausprobieren – ganz wie im Kino. Und wie im Kino sollte auch das neueste Abenteuer aussehen.

Inhalt: Auf Schloss Mühlenhof gehen ohne ersichtlichen Grund Gläser zu Bruch. Nachdem Bienlein zu einem Kongress nach Genf abgereist ist, ist der Spuk zuende. Tim vermutet einen Zusammenhang. In Bienleins Labor finden sich riesige Apparate, die zeigen, dass er an einem Experiment mit Ultraschall gearbeitet hat. Als Haddock und Tim dort einen bordurischen Spion überraschen, wird ihnen klar, dass der Professor in Gefahr ist. Sie reisen ihm nach und geraten in einen Konflikt zwischen Agenten aus Syldavien und Bordurien.

Kritik: Zuerst zwei Dinge, die nicht so ganz stimmig sind. Zum einen wird nicht klar, warum Bienlein diese Experimente mit Ultraschall macht. Noch in „Reiseziel Mond“ ist er stolz darauf, die Atomkraft zu einem friedlichen Zweck zu verwenden. Welchem friedlichen Zweck soll seine Ultraschallkanone dienen? Zum zweiten wird auch Syldavien in dem Band ziemlich zweifelhaft dargestellt, obwohl es ebenfalls in „Reiseziel Mond“ / „Schritte auf dem Mond“ das genaue Gegenteil war.

So, genug des Negativen. „Der Fall Bienlein“ ist eine stimmige Agentengeschichte im Hitchcock-Stil, in der Hergé erneut aktuelle Realität mit fiktiven Elementen mischt. Der Konflikt zwischen Syldavien und einem offenbar kommunistischen Bordurien spiegelt den kalten Krieg wieder, unter dessen Einfluss das Album entstand. Die Möglichkeiten des Studios kamen Hergés Sinn für Perfektionismus sehr entgegen, und für diese Geschichte ging er sogar so weit, sich in Genf nach Schauplätzen umzusehen. Das Hotel, in dem Bienlein absteigt, existiert genauso wie die Villa, die Vorbild für die bordurische Botschaft war. Sogar die Stelle, an der Tim und Haddock im Auto von der Straße abgedrängt werden und in den Genfer See stürzen, hat er eigens gesucht.

Auch hier werden zwei neue Figuren eingeführt, die in späteren Alben nochmals auftauchen werden. Die eine ist Oberst Sponsz (dessen Namen sich tatsächlich von dem brüssler Wort für „Schwamm“ ableitet), der Chef des bordurischen Geheimdienstes, die andere der aufdringliche Versicherungsvertreter Fridolin Kiesewetter. Hergé hat mit diesem einen Charakter eingefangen, den wahrscheinlich jeder Mensch kennt: ein Nervtöter, dessen Mundwerk einfach nicht still stehen kann und der damit natürlich prädestiniert ist für den Beruf eines Vertreters, denn natürlich hofft man immer, dass so eine Person möglichst schnell wieder geht. Und wie wird man einen Vertreter am schnellsten los? Indem man ihm was abkauft. Kiesewetter selbst akzeptiert auch kein „nein“, als Haddock ihm entnervt mitteilt, er sei gegen alles versichert, entgegnet ihm jener ohne auf den Einwand einzugehen: „Dann sind wir uns ja einig… bis bald!“

Den ersten Auftritt hat in dieser Geschichte auch die Metzgerei Schnitzel, deren Nummer dummerweise die gleichen Ziffern beinhaltet wie die von Mühlenhof – lediglich in anderer Zusammstellung, was dazu führt, dass entweder ständig Leute anrufen, die die Metzgerei haben wollen; umgekehrt landet Haddock ab sofort immer dann, wenn er besonders aufgeregt das Telefon bedient, bei deren Anschluss. Dass ersteres sehr nervig sein kann, kenne ich aus eigener Erfahrung, meine Telefonnummer war mal fast identisch mit der eines Kaffeeladens – nur zwei Ziffern waren verdreht.

Und noch ein Element führt Hergé ein, was vermutlich aus seiner eigenen Situation entstand: Kapitän Haddock, der in der Eingangssequenz erklärt, er habe genug von den Abenteuern und wolle nur noch Ruhe. Das entsprach dem Gefühl, das Hergé selbst hatte, manchmal fühlte er sich von seiner eigenen Schöpfung völlig eingenommen und sehnte sich nach Ruhe. In den folgenden Geschichten wird Haddock noch mehrmals den Wunsch nach Ruhe ausdrücken – und sich anschließend in ein neues Abenteuer stürzen. Auf die Spitze getrieben wird das in „Tim in Tibet“, aber dazu kommen wir noch.

Eine spannende Geschichte vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts, die beweist, wie gut Hergés Abenteuer funktionieren, wenn sie zwar Fiktion, aber in der Realität verwurzelt sind.

Über Thorsten Reimnitz 831 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

2 Kommentare

  1. „Konflikt zwischen Agenten aus Syldavien und Bordurien“? Agenten aus Syldavien kommen in der ganzen Geschichte doch gar nicht vor. Die drei Agenten am Anfang sind alle aus Bordurien. Das Einzige, was auf Syldavien hinweist, ist die Nummer eines Kleinflugzeugs, die mit „SY -“ beginnt – aber das kann genauso gut Tarnung der bordurischen Agenten sein.

  2. @Bruno Haible:

    Also, Zitat aus „Der Fall Bienlein“, Seite 31, zweite Panelreihe, Bild ganz links, oben (nach dem Kampf an der bordurischen Botschaft):

    „Beim Schnurrbart von Plekzsy-Gladz! Die Syldaven(!!) haben den Professor entführt!“

    Die Entführer von Bienlein, die von Haddock und Tim im Hubschrauber verfolgt werden, sind also eindeutig Syldaven. Es gelingt ihnen auch fast, Bienlein in ihr Land zu bringen, aber wie wir dann erfahren (Seite 43, obere Panel-Reihe, Mitte) wurde das syldavische Flugzeug zur Landung in Bordurien gezwungen.

    Die Agenten am Anfang sind mitnichen alle aus Bordurien, welchen Grund sollten sie haben, einen der ihren anzuschießen? Mindestens einer ist also von der „Gegenseite“, vermutlich Syldavien, auch wenn das am Anfang so nicht gesagt wird.

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