Tim und Struppi: Tim in Amerika [Rezension]

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Nachdem Hergé sich in den Abenteuern „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“, die sein Reporter Tim zu bestreiten hatte, den Anweisungen seines Herausgebers Wallez beugte, konnte er nun, als er 1931 die Arbeiten an der dritten Geschichte begann endlich dem Reiseziel widmen, das er von Anfang an vorgesehen hatte: Amerika!

Inhalt: Tim reist nach Amerika, genauer gesagt nach Chicago. 1931 ist das Zeitalter der Prohibition und die Stadt fest in der Hand von Gangstergrößen wie Alphonse „Scarface Al“ Capone. Nachdem Tim ihm das Diamantengeschäft in Afrika vermasselt hat, passt es dem Verbrecherboss natürlich nicht, dass der Reporter in „seiner“ Stadt auftaucht und veranlasst dessen Tod. Von da an wird abwechselnd entweder Tim von den Gangster oder die Gangster von Tim gejagt. Seine Reise führt ihn dabei auch von Chicago in den Westen der USA, wo er auf den Stamm der Schwarzfuß-Indianer trifft.

Kritik: Wieder hat Hergé einen Schritt in seiner Entwicklung gemacht. Vermutlich lag das aber auch mit daran, dass ihm das Thema dieses Abenteuers nicht vorgegeben wurde, sondern am Herzen lag. So gibt er äußerst detailreich und akkurat den Stammesschmuck der Indianer wieder, auf die Tim im Verlauf seines Abenteuers trifft, wirft einen satirischen Blick auf die Gier des weißen Mannes nach Öl und spart dabei nicht mit Seitenhieben auf den ungebremsten Kapitalismus. So ziehen amerikanische Firmen beispielsweise innerhalb eines Tages nach einem Ölfund in einem Indianerreservat eine ganze Stadt hoch – einschließlich Vertreibung der Indianer durch die Nationalgarde. Insofern kann man diese Geschichte als Gegenpol zu „Im Lande der Sowjets“ betrachten. Für Hergé waren Kommunismus und Kapitalismus zwei Extreme, die für die Menschen gefährlich waren, seine persönliche Einstellung war irgendwo in der Mitte – und damals noch sehr pro-europäisch.

Die Episodenhaftigkeit nimmt in dieser Geschichte wiederum etwas ab und der rote Faden „Gangsterjagd“ tritt etwas mehr hervor, wenngleich auch an ein paar Stelle die Geschichte dadurch ihre Fortsetzung findet, dass einem der gefährlicheren Gangster im letzten Moment die Flucht vor der Polizei gelingt. Irgendwann ist im Album auch nicht mehr klar, warum Tim die Verfolgung der Gangster fortsetzt, jedenfalls nicht für eine Reportage. Überhaupt wird Tim in diesem Album zwar allenthalben als „Reporter“ bezeichnet, aber der Tätigkeit eines Reporters geht er nicht nach. Im Gegenteil, mit diesem Band hat endgültig seine zweite Karriere begonnen, die des „Abenteurers“.

Die Geschichte ist noch nicht ganz „rund“ und vor allem der Auftritt eines real existierenden Verbrechers wie Al Capone stellt ein Unikum dar. Dieser beschränkt sich jedoch auf den Anfang der Geschichte und man merkt, dass es ihn für den weiteren Fortgang nicht braucht. Hergés Geschichten funktionieren am Besten, wenn er Figuren einführt, die zwar an realen Personen orientiert sind, aber in ihrer Gesamtheit ganz der Phantasie des Autors entspringen. Und tatsächlich ist die Vorstellung, Tim würde nicht den notorischen (fiktiven) Gangsterboss Bobby Smiles in den Westen verfolgen, sondern stattdessen Al Capone, eine furchtbare, da es schlicht nicht funktionieren würde. Immerhin war Capone dafür bekannt, sich soweit aus den Verbrechen seiner „Untergebenen“ herauszuhalten, dass man ihm nichts nachweisen konnte. Leider wird der Leser am Ende der Geschichte aber im Unklaren gelassen, ob sich unter den 355 verhafteten Mitgliedern des Chicagoer Gangster-Syndikat auch Capone befindet.

„Tim in Amerika“ bildet zusammen mit „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“ sowas wie eine „Anfangstrilogie“. An deren Ende ist Hergé an einem Punkt angekommen, an dem er weiß, wie er seine weiteren Abenteuer gestalten muss. Lediglich ein sehr wichtiger Entwicklungsschritt fehlt noch, den wird er allerdings erst mit den Arbeiten am übernächsten Band machen. „In Amerika“ ist ein spannendes Abenteuer mit sozialkritischen Tönen, die allerdings manchmal noch etwas naiv daherkommen.

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Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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