Tim und Struppi: Tim im Kongo [Rezension]

Nachdem Hergé die Fortsetzungsgeschichte „Tim im Lande der Sowjets“ beendet hatte, wollte er mit einer neuen Geschichte einem eigenen Anliegen folgen: Tim sollte nach Amerika reisen, sich für die Rechte der Indianer einsetzen und gegen die organisierte Kriminalität in Chicago kämpfen. Sein Herausgeber Norbert Wallez wollte davon nichts wissen. Die neue Geschichte sollte den Lesern des Petit VIngtième die belgische Kolonie Kongo – vormals Zaire, damals Belgisch-Kongo, heute Demokratische Republik Kongo – näherbringen. Um sich zu informieren, sammelte der Zeichner damals Zeitungen, Magazine und Prospekte, die das Leben in der Kolonie priesen – aber natürlich wieder nur aus einem sehr europäischen Blickwinkel.

Inhalt: Tim reist im Auftrag seiner Zeitung in den Kongo. Doch schon auf der Schifffahrt kommt es zu einem Zwischenfall – jemand ist hinter ihm her und versucht alles mögliche, den Reporter bei einem „Unfall“ sterben zu lassen. Sein Auftraggeber ist eine Größe unter den Verbrechern… Nebenbei erleben Tim und Struppi noch eine Reihe anderer Abenteuer.

Kritik: Obwohl dieses Album schon einen Schritt weiter ist als „Im Lande der Sowjets“, hat Hergé die wichtigste Entwicklung zu dem Zeitpunkt noch nicht gemacht, und die für die späteren Alben charakteristisch sein wird: die Authentizität. Er ließ sich zwar von Bildern und Prospekten inspirieren, informierte sich aber nicht wirklich über das Leben in Afrika. Insofern unterliefen ihm ein paar Schnitzer, etwa, als Tim in Afrika einen Kautschukbaum findet oder wenn die Einwohner des Kongo dem Bild entsprechen, das Europäer damals von den „Wilden“ hatte: Große Kinder, die Schwierigkeiten mit der Sprache des belgischen „Mutterlandes“ haben. Immerhin schickte Hergé Tim nicht freiwillig in den Kongo, was man daran merkt, dass er einen ganz besonderen Hintermann in die Geschichte einbaut: Al Capone, der sich das Geschäft mit Diamanten aus Afrika unter den Nagel reißen will. Damit legte er eine Spur nach Amerika in der Hoffnung, sie bald weiterverfolgen zu dürfen.

Von der Struktur her ist die Geschichte nicht ganz so episodenhaft wie „Im Lande der Sowjets“, und mit den Augen eines heutigen Europäers darf man sie gleich gar nicht lesen. Vieles von dem, was Tim tut, verband man damals mit einer Reise nach Afrika, etwa die Großwildjagd. Aus heutiger Sicht mag es geradezu barbarisch erscheinen, wenn Tim innerhalb eines Albums ein Krokodil, zehn Antilopen, einen Affen, zwei Schlangen, einen Elefanten, einen Büffel und ein Nashorn erlegt, aber in den 1930er Jahren waren das die Art Abenteuer, die man bei einem Afrikaaufenthalt erwartet hätte. Das einsetzende Umdenken zeigte sich bereits in den kolorierten Ausgaben der 1970er Jahre. Weil die Stelle, an der Tim ein Nashorn in die Luft sprengt, den skandinavischen und deutschen Verlegern zu hart war, wurde sie ersetzt durch eine Szene, in der das Tier am Ende mit dem Leben davonkommt.

In der deutschen Fassung wurden außerdem einige nicht ganz so glückliche Anpassungen vorgenommen. Während sich Hergé im Original darum bemühte, Begriffe und Namen aus dem Suaheli zu verwenden, wurden diese aus der deutschen Übersetzung weitgehend entfernt. Der Dorfmagier beispielsweise heißt im Original Muganga („der, der heilt“), im Deutschen „Tse Tse Gobar“. Der Geheimbund, dessen Mitglieder sich als Leoparden verkleiden und ihre Opfer mit falschen Leopardenkrallen töten, heißt Aniota (und diesen Bund gab es wirklich) im Original, auf Deutsch „Idi Oti“. Offenbar wurde hier der Übersetzer von der Vorstellung geleitet, dass Comics für Kinder auf Biegen und Brechen irgendwie ständig lustig zu sein haben.

Dafür gibt es in diesem Band eine Seltenheit zu sehen: Tim und sein Beruf. Zwar wird stets betont, Tim sei Reporter, aber so richtig zur Geltung kommt das nur in „Im Lande der Sowjets“ und „Im Kongo“. In beiden Geschichten sieht man Tim bei der Arbeit, wie er eine Reportage erstellt. Danach kommt das Abenteuer irgendwie immer zu Tim und er wird selbst zum Gegenstand mannigfaltiger Berichterstattung. Tim muss aber ein sehr guter Reporter sein, denn gleich zu Anfang des Abenteuers kommen die Repräsentanten einer amerikanischen, einer britischen und einer portugiesischen Zeitung zu ihm und überbieten sich gegenseitig bei dem Versuch, seine Reportage über den Kongo exklusiv zu erhalten.

Als Fazit kann man sagen, dass „Tim im Kongo“ nicht Hergés bestes Abenteuer ist, vor allem, da etliche späterer Geschichten eine gewisse Zeitlosigkeit haben und man auch bei der überarbeiteten – und kolorierten – Fassung nicht alle kolonialherrschaftlichen Anklänge entfernen konnte. Aber es ist ein kurzweiliges Abenteuer, das einen netten Einstieg in die Welt des „pfiffigen Reporters“, wie er eine Zeitlang im Deutschen genannt wurde, bieten kann.

Über Thorsten Reimnitz 833 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

3 Kommentare

  1. Wie mir jetzt allmählich aufgeht, verfolgst du einen längerfristigen Plan… *grins*

    Hatte kurz überlegt, ob ich etwas zu den momentan interessanten Comics schreiben soll, also, Comics der letzten 5 Jahre die man kennen muss. Aber passt das hierher?

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