16 Jahre alt – und 6,2 Promille

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Na klasse… mir hat man auf der Rettungdienstschule beigebracht, dass Werte von über 3,0 Promille eigentlich tödlich seien. Lediglich Alkoholiker könnten höhere Werte aufweisen, weil diese durch ihren dauernden Konsum höhere Dosen gewohnt sind.

Doch in meinen Jahren als Rettungsassistent musste ich immer wieder erleben, wie sich diese Grenze nach oben verschob, Patienten mit 3,3 Promille, letztlich gar 3,6. Und wohlgemerkt, es handelte sich um Patienten, die ganz und gar nicht dem Klischee des Alkoholikers entsprachen. Im Gegenteil, sie waren relativ jung und wirkten nicht alkoholkrank.

Das Alter der Patienten sank generell, auch wenn die jüngeren in der Regel nicht solche Werte vorwiesen. Ich war entsetzt, als ich vor Jahren den ersten 15jährigen mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus bringen musste. Doch auch dieser „Rekord“ ist mittlerweile gebrochen, mein jüngster Patient mit dieser Diagnose war 12. Er wollte seine Freundin beeindrucken und versuchte, eine Flasche Tequila leer zu trinken. Man muss dem Himmel danken, dass er bereits nach etwas mehr als der Hälfte so betrunken war, dass er nicht weitertrinken konnte.

Nun vermelden der Südkurier und n-tv den Fall eines 16jährigen Jugendlichen aus dem Kreis Waldshut-Tiengen. Dieser war auf einer privaten Party, bei der es auch Hochprozentiges zu trinken gab. Als er so betrunken war, dass er bereits bewusstseinsgetrübt war, machten sich seine Kumpels einen Spaß daraus, ihm noch mehr Alkohol einzuflößen. Als er gar nicht mehr reagierte, rief man den Rettungsdienst. Der komatöse Jugendliche wurde ins Krankenhaus gebracht – und dort wurde ein Blutalkoholwert von 6,2 Promille festgestellt.  Zur Erinnerung: Im März 2007 starb ein 16jähriger aus Berlin an einer Alkoholvergiftung – und hatte „nur“ 4,8 Promille. Der Jugendliche aus Waldshut-Tiengen landete schließlich in der Uniklinik Freiburg, die er offenbar am 7. Mai wieder verlassen durfte.

Die Polizei ermittelt nun den genauen Hergang. Sollte es sich bewahrheiten, dass die Freunde des Jugendlichen diesem noch im bewusstseinseingetrübten Zustand weiterhin Alkohol eingeflößt haben, wird ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung eingeleitet.

Unabhängig von diesem Fall habe ich mir schon mehrfach die Frage gestellt, wieso Menschen – egal welchen Alters – sich so sehr betrinken, dass sie bewusstlos werden. Ist das ein besonderes Zeichen von Männlichkeit? Nicht wirklich, denn ich habe auch schon Frauen in dem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Also ein Zeichen von „cool sein“? Von „stark sein“? „Dabei sein“? „Toll sein“? Wenn das der Fall sein sollte, dann sollen sich alle, die sich gerne mal am Wochenende (oder wahlweise auch unter der Woche) die Birne so zuknallen, dass sie nicht mehr aufwachen, folgendes merken:

Wenn Ihr so zugedröhnt seid, dass Ihr beim Rettungsdienst auf der Trage liegt, dann ist von „cool sein“ nicht mehr viel übrig. Dann seid Ihr nur noch ein Häufchen Elend, das im eigenen Erbrochenen und im eigenen Urin liegt. Ihr kriegt das in dem Moment vielleicht nicht mehr mit, aber dafür jeder andere. Und Ihr merkt die Folgen am nächsten Tag. Falls Ihr überhaupt wieder aufwacht. Denn an so einem Rausch kann man auch ganz einfach sterben. Sicher, wir vom Rettungsdienst tun unser Mögliches, dass das nicht passiert, aber wir können auch nicht Wunder wirken. Der Jugendliche aus Waldshut-Tiengen hat Glück gehabt. Er kann einen zweiten Geburtstag feiern (hoffentlich ohne Alkohol). Aber so viel Glück hat nun mal nicht jeder. Versucht, das mal im Hinterkopf zu halten. Ansonsten kann es sein, dass wir uns bald persönlich begegnen. Und glaubt mir, das wollt Ihr nicht, nicht unter diesen Umständen.

Ja ja, der Alkohol, ja ja, der Alkohol
Ist ein Dämon, der uns’re Sinne trübt.
Doch er ist sehr beliebt
Weil es nichts schön’res gibt
Als wenn man b’soffen wie ein Häusltschick* nicht weiß
Wo man ist und wie man heißt.

(aus EAV: „Ja Ja, der Alkohol“ von der CD „Im Himmel ist die Hölle los“)
* „b’soffen wiar a Häusltschik“ = österreichischer Begriff für „sternhagelvoll“. Ein „Häusltschick“ ist wörtlich ins Hochdeutsch übertragen ein „Zigarettenstummel in einer Toilette“. Unsere Nachbarn haben ein Talent dafür, Tatsachen gnadenlos deutlich darzustellen.

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Über Thorsten Reimnitz 841 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

1 Kommentar

  1. Ich stimme die vollkommen zu. Es ist nichts dagegen einzuwenden, mal das eine oder andere alkoholische Getränk zu sich zu nehmen. Jedoch sollte man seine Grenzen kennen. Und wenn der Körper beim x-ten hochprozentigen Getränk noch nicht streikt, sollte man seinen Kopf einschalten und sich selbst eine Grenze setzten. Wozu übermäßiger Alkoholkonsum führen kann, habe jüngste Beispiele gezeigt und sind hoffentlich allen eine Warnung.

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