Unwort des Jahres: „Herdprämie“

Zum Unwort des Jahres 2007 ist der Begiff „Herdprämie“gewählt worden. Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einen Krippenplatz in Anspruch zu nehmen. Inzwischen gibt es ein ganzes Wortfeld, das die Diffamierungabsicht ebenfalls deutlich werden lässt. Dazu gehören unter anderem die Varianten „Aufzuchtprämie“, „Gluckengehalt“ und „Schnapsgeld“.

Auf Platz 2 setzte die Jury das Wort „klimaneutral“. Kritisiert wird der Versuch, mit diesem Begriff für eine Ausweitung des Flugverkehrs oder eine Steigerung anderer CO2-haltiger Techniken zu werben, ohne dass dabei deutlich wird, wie diese Klimabelastungen „neutralisiert“ werden sollen.

Platz 3 nimmt nach der Entscheidung der Jury die Formulierung von Kardinal Meisner (Köln) ein, wonach Kunst und Kultur „entartet“, wenn sie ihre religiöse Bindung verliert. „Entartete Kunst“ war ein NS-Schlüsselbegriff, mit dem missliebige Künstler und ihre Werke diffamiert und „beseitigt“ wurden.

Die Wahl eines „Unworts des Jahres“ erfolgte zum 17. Mal. Gegründet wurde diese sprachkritische Aktion 1991. Diesmal hatten sich 1.760 Einsenderinnen und Einsender aus dem In- und Ausland mit 969 verschiedenen Vorschlägen beteiligt. Dankenswerterweise konnten auch Ergebnisse separater Unwort-Sammlungen, u.a. seitens der „Main Post“ (Würzburg) und der „Ernst-Göbel-Schule“ in Höchst (Odenwald), einbezogen werden.

So vermeldet heute die Sprachaktion „Unwort des Jahres„. Und was soll ich sagen – ich war einer jener 1.760 Einsender eines Vorschlags. Nachdem ich mich in diesem Blog schon hier den Begriff „kreative Kündigungsgrund-Gestaltung“ zu meinem persönlichen Unwort erklärt hatte, kam ich auf den Gedanken, es angesichts immer mehr Seminaren, in denen Personalchefs diese „kreative Gestaltung“ von Kündigungsgründen lernen können, doch mal der offiziellen Jury vorzuschlagen. Ich erhielt sogar Antwort von Professor Dr. Schlosser, der sich nach der Quelle erkundigte und gerne mit seinen Mit-Juroren darüber beraten hätte. Leider ließ sich in aktuellen Prospekten das Wort in der Form nicht mehr ausmachen, sondern nur noch ausformuliert als „kreative Gestaltung von Kündigungsgründen“. Da das so nicht als Begriff zählt, konnte es trotz seiner Qualitäten als „Unwort-Formulierung“ leider nicht berücksichtigt werden.

Aber es war nett zu sehen, dass man mit einem ernsthaften Vorschlag und einer schlüssigen Begründung durchaus die Aufmerksamkeit der Jury erregen konnte. Ganz im Gegenteil übrigens zu der Aktion, das Wort „Kopftuchverbot“ dadurch zum „Unwort des Jahres“ erklären zu lassen, indem man eine Aufforderung verbreitete, möglichst viele Menschen sollen es der Jury vorschlagen. Denn das Unwort wird ja nicht nach der Menge der Einsendungen ausgewählt, sondern nach sprachlichen Besonderheiten bewertet. „Kopftuchverbot“ sei zwar, so schreibt Prof. Dr. Schlosser, ein Unding, aber kein Unwort. Bei der Aktion geht es schließlich um Begriffe, die sprachliche Herabwürdigungen beinhalten oder einen drastischen Vorgang in harmlose Worte kleiden, um ihn zu beschönigen. „Kopftuchverbot“ ist genau das, was der Begriff aussagt: das Verbot, Kopftücher zu tragen. „Kreative Kündigungsgrund-Gestaltung“ beispielsweise redet die Tatsache schön, dass es hier darum geht, unliebsame Arbeitnehmer loszuwerden, indem man einen Grund für deren Kündigung schafft. „Sozialverträgliches Frühableben“, das Unwort von 1998, versucht blumig zu vermitteln, dass es für die Sozialkassen besser ist, wenn ein Mensch früher stirbt, weil er zwar in die Kassen eingezahlt hat, aber kaum etwas oder gar nicht herauskriegt. „Humankapital“ von 2004 reduziert Menschen nur noch auf ihre Arbeitskraft, alles andere zählt nicht.

Darum geht es beim „Unwort des Jahres“. Also, wem schon mal so ein Unwort über den Weg gelaufen ist, der kann es auf der Webseite der Aktion vorschlagen. Am besten ist es, das weiß ich jetzt auch, wenn man gleich die Quelle festhält. Vor allem, wenn es so ein Vorschlag ist, wie meiner. Aber es zeigt deutlich, dass es egal ist, ob nun Hunderte ein Wort vorschlagen oder nur ein Einzelner – wenn es die Qualität zum Unwort hat, wird es auch berücksichtigt.

Schöne Worte umschreiben eben nicht immer eine schöne Sache.

Die Aktion: www.unwortdesjahres.org

Nachtrag: Im Bericht der Tagesschau über das Unwort (siehe hier) wird erwähnt, dass die Mehrzahl der Besucher der Webseite tagesschau.de für „Vorratsdatenspeicherung“ gestimmt hatte, aber auch hier wird ein wichtiges Kriterium zum „Unwort“ nicht erreicht: der Begriff verschleiert nichts. „Vorratsdatenspeicherung“ ist genau das, was das Wort aussagt: die Speicherung von Daten auf Vorrat. Oder um Professor Schlossers Worte auszuleihen: „Vorratsdatenspeicherung“ mag ein Unding sein, ein Unwort ist es jedoch nicht.

[Dieser Beitrag enthält Teile der offiziellen Medienmitteilung der Aktion „Unwort des Jahres 2007“, verfasst von Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser, Sprecher der Jury]

Über Thorsten Reimnitz 835 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*