Einfache Lösungen für sehr komplizierte Probleme

Werbung

„Es gibt keine einfachen Lösungen für sehr komplizierte Probleme. Man muss den Faden geduldig entwirren, damit er nicht reißt.“

Hartzlich willkommen im Jahr 2008 – und immer schön Kopf hoch! Eigentlich sollte es in diesem Beitrag relativ neutral um das Zitat gehen, das ich oben angestellt habe. Es kam dann aber anders. Was hat es damit auf sich? Nachdem das Jahr 2007 für mich persönlich und für das Phantastische Projekt nicht so gut gelaufen ist, hatte ich beschlossen, alle Arbeit ab November bis zum Jahresende erst einmal einzustellen. Das mag nun töricht klingen, aber ich wollte mit dem Jahreswechsel so eine Art neuen Startpunkt setzen (meine Gedanken dazu habe ich in dem Beitrag „Gedanken auf dem Friedhof – Anfang und Ende…“ zusammengefasst). Passend dazu kam das Motto, das ich schon früher im Jahr gefunden hatte, das war eben der Spruch über die einfachen Lösungen, den ich als Kalenderspruch für 2008 verwendete.

Und nun ist das Jahr 2008 gerade mal sieben Tage alt, und schon beginnt der Spruch sich auf das Grausamste zu bewahrheiten. Ich werde das in diesem Beitrag darlegen und am Ende sogar einen Lösungsvorschlag bringen, der so genial ist, dass ich dafür mit Preisen überhäuft werden sollte – aber dazu später, ganz am Ende.

Während ich noch Ideen für diesen Beitrag sammelte, brachte RTL am 2. Januar die erste Episode einer neuen so genannten „Doku-Soap“ mit dem Titel „Der Arbeitsbeschaffer“. Darin sollte die Arbeit eines Menschen gezeigt werden, der Leuten, die lange Zeit ohne feste Anstellung waren, eine ebensolche wieder beschafft. Gezeigt wurde allerdings ein lebendes Klischee, nicht in Form des „Arbeitsbeschaffers“, sondern mehr in Form der Familie, die er mit seinem Wirken beehrte. 2000 Euro hätte diese monatlich zur Verfügung – einfach so, ohne Arbeit. Dann wurde gezeigt, wie der Arbeitsbeschaffer ans Werk ging und mal kräftig aufräumte. Komischerweise übersah er es, dem arbeitssuchenden Familienvater eine kleine Lektion in Sachen „Vorstellungsgespräch“ zu geben, so dass dieser unpassend gekleidet dort aufkreuzte. Aber der Beschaffer legte sich ins Zeug, zuerst verschaffte er der Tochter eine Ausbildungsstelle am Wohnort, dann der Mutter eine Stelle bei einer Spielothek – und zuletzt dem Vater eine Stelle,… die nur 100 Kilometer Luftlinie vom Wohnort der Familie entfernt war. Und kein Problem, man könne ja umziehen, zahlt alles die Arbeitsagentur. Auf dem Widerspruch, dass es sich weder der Vater noch die Mutter von den Gehältern leisten könnten, jeden Tag über 200 Kilometer zu pendeln, wird nicht eingegangen. Stattdessen wird die Weigerung des Vaters, diese Arbeitsstelle anzutreten, dazu benutzt, um das Klischee vom arbeitsscheuen Arbeitslosen zu bedienen.

Es ist schlimm genug, wenn Menschen derart in der Öffentlichkeit vorgeführt werden. Doch ausgerechnet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verdingt sich in der Sache als Jubelperser für RTL: „‚Nu aber‘-Beratung im Plattenbau„, so der Titel einer Kritik zu der Sendung, respektive, es handelt sich um eine Lobpreisung der Sendung, die, so der Autor des Beitrags, endlich mal mit dem Tabu bricht, man dürfe über Arme nichts Schlechtes sagen. Wurde aber auch verdammt Zeit, ich wollte schon lange mal was Schlechtes über Arme sagen und durfte nie. – Geht’s noch? Der Beitrag lässt jede Distanz vermissen und nimmt alles, was dort auf dem Schirm zu sehen ist, für bare Münze. Dass das fürs Fernsehen aufbereitet sein könnte, darauf kommt der Autor nicht. Er schlägt in die gleiche Kerbe wie die Sendung selbst, die man sehr gut dazu gebrauchen kann, sich selbst zu erhöhen, indem man auf andere herabschaut. Sehr her, so bin ich ja nicht. Dazu kann man nur den Philosophen Thomas Hobbes zitieren, der schon früh erkannte: „Alle Herzensfreude und alle Heiterkeit beruhen darauf, dass man Menschen habe, im Vergleich zu denen man hoch von sich denken kann.“ Eine sehr schöne Betrachtung zu dem „Spiegel“-Artikel steht im BatzLog unter dem Titel „Hartz Hunter Reloaded„, denn hier schreibt jemand, der selbst einmal an der Erstellung ähnlicher Fernsehformate beteiligt war – und der kann so einiges über deren Wahrheitsgehalt wiedergeben.

Und schon sind wir mitten im Thema der „einfachen Lösungen“, denn wenn man die Diskussion verfolgt, die zu dem Artikel auf Spiegel Online läuft, bekommt man diese Reihenweise um die Ohren geschlagen: Jeder könne in Deutschland Arbeit kriegen, man müsse nur wollen. Soll man denen doch die „Stütze“ streichen, komplett. So einfach ist das. Ein Beitragsschreiber versteigt sich sogar, nach Irland zu verweisen, wo faktisch Vollbeschäftigung herrscht. Der Grund? In Irland bekommt niemand mehr als 750 Euro im Monat, wenn er arbeitslos ist. Das müsse man einfach nur in Deutschland einführen, dann gehe es auch bei uns wieder bergauf. Den Arbeitslosen geht es bei uns doch viel zu gut.

Es gibt wenige Dinge, die komplizierter sind als der Arbeitsmarkt. Ist es denn in Irland so einfach gewesen? Nein, natürlich nicht. In Irland spielten ganz andere Faktoren eine Rolle. Es wurden ausländische Unternehmen mit niedrigen Steuern angelockt, der EU-Binnenmarkt als Absatzchance genutzt, außerdem sieht die Demografie in Irland ganz anders aus, denn dort hatte bis Anfang der 1980er Jahre jede Irin im Schnitt 3 (!) Kinder. Damit konnten die Sozialsysteme viel besser finanziert werden. Der Rückgang der Geburten seither wird im Moment noch kompensiert und ist für den Arbeitsmarkt eher gut, zumindest im Moment. Gleichzeitig wurde ein Bündnis zwischen Gewerkschaften und Staat gebaut: der Staat senkte die Steuern, dafür verpflichteten sich die Gewerkschaften für Lohnzurückhaltung. Das Resultat: trotz nur moderater Steigerung der Löhne hatten die Arbeiter mehr in der Tasche (die durchschnittliche Steuerlast eines unverheirateten Arbeiters sank um etwa 20 Prozentpunkte). Und als der Aufschwung kam, stiegen die Nettolöhne innerhalb von 6 Jahren um 42 Prozent, obwohl der Tarifabschluss in der gleichen Zeit nur insgesamt 16 Prozent mehr hergab. [Wer sich genauer informieren will, hier gibt es einen interessanten Berich: „Irland – Das keltische Wirtschaftswunder„]

Diese Informationen hätte jeder finden können. Mal ganz davon abgesehen, dass man sich denken kann, dass eine so einfache Lösung wie „wir pressen Hartz IV auf maximal 750 Euro“ nicht der Komplexität des Arbeitsmarktes gerecht wird. Aber wie wir an den Spiegel-Artikel sehen, ist nicht nur der „gemeine Bundesbürger“ vom Virus der Einfachheit befallen, sondern auch so genannte „Qualitäts-Journalisten“, die es eigentlich besser wissen müssten – wissen könnten, denn immerhin habe sie doch mal gelernt, wie man richtig Recherche betreibt.
Bleiben wir doch gerade mal beim „Spiegel“. In einem schönen Rückblick auf das Jahr 2007 im Rahmen des „Scheibenwischer“, der Satire-Sendung der ARD, nimmt auch Hagen Rether das Nachrichtenmagazin aufs Korn. Seine Rede kann man bei „Boje online“ komplett anschauen: „Komplett Paranoid – Spalten statt versöhnen„. Ihm fällt auf, wie der „Spiegel“ immer dringlicher vor der Gefahr des „Islam“ warnt – des „Islam“ wohlgemerkt, nicht des „Islamismus“. Die ganze Religion wird aufgrund einiger Fundamentalisten in Sippenhaft genommen. Und er empfiehlt Günter Wallraff, der den Plan hatte, die „Satanischen Verse“ in einer Moschee vorzulesen, doch stattdessen lieber „Das Leben des Brian“ im Kölner Dom vorzuführen, wenn er unbedingt mit Fundamentalisten in Kontakt kommen möchte. Übrigens, ganz interessant in dem Zusammenhang ist ein Satz, der in dem „Spiegel“-Artikel über die Arbeitsbeschaffer-Doku-Soap steht: die Doku-Soaps, ganz besonders die „Super-Nanny“, so lesen wir mit erstaunten Blick, seien (Zitat) „auf Augenhöhe mit der gesellschaftlichen Desintegration – ganz anders etwa als das ach so kritische linke Kabarett eines Urban Priol oder Hagen Rether, das ressentimentgeladen vor sich hin klimpert.“ Der Hinweis hat in dem Artikel eigentlich nichts verloren, das eine sind Doku-Soaps, das andere Satire; Äpfel und Birnen – ob da wohl jemand eingeschnappt ist?

In seiner aktuellen Ausgabe haut ausgerechnet das Nachrichtenmagazin noch tiefer in die Kerbe des Populisms und verdingt sich als Steigbügelhalter des wahlkämpfenden Roland Koch: „Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt“, die durch eine „Migration der Gewalt“ zu uns kämen. Sehr schöne Kommentare dazu gibt es bei Chat Atkins (kurz, aber auf den Punkt!) und bei Feynsinn. Und wie man die Angst von den Ausländern so richtig schürt, hat ja die Bild-Zeitung vorgemacht, wie das BILDBlog berichtet.

Und das Resultat?

Einfache Lösungen für komplexe Probleme. Roland Koch hat es in seinem Wahlkampf als Paradebeispiel vorgemacht. Nicht nur, dass er ein Thema erhebt, von dem nicht ganz klar ist, ob es überhaupt ein Thema ist (die Statistiken sprechen nämlich keine eindeutige Sprache, was die Zu- oder Abnahme von Straftaten krimineller Ausländer betrifft – Update: das BILDBlog nimmt hierzu auch den „Report über kriminelle Ausländer“ auseinander: „Alle Kriminellen sind Ausländer, fast überall„, und auch der Blick, den die Tagesschau auf die Statistik wirft, bringt weniger Sensationelles denn Ernüchterndes zutage: tagesschau.de), er präsentiert auch noch die berühmte einfache Lösung: Das Jugendstrafrecht verschärfen (denn das Strafrecht für ausländische Jugendliche darf ja nun mal nicht explizit verschärft werden, wenn schon, dann trifft es alle). Problem gelöst. Hurra. Juhu. Wäre ja auch viel zu kompliziert, sich damit zu beschäftigen, warum Jugendliche zu Straftätern werden. Und noch komplizierter, auf dieser Basis eine Lösung zu erarbeiten. Und das Allerkomplizierteste wäre es, das den Wählern in maximal fünf Sätzen zu erklären. Also doch lieber Parolen, die mich sehr stark an die Schlussworte des satirischen Sketches „Der Tschusch“ von Lukas Resitarits erinnern: „Ausländer raus – aus [dem Inland*]! Ausländer raus – aus Europa! Ausländer raus… aus dem Ausland!“ Und da haben wir ein schwerwiegendes Problem: Solchen Parolen folgt meist sehr schnell der Ruf nach einem „starken Mann“ in der Politik.

In der „Süddeutschen Zeitung“ erschien zum Thema ein Kommentar zum Thema des verschärften Jugendstrafrechts, in dem darauf aufmerksam gemacht wird, dass das Jugendstrafrecht bereits vorbildlich sei, aber dass auch und gerade in Hessen die Mittel zur Durchführung dieses Strafrechts zusammengestrichen wurden. Mit anderen Worten: Koch macht die adäquate Anwendung geltenden Rechts schwierig bis fast nicht möglich – und fordert daher ein schärferes. Eine Logik, die nicht einleuchtet (mehr dazu hier).

So, nun haben wir schon ein großes Stück dieses Knäuels entwirrt. Tatsächlich, wie der Spruch sagt, den ich an den Anfang stellt, muss man den Faden geduldig entwirren. Sonst reißt er. Leider geben sich sehr viele Menschen damit zufrieden, die einfachen Lösungen zu hören. In der Diskussion zu dem Kommentar in der „Süddeutschen“ beispielsweise beruft sich ein Diskussionsteilnehmer mit einem Gegenargument ausgerechnet auf die Bild-Zeitung, deren Zahlen das BILDBlog (Link siehe weiter oben) schon widerlegt hat. Aber ist das denn immer so? Nein. Scheinbar handelt es sich um ein selektives Phänomen, denn ich habe auch Gegenbeispiele ausgemacht, die aber deswegen nicht unbedingt positiv sein müssen. Mehr oder weniger Zufällig stieß ich auf eine Blogdiskussion um das Nichtraucher-Schutzgesetz. Und wo sonst die Affinität zu einfachen Lösungen vorhanden war, war hier das exakte Gegenteil der Fall. Alles, was als Argument für einen Nichtraucher-Schutz gebraucht wurde, wurde zutiefst in Zweifel gezogen und teilweise negiert, zum Beispiel den Zusammenhang zwischen einem erhöhten Krebsrisiko und dem Rauchen. Teilweise erschienen mir die Argumente geradezu grotesk, als es zum Beispiel hieß, die Sozialkassen würden es ja gar nicht aushalten, wenn alle auf einmal mit dem Rauchen aufhörten, weil die ehemaligen Raucher dann eine höhere Lebenserwartung hätten und somit länger Rente beziehen würden (und in der längeren Zeit auch mehr den Krankenkassen auf der Tasche lägen). Anstatt zu vereinfachen wurde hier das Hinterfragen auf die Spitze getrieben und Argumente am Haar herbei gezogen, das niemals dünner war**. In Schopenhauer’sche Höhen glitt die Diskussion schließlich ab, als einem Nichtraucher mitgeteilt wurde, „Du verstehst es nicht und wirst es nie verstehen“ – nämlich, warum Rauchen ein Genuss sei.

Puh – so langsam nähern wir uns dem Kern des Knäuels, denn gerade ist ein wichtiger Name gefallen: Schopenhauer, genauer gesagt, Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), Philosoph und Verfasser etlicher Werke über die Menschen und ihren Umgang miteinander. Dazu gehört eine Schrift, die den Titel „Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten“ trägt. Gleich im ersten Satz stellt Schopenhauer klar, was „Eristische Dialektik“ ist, nämlich die Kunst, so zu diskutieren, dass man am Ende Recht behält, ganz egal, ob man wirklich Recht hat oder nicht. Einer meiner beiden Lieblingsautoren mit dem Namen „Adams“, nämlich Douglas Adams, umschreibt das in einem seiner Bücher sehr schön mit „einem (…) Esel alle vier Beine wegdiskutieren“. Schopenhauer zeigt in seiner Schrift 38 Kunstgriffe, mit denen man jede Diskussion gewinnen könne, und hier treffen alle Fäden, die ich versucht habe, mit diesem Beitrag zu entwirren, aufeinander. Denn daran kranken viele Diskussionen, die derzeit geführt werden: jeder will uneingeschränkt Recht behalten. Gerade Politiker – und im verstärkten Maße auch Journalisten – scheinen die Eristik mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Einen Politiker ernsthaft zuzuhören, ist sehr anstrengend, vor allem, wenn jener so tut, als würde er eine Frage beantworten. Auf Argumente der Gegenseite wird nicht oder nur verfälscht eingegangen, indem dem Gegner einfach Aussagen unterstellt werden, die man bequem widerlegen kann oder die Argumente vereinfacht – Kuckuck, da sind wir wieder. Und Recht geben kann man dem Gegner schon gleich gar nicht, denn das könnte einem ja als Schwäche unterstellt werden. Ein Meister der Eristik ist übrigens Wolfgang Schäuble. Frech behauptete der, die Vorratsdatenspeicherung habe zur Ermittlung zweier Gewalttäter geführt, die in der Münchner U-Bahn einen Mann zusammenschlagen hatten – dabei war das Gesetz zu dem Zeitpunkt noch gar nicht Kraft. Er ist also zum rechten Zeitpunkt auf den „Gewaltkriminalitätszug“ aufgesprungen, den sein Kollege Koch in Hessen eiligst aus dem Bahnhof gewunken hatte. Genauso frech drehte Schäuble eine Demonstration gegen seine Datensammelwut bei einer Parteiveranstaltung argumentativ um, indem er den Besuchern der Veranstaltung versprach, sie können trotz der Demonstration sicher nach Hause gehen, weil ja so viele Polizisten da seien und sie beschützten (siehe Artikel bei Heise Online).

Das Problem ist also ein grundlegendes, das besonders zu Wahlkampfzeiten noch verstärkt wird (siehe Beispiel Koch). Was kann man dagegen tun? Natürlich gibt es dafür auch keine einfache Lösung, auch wenn man sie in einem vermeintlich einfachen Satz zusammenfassen kann: die graue Masse benutzen, die sich im Innern der Schädelhöhle verbirgt und die man gemeinhin „Gehirn“ nennt. Und man kann sie sehr gut benutzen. Zum Beispiel, indem man versucht, durch die Strukturen zu blicken und sich nicht mit einfachen Lösungen, die irgendjemand vorschlägt, zufrieden gibt. Oder zum Beispiel, indem man bessere Diskussionen führt. Harte Diskussionen und Streitgespräche sind gut und notwendig, aber sie müssen sachlich bleiben und dürfen nicht persönlich werden. Vor allen Dingen: Vereinfachungen vermeiden. Das ist sehr schwer, das weiß ich aus eigener Erfahrung, aber nur so kann das letztliche Ergebnis einigermaßen vernünftig werden. Beispielsweise war in den letzten Tagen mal wieder die Diskussion „Journalisten contra Blogger“ losgebrochen (von mir hier kurz angeschnitten). Hier könnte man beispielsweise beginnen, indem man eines ein für allemal festlegt: Es gibt nicht „die Journalisten“ und es gibt nicht „die Blogger“. Damit wäre eine Vereinfachung schon mal ausgeräumt. Vielleicht kann man von da aus ja weitermachen.

Das Leben ist nun mal kompliziert. Woher aber kommt dann dieser Hang, ja, diese Sehnsucht nach einfachen Lösungen? Die ist leider eine Nebenwirkung unserer Intelligenz. Wenn wir vor einem Problem stehen, fängt es in unserem Gehirn an zu arbeiten. Es wird eine ganze Menge von Lösungsmöglichkeiten erarbeitet, gegeneinander abgewogen, schließlich wird aus bestimmten Gründen eine Lösung ausgewählt, die mit äußeren Eindrücken übereinzustimmen scheint. Diese eine Lösung wird dann im Gedächtnis verankert. Dieses Verankern löst eine Ausschüttung von Dopaminen aus, die ein inneres Glücksgefühl erzeugen. Heurka!, ruft unsere innere Stimme, Ich habe es erkannt!

Dummerweise ist der Mensch in der Lage, dieses eigentlich recht funktionale System auszuhebeln. Anstatt sich lange mit dem Abwägungsprozess aufzuhalten, nehmen Menschen gerne die Abkürzung, denn um die Dopamin-Ausschüttung auszulösen, reicht es bereits, zu glauben, man habe die richtige Lösung gefunden. Warum also sich lange mit Nachdenken aufhalten?

Jugendstrafrecht verschärfen, um Jugendkriminalität einzudämmen. Ist ja klar, Strafe schreckt ab. [Zisch! Die Dopamin-Ausschüttung beginnt!] Aaaahhhh… nicht mehr nachdenken, ich habe es ja bereits erkannt.

Ja, selbst die Tatsache, in einer Diskussion zu gewinnen (oder das Gefühl zu haben, man hätte gewonnen), egal, ob man nun in der Sache Recht hat oder nicht, führt zu der Dopamin-Ausschüttung. Das erklärt die Härte, mit der manche Diskussionen geführt werden, denn keiner will um das Gefühl des Glücksrauschs des Sieges beraubt werden.

Erschreckenderweise ist dem Gehirn, wenn es um seine Dopamin-Droge geht, kein Argument zu dumm. Und gerade wenn man einen Schuldigen hat, läuft der Mechanismus besonders gut. Daher funktionieren solche plumpen Vereinfachungen wie „Arbeitslose wollen nicht arbeiten“, „Ausländer sind kriminell“ oder „Wer nichts zu verbergen hat, braucht vor der Vorratsdatenspeicherung keine Angst haben“ so wunderbar gut, genauso wie „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, damit verbunden ist natürlich das Gefühl, man selbst stehe auf der „richtigen“ Seite. Mit komplizierteren Gegenargumenten gibt man sich da nicht so gern ab. Ausgerechnet das System, das uns die Evolution geschenkt hat, damit wir besser lernen können, hält uns vom Lernen ab. Das müssen wir im Kopf behalten. Denn es gibt keine einfachen Lösungen…

Ach ja, man erwartet von mir ja noch eine Lösung, wie ich sie oben angekündigt habe. Nun, ich habe hier die Patentlösung schlechthin, wie man die Arbeitslosigkeit in Deutschland abschaffen kann. Die Lösung lautet:

Die Firmen in Deutschland müssen einfach mehr Leute einstellen!

Applaus! [Zisch! Die Dopamin-Ausschüttung beginnt!] Aaaahh… ich bin ja so genial. Und es ist so… herrlich einfach.

* = Anmerkung: Der Originaltext von Lukas Resitarits lautet „Ausländer raus – aus Österreich!“, was natürlich damit zusammenhängt, dass Resitarits Österreicher ist und in dem Sketch Ausländerfeindlichkeit in Wien verarbeitet. Ich habe mir erlaubt, den Text ein wenig zu ändern, damit er zur Situation passt.

** = Zitat aus dem Lied „Die Geschichte“ von der EAV.

Werbung
Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

1 Trackback / Pingback

  1. Boje online

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*