Wer im Glashaus sitzt, sollte… ach, zu spät! Ruft einen Glaser!

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Joanne K. Rowling. Christoph Schultheis. Stefan Niggemeier. Bastian Sick.

Was haben diese Leute gemeinsam?

Sie alle haben eine Sache angefangen, die ihnen am Herzen lag und damit einen auch ihnen überraschenden Erfolg eingefahren. Rowling rief „Harry Potter“ ins Leben, Schultheis und Niggemeier das „Bildblog“ und Bastian Sick die Kolumne „Zwiebelfisch“ im Spiegel. Keine der genannten Personen begann seine Arbeit mit der Prämisse, daraus etwas wirtschaftlich ungeheuer erfolgreiches zu machen. Aber so kam es bei allen. Warum das so war, kann man nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wenn überhaupt, dann höchstens mit „die Zeit war wohl reif dafür“. Denn, so lehrt uns ein Sprichwort: „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Doch wie es nun mal so ist, kommt Erfolg, kommt Kritik. Nun muss man unterscheiden zwischen Kritik und Kritik. Konstruktiv und nicht konstruktiv. Gerade das Bildblog und damit Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis, aber auch Bastian Sick sind in letzter Zeit sehr stark in die Kritik geraten. Das Bildblog habe keinen Sinn außer Unterhaltung, also bringe es nichts. Und Bastian Sick nervt. Medienmensch Christian Jakubetz spricht sogar beiden Projekten irgendeine Art von Einfluss ab (siehe hier). Sick, der in seinen Büchern und bei seinen Lesungen schlechtes Deutsch aufs Korn nimmt, könne nicht für auch nur einen (Zitat) „grammatikalischen Dumpfbeutel“ weniger verantwortlich sein, genauso wenig wie Niggemeier und Schultheis für weniger Bildleser. Es ist Entertainment, und gelesen werden beide Projekte auch nur von Leuten, die weder ernsthafte Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben noch die „Bild“ lesen und sich so nur über andere lustig machen. F!XMBR spricht gerade dem Bildblog sogar das Existenzrecht ab. Das braucht man nicht. Zumindest nicht die, die es lesen. „Entertainment-Trash“ [Deutsch: Unterhaltungs-Müll – warum geht das nicht?]. Punkt (siehe hier). Und dass Stefan Niggemeier in seinem Blog (siehe hier) auf Jakubetz‘ Beitrag reagiert, wird bei F!XMBR mit dem überstrapazierten Sprichwort „getroffene Hunde bellen“ abgetan. Letzteres war der Grund, weswegen ich für diesen Artikel in seiner Überschrift ein anderes überstrapaziertes Sprichwort verwendet habe: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“

Damit möchte ich mit meinen Beobachtungen kurz zu Joanne K. Rowling zurückkehren. Für die paar Leute, die es nicht wissen sollten: alleinerziehende Mutter schreibt im Lieblingscafé die Geschichte um den Zauberlehrling Harry Potter auf, findet auf Umwegen einen Verleger und landet einen weltweiten Erfolg, so dass sie zu einer der reichsten Frauen Englands aufsteigt. Und je größer der Erfolg wurde, desto mehr und scheinbar lauter wurden auch die Stimmen der Kritiker. Seien es so abstruse Kritiken wie von Seiten der Kirche, die der Autorin vorwarfen, sie würde die Kinder in den Okkultismus treiben oder jenen radikalen Christen, die gar zur Überzeugung gelangt waren, der große Erfolg sei darauf zurück zu führen, dass Rowling wirklich mit Magie arbeite und ihre Bücher verzaubert habe; oder seien es Kritiken, die feststellten, dass „Harry Potter“ ja „nur“ eine Geschichte um einen Zauberlehrling sei, nichts neues also, gab es vorher schon, und auch bei den anderen Zutaten habe sich die Autorin einfach aus dem europäischen Mythenschatz bedient. Und immer wieder die ultimative Keule: das sei ja alles so kommerziell geworden. Filme, Devotionalien, der reine Kommerz.

Und genau das ist es, was in den oben genannten Beiträgen auch über allem schwebt: Das ist ja alles so kommerziell. Und es wird als Ursache für vieles hergezogen: Seit es so kommerziell geworden ist, sind die „Harry Potter“-Bücher nicht mehr wie früher, seit es so kommerziell geworden ist, ist das Bildblog oder der Zwiebelfisch nur noch ein Selbstzweck. Stellt sich die Frage: Wo ist die Grenze? Deswegen habe ich absichtlich ein Extrembeispiel mit angefügt, denn Joanne K. Rowling ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie im Buch steht (und das im wahrsten Sinn des Wortes). Die Frau hat wirklich ausgesorgt. Aber liegt darin nicht auch eine Chance? Immerhin, sie braucht nie wieder etwas zu schreiben. Aber wenn sie möchte, kann sie es tun. Und das Thema kann sie sich selbst aussuchen. Wenn sie es geschickt anstellt, kann sie noch allerhand schreiben, wann sie will, wie sie will – denn sie ist Joanne K. Rowling. Und anders herum gefragt: Was hätte sie anders machen sollen? Hätte sie „Harry Potter“ lieber in der örtlichen Schülerzeitung abdrucken lassen sollen? Oder die Verfilmung ablehnen? Wann und wo ist die Grenze zum „Kommerz“? Wo verläuft diese dünne Linie, die man offenbar nicht überschreiten darf, weil auf der anderen Seite „das Böse“ lauert?

Von dem Erfolg der englischen Schriftstellerin ist das Bildblog noch weit entfernt. Trotzdem gerät es schon jetzt in die Kritik. Viele Leser. Aha. Devotionalien. Hm. Anrüchig. Werbespot produziert mit Anke Engelke und Christoph M. Herbst. Soso. Riecht schon ein wenig mehr nach Kommerz. Lesung mit Charlotte Roche. AH! Kommerz in reinster Form! Und dann noch „Mainstream“. Da hilft es auch nicht, dass Schultheis und Niggemeier diese Dinge (Fan-Artikel, Lesung) erst in Angriff genommen haben, nachdem sie von Lesern danach gefragt wurden. Manche – gerade Kommentatoren der genannten Artikel – schreiben davon, dass sie Bildblog schon gelesen haben, als es noch nicht so bekannt war. Jetzt sei alles anders. Ah, das ist es. Bloß nicht zu bekannt sein. Deswegen hätte man die Idee mit den Fan-Artikeln und der Lesung einfach ablehnen sollen.

Ausgerechnet aus der Ecke heißt es dann noch, die Fans des Bildblog würden sich als „Elite“ betrachten und auf andere herabschauen. Aber was wäre denn ein Blog, das nur ein paar Leser hat, die sich aber klammheimlich darüber freuen, dass nur sie das Wissen um diese tolle Webseite haben? Nicht auch eine Elite? Interessant auch, wie über die Bildblog-Leser hergefallen wird, was zu einer beinahe philosophischen Frage führt: Wenn die Bildblog-Leser Menschen sind, die sich versammeln, um mit dem Finger auf andere Menschen zu zeigen, und wiederum nochmal andere Menschen sich versammeln, um mit dem Finger auf die Bildblog-Leser zu zeigen – ist das nicht ein Widerspruch?

In den Kommentaren zu einem weiteren Bericht, diesmal vom medienblogger, bringt gerade das jemand sehr schön auf den Punkt: Stefan Niggemeier habe seinen „Underdog-Status“ verloren. Am Anfang war es wohl sowas wie David gegen Goliath, das wirkte sympathisch. Doch jetzt haben sich die Verhältnisse verschoben.

Und wo wir gerade von den Kommentatoren sprechen, auch die mussten einiges einstecken. Dabei ging es nicht so sehr um das Bildblog selbst, das hat keine Kommentarfunktion mehr, sondern Niggemeiers persönliches Blog, in dem gern und viel kommentiert wird. Jakubetz selbst tritt in seinem Artikel die Ansicht des „Elite-Gefühls“ der Bildblog-Leser los, indem er Kommentatoren, die Niggemeier ihre Sympathie bekunden, „Servilität“ unterstellt, die ihn „erschüttert“. Als ein Kommentator ihn daraufhin fragt, ob diejenigen, die nun seine Kritik am Bildblog beklatschen, nicht auch „servil“ seien, antwortet er, dass er diese „Entweder-oder-Denke“ nervig finde. Auf eine andere Frage, woher er denn wisse, welche Motivation die Leser oder Kommentatoren bei Niggemeier hätten oder ob es nicht einfach nur Unterstellungen seien, antwortet er nicht, sondern weist darauf hin, dass der Fragesteller seine eMail-Adresse nicht angegeben habe. Aber wenn die Frage schon öffentlich gestellt wurde, kann er sie nicht auch öffentlich beantworten?

An anderer Stelle – bei F!XMBR – sagt ein Kommentator, dass das Bildblog ihm eine Argumentationshilfe sei, wenn es um Geschichten aus der „Bild“ ginge, worauf er die Antwort erhält, dass selbst ein „aufgeweckter Grundschüler“ Bild demaskieren könne. Tatsächlich? Nun gut, es mag Schlagzeilen – etwa über den bevorstehenden Weltuntergang, weil mal wieder alle Planeten des Sonnensystems in einer Reihe stehen – geben, die man selbst entlarven kann. Aber was ist mit denen, wo das nicht so einfach ist? Wo irgendwelche Leute fälschlicherweise mit Sachen in Verbindung gebracht werden, die sie nicht getan haben? Da braucht es Journalisten, die wissen, wie man sowas herausfindet und wo man sich über die Geschichten genau informieren kann. Und gerade die Tatsache, dass andere Zeitungen (oder generell Medien) von der „Bild“ abschreiben und selbst nicht nachprüfen, was sie da übernehmen, zeigt doch, dass es jemanden braucht, der das tut.

Wie ich Eingangs schon sagte, es gibt Kritik und Kritik. In letzter Zeit stimmt mich die Kritik aber nachdenklich. Auf der einen Seite wird laut „Kommerz!“ geschrien, weil Charlotte Roche eine Bildblog-Lesung macht, auf der anderen Seite heißt es dann plötzlich, die Idee zu so einer Veranstaltung sei nicht nur schlecht, sondern man hätte das doch wenigstens professioneller aufziehen können. Also, wenn schon Kommerz, dann richtig? Oder wie darf ich das verstehen? Und an einem Punkt geht mir die Kritik eindeutig zu weit, nämlich wenn unterstellt wird, das „Ziel“ der Aktion sei nicht die „Bild“, sondern die „Bild“-Leser, auf die man mit dem Finger zeigt und von oben auf sie herabschaut.

Ein wenig fühle ich mich in die Schulzeit zurückversetzt. Da sind gute Freunde in einer Clique, bis einer von denen plötzlich in einem Fach exzellente Noten schreibt. Was machen die anderen? Brüllen laut „Streber!“ und schneiden ihn fortan. Ein Mensch mit Namen Robert, der bei medienblogger kommentiert, bringt es sehr schön auf den Punkt: „Was genau erwartet Ihr denn alle vom BILDBlog? Sollen die sich vor die „Bild“-Redaktion ketten und laut schreien: ‚Hört mit dem Dreck auf!‘?“

Gute Frage. Bildblog ist Edutainment-Dreck, das geht gar nicht, sagen die Kritiker. Also was? Bastian Sick ist arrogant, nervt und bringt den Deutschen kein besseres Deutsch bei, sagen die Kritiker. Also was? Das ist es, was auch ich bei der ganzen Diskussion vermisse, die Antwort auf: „Also was?“ Was sollte stattdessen getan werden? Kein Bildblog mehr, kein Zwiebelfisch mehr? Und dann?

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Über Thorsten Reimnitz 845 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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