Doktor… wer? Pro Sieben und die Probleme mit einem Zeitwanderer

„I am the Doctor.“
„Doctor… who?“
(Der Text, der einer Kultserie ihren ebenso kultigen Namen gab)

England in den frühen 1960er Jahren. Einem Lehrer und einer Lehrerin einer englischen Schule fällt Susan auf, ein Teenager. Das Mädchen scheint hochintelligent zu sein, hat aber manchmal bei einfachsten Dingen Schwierigkeiten. Als sie nicht weiß, wieviel Pence ein Shilling hat [Anmerkung für Klugscheißer: 1 englischer Shilling hatte 12 Pence], entfährt ihr der Satz: „Stimmt! Das Dezimalsystem wurde noch nicht eingeführt!“ [Anmerkung für Klugscheißer: Das geschah erst 1971.] Die beiden Lehrer folgen Susan zu der Adresse, unter der sie der Schule gemeldet ist und finden nur einen Schrottplatz vor. Die Merkwürdigkeiten hören nicht auf: Mitten auf dem Schrottplatz stehe eine so genannte „Police Box„, eine Notruftelefonzelle, wie sie in England zu der Zeit in Gebrauch war. Ein alter, weißhaariger Mann will sie am Betreten der Police Box hindern. Als sie es schaffen, an ihm vorbeizukommen, finden sie sich in einem riesigen Raum wieder, in dessen Mitte ein merkwürdiges Gebilde steht, so etwas wie eine Steuerkonsole. An dieser wiederum steht – Susan…

An Unearthly Child“ ist der Titel des Pilotfilms der längsten TV-Science-Fiction-Serie der Welt: „Doctor Who“, ausgestrahlt vom 23. November bis zum 14. Dezember 1963 in vier Teilen. Das allzeit knappe Budget der Serie forderte besonders die Autoren, die sich manches mal mit originellen Ideen zu helfen wussten. Bei der Titelfigur der Serie handelte es sich um einen Zeitreisenden, der sich selbst nur „der Doktor“ nennt (was zwangsläufig zu der Frage „Doktor… wer?“ führt; so erklärt sich der Titel der Serie). Er ist unterwegs in einer so genannten TARDIS („Time And Relativ Dimension In Space“), die über einen Tarnmechanismus verfügt und von Außen daher wie eine Police Box aussieht und ist von Innen größer (das Budget erlaubte es nicht, eine aufwändige Zeitmaschine zu bauen). Das ursprüngliche Konzept sah vor, dass „Doctor Who“ für Kinder konzipiert ist und spannende Geschichten sowie Wissen vermitteln wollte. Deswegen waren der Doktor und seine Begleiter in den ersten Abenteuern auch sehr viel in der Geschichte des Planeten Erde unterwegs, unter anderem bei Richard Löwenherz, als dieser vor Jerusalem stand, oder bei Marco Polos Reise nach China. Immer mehr kamen jedoch „reine“ Abenteuergeschichten auf und mit ihnen die Bösewichte, die die Serie prägen sollten. Die bekanntesten sind sicherlich die „Daleks„, eine Kriegerrasse vom Planeten Skaro, die überdimensionalen Salzstreuern ähneln, an zweiter Stelle folgen die „Cybermen“, eine Art „Doctor-Who“-Variante der „Borg“ von STAR TREK (respektive, man sollte sagen, dass die „Borg“ eine Art STAR-TREK-Variante der „Cybermen“ sind, denn letztere gab es zuerst).

Als William Hartnell aus gesundheitlichen Gründen den Doktor nicht mehr spielen konnte, ließen sich die Autoren wieder etwas einfallen: die Regeneration. Der Doktor, der sich inzwischen als „Timelord“ vom Planeten Gallifrey entpuppt hatte, ließ einen Satz fallen, dass sein Körper so gebrechlich sei und er einen neuen benötige, dann kippte er um und verwandelte sich – in Doktor Nummer 2 (Patrick Troughton). Zwölf Mal könne er sowas machen, verlautbarte er dann, bis zum heutigen Tag hatte er insgesamt 10 neue Gestalten: Nach Patrick Troughton Jon Pertwee, Tom Baker, Peter Davison, Colin Baker und Sylvester McCoy in der bis 1989 ununterbrochen laufenden ursprünglichen Serie. Dann gab es einen Bruch, erst 1996 kam Paul McGann als Doktor Nummer acht zum Einsatz. Und bis 2005 dauerte es, bis die Serie wieder aufgenommen wurde. Doktor Nummer neun – Christopher Ecclestone – blieb allerdings nur ein Jahr, um von Nummer zehn, einem Schauspieler, der sinnigerweise den Namen David TENnant trägt, abgelöst zu werden.

Die Serie lief sehr gut in englischsprachigen Raum, vor allem seit mit Tom Baker der Doktor auch in die USA gekommen war. Dennoch kam 1989 vorerst das „Aus“. Der 1996 einzeln produzierte Fernsehfilm war ein Versuch, die Serie wieder anzukurbeln. Die BBC hatte dabei die Rechte an eine amerikanische Fernsehanstalt vergeben, doch der Film lief nicht so, wie man sich das vorgestellt hatte, obwohl der Doktor damit tricktechnisch in der Neuzeit angekommen war. Nachdem die Rechte an die BBC zurückgegangen waren, startete 2005 die Serie neu – und mit Erfolg. Und seither läuft sie wieder.

Die Geschichte des deutschen Doktors ist leider nicht so toll. RTL kaufte in den späten 1980er Jahren die damals aktuellen Folgen mit Doktor Nr. 7 (Sylvester McCoy) und macht dem deutschen Publikum den Einstieg damit schwer: in der ersten Folge findet die Regeneration des Doktors statt, ohne dass sie erklärt wird, wodurch für einen Nicht-Kenner die ganze Episode etwas verworren wirkt, da sie zum Teil darauf aufbaut, dass Mel, die damalige Begleiterin der Hauptfigur, den regenerierten Doktor nicht wieder erkennt und ihn für einen Betrüger hält. Als die Serie an VOX abgegeben wird, kaufen diese auch noch die Colin-Baker-Folgen sowie die Sondersendung „The Five Doctors“, die als eine Art Pilotfilm ausgestrahlt wurde. Dabei handelte es sich um eine Jubiläumsfolge von 1983 (zum 20jährigen), in der alle fünf bisherigen Inkarnationen des Doktors von einer finsteren Macht gefangen genommen werden. Zum ersten Mal spielten alle noch lebenden Darsteller in einer Episode gemeinsam mit (William Hartnell war bereits gestorben, Doktor Nummer 1 wurde von Richard Hurndall dargestellt). Leider war das keine sonderlich gute Idee, denn auch diese Folge spielte sehr stark mit der Fähigkeit der Regeneration, ohne diese genau zu erklären. Außerdem hatte man sich verwirrenderweise entschlossen, dem Doktor in egal welcher Inkarnation immer die gleiche Synchronstimme zu verpassen (das wurde auch bei Doktor Nr. 6 und 7 beibehalten). Wenn man die Geduld bewies, den Film ohne Kenntnis der Vorgeschichte ganz anzuschauen, hatte man am Schluss aber doch ungefähr verstanden, worum es ging – was nur leider für die weitere Serie nicht viel brachte. Die Regeneration von Nr. 5 auf Nr. 6 war nämlich schon in der letzten Folge mit „Nr. 5“ (Peter Davison) geschehen, in der ersten Folge mit Nr. 6 (Colin Baker) erlebte der deutsche Zuschauer ohne jede Erklärung einen von seiner Regeneration noch völlig verwirrten Doktor und hatte wiederum Schwierigkeiten, der Handlung zu folgen. Nachdem die BBC die Serie eingestellt hatte, wurden auch in Deutschland keine weiteren Folgen mehr gezeigt. Der Film von 1996 wurde aber für den Videomarkt synchronisiert.

Trotz dieser Dinge, die es nicht ganz einfach machten, dem Doktor in Deutsch zu folgen, gab es Fans und Fanclubs in Deutschland (zum Beispiel diesen hier). Entsprechend war die Freude über die Wiederaufnahme der Serie natürlich von einem unguten Gefühl begleitet: Wird der neue Doktor endlich den „richtigen“ Weg ins deutsche Fernsehen finden?

Und die Antwort?

Sagen wir es so: Wer nach der ungeschickten Handlungsweise von RTL und VOX sowas gesagt hat wie „Schlimmer kann es nicht mehr kommen.“, der sei eines Besseren belehrt: es geht schlimmer. Die Rechte an der neuen Serie hat sich PRO SIEBEN gesichert. So weit, so schlecht. Wie das SF-Radio jedoch vermeldet, wird der zunächst angekündigte Termin „Herbst 2007“ nicht eingehalten, obwohl die Folgen längst synchronisiert wurden. „Doctor Who“ steht in den „nächsten drei Monaten“ nicht auf dem Sendeplan, womit es also 2008 wird. Vielleicht. Auch was sonst so von dem Sender vermeldet wird, gibt keinen Grund zum Optimismus. Der Kultstatus, den die Serie bereits genieße, hieß es unlängst von einem Verantwortlichen, mache es nicht einfach. Schließlich müsse die Serie ja auch Quote bringen. Die Folgen werden eher spätabends ausgestrahlt. Und um dem ganzen noch eins draufzusetzen, hat Pro Sieben zwar alle „normalen“ Folgen eingekauft, nicht aber die „Weihnachts-Spezial-Episoden“. Und ausgerechnet die Spezial-Episode zwischen den Staffeln von 2005 und 2006 ist wichtig, denn hier wird der Wechsel zwischen Doktor Nr. 9 und Nr. 10 vollzogen. Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht. Vor allem, da der Sender nicht dafür bekannt ist, mit Serien, die keine „richtige“ Quote bringen, sehr sanft umzugehen sondern solche eher vorzeitig abbricht.

Meine persönliche Ansicht: Egal welches „TV-Event“ Pro Sieben so ankündigt, es wird normalerweise bis zum Erbrechen „crosspromotet“. Kommt ein Science-Fiction-Film über einen Kometeneinschlag auf der Erde, gibt es ein Galileo-Spezial zum Thema Kometeneinschläge. Ein Actionfilm über Wirbelstürme zieht ein solches Spezial über Wirbelstürme nach sich. Wenn ein Film kommt, in dem ein Sack Reis umfällt, gibt es das Galileo-Spezial zum Thema „umfallende Reissäcke“ – wo gibt es Reis, was ist Reis, warum wird Reis in Säcken gelagert und warum fallen diese um – zusammen mit Aiman Abdallah, der in einem Experiment einen Reissack 48 Stunden ununterbrochen beobachtet, um nur den Moment nicht zu verpassen, in dem er umfällt (ein Teil dieses Films wird einem noch als Appetithappen in der täglichen Galileo-Folge gezeigt, zusammen mit dem Hinweis auf den Spielfilm mit dem umfallenden Reissack sowie das Galileo-Spezial). Und zu „Doctor Who“ gibt es tonnenweise Material von der BBC. Warum kein Galileo-Spezial zum Thema „Zeitreisen“? Und zu einer Dokumentation, in der dieser Doktor ausführlich vorgestellt wird. Eine „Doctor-Who“-Woche, von mir aus bei Galileo? David Tennant als Gast bei Stefan Raab? Oder ist das zu viel verlangt?

„Steuern zahlen… ist das sowas wie Opfer bringen, um die Götter zu besänftigen?“
„Das ist eine sehr lyrische Umschreibung. Steuern zahlen ist sehr viel schmerzhafter.“
(Die Eingeborene Leela und der Doktor über die Strapazen der Zivilisation)

Über Thorsten Reimnitz 831 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

2 Kommentare

  1. da ich dank bfbs und skychannel im antennenbereich berlin ende der70er erreichbar dr,who süchtig wurde und nach einer empfehlung eines freundes auf Youtube alle alten folgen von damals revue passieren lassen konnte stieß ich dabei au doktor9u,10 und habe fast alle staffeln durchgearbeitet wartete aber bis letztes jahr auf eine deutsche ausstrahlung bei versprochenenpro7 und wurde immerwieder von der redaktion vertrößtet warum ist es nicht möglich in der pro7/sat1ag die serie an sat 1 weiterzugeben,der bekanntlich mit scifi keine großen probleme hat auch vox und das vierte interessieren sich an dr. who staffeln classic bi heute

  2. VOX gehört zu „der anderen Gruppe“ (RTL), dort wird der Doktor also so schnell nicht auftauchen, es sei denn, man ist dort clever und springt auf den Zug mit auf, indem man quasi die „Doctor-Who-Classics“ (aber diesmal richtig von Doktor Nr. 1 bis 8) ausstrahlt.

    PRO SIEBEN ist meines Erachtens nach noch auf „Identitätssuche“. Mit BABYLON 5 haben sie bewiesen, dass sie Science Fiction auch „können“, während SAT 1 da ja eher abgebaut hat. Ich denke, es fehlt einfach der Mut, etwas zu wagen, nachdem man mit anderen Serien nicht so gute Erfahrungen gemacht hat. Wobei ich sagen würde, dass diese „nicht so guten Erfahrungen“ mitunter auch daran lagen, dass man den Serien 1. kaum Zeit gegeben hat, ihr Publikum zu finden und 2. durch das ständige Verlegen des Sendesplatzes, das immer kommt, wenn eine Serie nicht läuft wie gedacht, man auch einen Teil derjenigen vergrault hat, die sich das gern angesehen hätten.

    Zuletzt muss ich sagen, finde ich auch die Art, wie heutzutage Einschaltquoten gemessen werden, nicht mehr ganz zeitgemäß. Wie ich das verstehe, funktioniert das immer noch über ausgewählte Haushalte, die ein Gerät haben, das registriert, welches Programm gerade angeschaut wird. Von diesen Haushalten wird dann hochgerechnet. Also, ich habe kein solches Gerät, demzufolge wird meine Sehgewohnheit also nicht registriert. Und den meistens Science-Fiction-Fans wird es ähnlich gehen. Oder gibt es da draußen jemand, der ein solches Gerät hat?

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