EUROPA: Über seine Wurzeln und wiederholte Geschichte

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Die Mythologie erzählt uns, dass Europe die Tochter des Königs Agenor war, die von Göttervater Zeus in Form eines Stieres nach Kreta entführt wurde. Da Zeus als Stier mit Europe schlief, gebar sie den Minotaurus, ein Wesen, das halb ein Mensch und halb ein Stier war. Doch zuletzt wurde der Erdteil „Europa“ nach ihr benannt.

Viele tausend Jahre später… Europa ist auf der Suche nach einer Identität. Manche Literaten lehnen das Bild der „Europa auf dem Stier“ und seine unterschwellige sexuelle Botschaft inzwischen ab. Ein neuer Gründungsmythos müsse her und einige verweisen auf Aeneas, der von Troja und den Griechen entkam und nach einigen Irrfahrten in Italien landete, wo seine Nachfahren später Rom gründeten. Das sei doch eine schöne Botschaft in einem Mythos verknüpft: Was man uns zerstört (Troja), das bauen wir wieder auf (Rom). Und wenn Politiker über Europa reden, fällt gerne die Phrase von den „christlich-jüdischen Wurzeln“. In großer Vereinfachung wird immer davon geredet, dass die ursprünglichen Völker Europas barbarisch und unzivilisiert waren, bis sie von Rom zivilisiert wurden, zunächst mit dem Schwert, später mit dem Christentum.

Dabei wird übersehen, dass unsere Vorfahren keineswegs die grunzenden Barbaren waren, für die sie gerne gehalten werden. Noch bevor es Juden in Europa gab und das Christentum überhaupt existierte, gab es Gesellschaften, die – entgegen aller späteren Propaganda – erstaunlich weit fortgeschritten waren. Und da liegen die eigentlichen Wurzeln, nach denen wir suchen müssen.

Das Wort „Barbar“ kommt aus dem Griechischen. Für die Griechen klangen fremde Sprachen eigenartig, so dass sie alle „Fremdsprachlinge“ mit dem Begriff „barbari“ versahen, das heißt „die Stotternden“. Dass der Begriff zur Umschreibung für primitive, rohe Volksstämme avancierte, ist der römischen Propaganda zu verdanken, die in ihren Schriften das Imperium hochlobte, während alle anderen Völker niedergemacht wurden. Am deutlichsten ist die Propaganda in Julius Cäsars „De Bello Gallico“ („Vom gallischen Krieg“) zu sehen. Dieses Werk beeinflusste lange Zeit das Bild, das man auch in moderner Zeit von den „Barbaren“ hatte. Cäsar nahm dabei ein Volk aufs Korn: die gallischen Kelten.

Würde man mit Hilfe einer Zeitmaschine zurückreisen in das 1. Jahrhundert vor Christus und einen Einheimischen in Zentraleuropa fragen, ob er wisse, wo man die Kelten finde, so würde der vermutlich keine Antwort haben. Der Begriff „Keltoi“ stammt – mal wieder – von den Griechen und bedeutet „die Tapferen, Edlen“. Aus der Sicht der Kelten gab es die Kelten nämlich nicht, obwohl sie einen ethnischen Kulturraum bildeten, der vom heutigen Spanien über England und Irland, Frankreich, Süddeutschland, Schweiz, Österreich, Ungarn und bis an Schwarze Meer reichte. Aber sie bildeten kein „Reich“, es gab unzählige Siedlungen, die miteinander in Kontakt waren, aber es gab keinen einheitlichen Herrscher. Glaubt man Cäsar, dann waren diese Kelten roh, unzivilisiert, dumme Bauern halt, die dem Römischen Imperium nichts entgegen zu setzen hatten.

Richtig? Falsch! Natürlich ist es schwierig, eine antike Kultur nach modernen Maßstäben zu bewerten. Aber man muss doch sehen, was die Römer als „unzivilisiert“ betrachteten, nämlich dass die Kelten ein anderes Leben führten als sie. Während die römischen Frauen beispielsweise keine Bürgerrechte hatten, sondern Zeit ihres Lebens unter der Aufsicht eines Mannes standen (zuerst des Vaters, eventuell noch eines Bruders, später des Ehemanns) und kein Eigentum besitzen durften, konnten die keltischen Frauen nicht nur Eigentum haben, sie konnten auch Macht erlangen und bei einer unglücklichen Ehe die Scheidung betreiben. In Rom war es üblich, ungewollte Kinder auszusetzen (sinnigerweise berichtet darüber ja sogar der Gründungsmythos der Stadt Rom, mit den Zwillingen Romulus und Remus, die ausgesetzt und von einer Wölfin gesäugt wurden), genossen die Kinder bei den Kelten besonderen Schutz, weil sie als unschuldig galten. Es gab sogar Regelungen über den Umgang mit Alten und Kranken.

Auch was technische Dinge des Alltags betraf, so waren die Kelten nicht so unbedarft, wie sie dargestellt wurden. Zwar bauten sie ihre Häuser aus Holz, aber sie befestigten ihre Städte – zum Beispiel Alesia, das von einem acht Meter hohen Steinwall umgeben war – und sie beherrschten die Kunst des Gold- und Eisenschmiedens. Diese Metalle kamen aus eigenen Bergwerken, die über ganz Frankreich verstreut lagen.

Die Städte der Kelten, die man später „Opida“ nannte, waren über ein Netz von befestigten Straßen miteinander verbunden und es wurde reger Handeln innerhalb des keltischen Raumes, als auch außerhalb, etwa mit Griechenland und Rom, getrieben. Durch ihre Goldminen waren die Kelten so reich, dass sie zum Beispiel selbst keinen Wein anbauten (was man sich angesichts der heutigen französischen Weine kaum vorstellen kann), sondern ihn lieber aus Italien importierten.

Was wollte nun Julius Cäsar in Gallien? Die offizielle Version: da er der Prokonsul von Gallien war, war es seine Aufgabe, Gallien zu beschützen. Aber das ist Geschichte, wie sie von den Siegern geschrieben wurde. Der wahre Grund war wie immer banal: Gallien verfügte über Reichtümer, die Cäsar dem Imperium einverleiben wollte. Also suchte er einen Anlass – und fand ihn: eine angebliche Invasion.

Die Invasion war in Wirklichkeit nur die Wanderung eines Volksstammes der Helveter. Sie wollten sich in einem anderen Gebiet niederlassen und hatten darum gebeten, bei ihrer Wanderung römisches Gebiet zu durchqueren. Cäsar beging einen – aus seiner Sicht – klugen Schachzug: er verweigerte ihnen die Passage durch römisches Gebiet, wodurch die Helveter gezwungen waren, gallisches Gebiet zu betreten. Cäsar gab nun vor, die Gallier vor den Invasoren schützen zu wollen und stoppte den Marsch… indem er von seinen Legionen alle Beteiligten – Männer, Frauen und Kinder – umbringen ließ. Danach schützte er immer größere Teile von Gallien, bis schließlich ganz Gallien erobert war. Ganz Gallien? Ich fürchte ja… leider haben sich auch Asterix und seine Mannen ihm nicht in den Weg gestellt.

Cäsar erwischte die Gallier kalt. Wie gesagt, der keltische Raum war zwar ein Kulturraum, aber es war kein Reich. Jeder Landstrich hatte seinen eigenen Herrscher und Cäsar nahm sie sich einen nach dem anderen vor. Als die Stämme Galliens sich darauf geeinigt hatten, den Krieger Vercingetorix zum Oberhaupt von allen zu machen, war es fast zu spät. Es gelang ihm zwar vor Gergovia, Cäsars Truppen einen Denkzettel zu verpassen, doch sein Waterloo fand Vercingetorix in Alesia.

Hier kann man sehr schön eine Lücke in Cäsars Argumentation ausmachen. Einerseits beschreibt er die Gallier als rohe Bauern, die der Macht des Imperiums nichts entgegen zu setzen hatten, andererseits fuhr er vor Alesia eine unglaubliche Kriegsmaschinerie auf. Er umgab die Stadt mit zwei Belagerungsringen, einen, um die Leute in der Stadt einzuschließen, und einen, um Nachschub von außen zu verhindern. Und das alles nur, um ein paar Bauern aufzuscheuchen? Nein, Cäsar wusste genau, mit wem er es zu tun hatte. Seine Strategie verhalf ihm zum Sieg.

Als Vercingetorix den Frauen, Kindern und Alten befahl, die Stadt zu verlassen und sich in römische Gefangenschaft zu begeben, um so wenigstens zu überleben, weigerte sich Cäsar, den Belagerungsring zu öffnen. Er spekulierte darauf, dass man sie in die Stadt zurückholen würde und dazu musste man natürlich das Tor öffnen. Das hätte eine Möglichkeit für einen Angriff gegeben. Als das nicht geschah, ließen die zivilisierten Römer die barbarischen Kelten vor ihrem Belagerungsring verhungern. Schließlich war es an Vercingetorix – und dieser kapitulierte. Um ihn zu erniedrigen, musste er vor Cäsar knien und seine Waffen niederlegen. Dann wurde er gefangen genommen und nach Rom gebracht.

Damit begann die systematische Auslöschung der gallischen Kultur, so nachhaltig, dass Wissenschaftler späterer Generationen einige Errungenschaften – wie zum Beispiel die Goldminen – für etwas hielten, das die Römer nach Gallien gebracht hatten. In Wirklichkeit war es umgekehrt, was die Römer brauchen konnten, wurde assimiliert (Schmiedekunst oder auch die Kunst, Münzen zu prägen), alles andere romanisisert. Auf den Holzbauten der Gallier entstanden die typisch römischen Steinhäuser, aus den Siedlungen wurden befestigte römische Städte. Der Bericht Cäsars tat sein Übriges, das Bild über die unzivilisierten Barbaren über lange Zeit zu prägen.

Zwei Dinge waren es, die Cäsar bei seinen Unternehmungen in die Hände spielten: die Gallier waren nicht zentral organisiert – und es gab kein Schrifttum. Für Rom gab es also nur seinen eigenen Bericht, wie er den Krieg in Gallien beschrieb. Und der Bericht war – wie gesagt – Propaganda. Sie war geeignet, Cäsars Karriere voranzutreiben und ihn zum Diktator auf Lebenszeit zu machen… bis sein Leben ein jähes Ende fand, als Verschwörer ihn auf den Stufen des römischen Kapitols niederstachen.

Östlich des Rheins gab es noch so ein Volk, in viele Stämme aufgeteilt und von den Römern als genauso barbarisch angesehen: die Germanen. Doch auch diese hatten ein ähnliches Straßennetz aufgebaut wie die Kelten und trieben Handel. Als die Römer in ihr Gebiet eindrangen, verließen sie sich auf ihre bewährte Strategie der Assimilation. Man erzog die Barbaren römisch, indem man sie zum Beispiel in die Armee aufnahm. Manche Menschen, besonders die Söhne von Stammesfürsten, wurden auch verschleppt und zwangsweise in die römische Armee aufgenommen. Die Römer dachten, sie könnten so die Familien der Verschleppten ruhig halten, indem sie garantierten, dass ihnen nichts geschah, so lange die Fürsten in der Heimat sich den Römern unterwarfen. Ein wenig ist hier schon die mafiöse Struktur der Schutzgelderpressung zu sehen, nur dass sich die Römer so vor Aufständen schützen wollten. Mal ganz davon abgesehen, dass sie sich vor den Barbaren als überlegen ansahen. Und ganz ehrlich, nach dem Bild, das von den Germanen gezeichnet wurde, würde man doch denken, ein Aufstand sähe so aus, dass ein paar bärtige Primitive sich Prügel und Äxte schnappen, einer grölt: „Angriff!“ und alle rennen auf die Römer zu und hauen einfach mal drauf. Strategie traut man ihnen nicht zu; und schon gar nicht, dass sie ihren Zorn im Zaum halten können, um einer vernünftigen Strategie zu folgen.

Doch da gibt es ein prominentes Gegenbeispiel: den Cheruskerfürsten Arminius. Er diente in der römischen Armee und kehrte schließlich nach Germanien zurück. Dann wurde dort von Kaiser Augustus (der herrschte um die christliche Zeitenwende) der Senator Publius Quinctilius Varus zum Statthalter ernannt. Der war inzwischen über 50 und durch lange Jahre im Dienst des Imperators bequem geworden. Er ließ die „Barbaren“ deutlich spüren, was er von ihnen hielt, behandelte sie schlecht und forderte Tribute. Außerdem waren es die Einheimischen gewohnt, ihre Fürsten selbst zu bestimmen und auch abzuwählen, wenn sie nicht mehr zufrieden waren. Varus jedoch blieb, wie ein Politiker der Neuzeit, an seinem Amt kleben. Die Wut – was man später als „furor teutonicus“ bezeichnete – gegen ihn Wuchs. Doch statt blindlings loszuschlagen, verfolgte Arminius eine perfide Strategie: er sorgte für kleine Streitigkeiten, die Varus schlichten durfte, um ihn in Sicherheit zu wiegen, während er eine Armee aufstellte. Dann, als die Zeit gekommen war, ließ Arminius eine Falschmeldung über einen Aufstand weiter im Norden verbreiten. Er selbst zog mit einer Armee los, um den Vorfall „zu untersuchen“, wohl wissend, das Varus gezwungen war, ihm zu folgen. In einem den Römern unbekannten Teil des Teutoburger Walds wurden Varus und seine Legionen in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen. Als Kaiser Augustus das hörte, soll er den berühmten Ausspruch „Vare, legiones redde!“ („Varus, gib die Legionen zurück!“; manche sagen auch „Vare, redde legionem meam!“, also „Varus, gib mir meine Legionen zurück!“) getan haben. Das freilich war ein schwieriges Unterfangen, denn von Varus kam nur der Kopf in Rom an, und ein Kopf ohne Körper ist nicht sonderlich handlungsfähig, außerdem existierten von den Legionen nur noch Knochen, die irgendwo im Teutoburger Wald zu Haufen aufgestapelt waren.

Einem Haufen Barbaren war es also gelungen, die großartige römische Armee zu schlagen. In den Querelen, die darauf folgten, zogen sich die Römer hinter den Rhein zurück.

Zurück zum Anfang des Beitrags: Europa wird klassisch immer aus der Sicht der Griechen und Römer gesehen. Und jene, die sich aufmachen wollen, einen Schöpfungsmythos zu finden, suchen dort danach. Doch wie wir gesehen haben, so einfach ist das nicht. Hätten beispielsweise die Gallier unter Vercingetorix Cäsar geschlagen, wer weiß, wie die Geschichte dann verlaufen wäre. Das bringt uns zu einem Punkt: Es gibt keinen Schöpfungsmythos über Europa. Die Geschichte von Europe und dem Stier hat nichts mit der Kultur Europas zu tun, es geht hier lediglich um die Namensgebung eines Erdteils. Auch Aeneas kann nicht herhalten, selbst wenn das „sich nicht unterkriegen lassen“ ein schönes Bild darstellt. Doch letztlich wird damit einem Imperium mit vielen Schattenseiten gehuldigt, das nicht dem Geist der Vielfalt, sondern der Vereinheitlichung und Assimilierung verschrieben war. Die Römer wollten die „Barbaren“ nicht einmal verstehen. Dass sie über lange Zeit die gleiche Strategie der Romanisierung der unterworfenen Völker anwandten, zeigt, dass sie alle diese Völker in einen Topf warfen und einfach mit dem Stempel „primitiv“ versahen.

Das Problem des Mythos ist, dass die Wurzeln Europas genau so vielfältig und verstreut sind, wie Europa es heute immer noch ist. Niemand in der antiken Welt hatte je an ein Europa gedacht, so wie man heute versucht, es aufzubauen. Die Kelten trieben untereinander und mit anderen Völkern Handel, aber niemand wollte sich zum „Herrscher aller Kelten“ aufschwingen und eine politische Vereinigung des Kulturraums erwirken. Die Römer haben mit Gewalt ihre Kultur verbreitet und alles eingestampft, was dabei im Weg war. Griechenland wandte sich in seiner Blütezeit politisch gesehen nicht nach Europa, sondern nach Asien und Ägypten.

Aeneas, Gaius Julius Cäsar, Vercingetorix, Arminius, Alexander der Große… sie alle haben zu ihrer Zeit ihre Spuren hinterlassen. Doch als Gründer eines modernen Europas taugen sie nicht. Ihre Zeit ist vorbei. Und kein mythischer Held erhob sich, damit 1957 die Römischen Verträge unterschrieben werden konnten. Das Europa von heute ist und bleibt ein Kind unserer Zeit.

Die Wurzeln aber sind vielfältig, und das ist gut so, denn ein Baum, der viele verästelte Wurzeln hat, der hat einen besonders sicheren Stand. Und aus unserer eigenen Kultur und Geschichte können wir sehr viel lernen, wenngleich sich die Geschichte trotz allem immer mal wieder wiederholt. Da brauchen wir gar nicht so arrogant in die weit entfernte Vergangenheit blicken, wir tun es immer noch. Ein Gaius Julius Cäsar brauchte einen Vorwand, um Gallien „beschützen“ zu dürfen, obwohl er in Wahrheit an dessen Rohstoffquellen wollte – er fand einen und eroberte das Land. Kommt uns das nicht bekannt vor?

Wenn wir also Europas Wurzeln fassen wollen, müssen wir allen Kulturen des Kontinents ihr Recht einräumen. Was den Gründungsmythos betrifft, da müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass irgendjemand in der Antike auch nur ansatzweise ein Bild von Europa im Kopf hatte, wie wir es heute zu schaffen versuchen. Diese Verantwortung liegt bei uns.

WIR SIND EUROPA!

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Über Thorsten Reimnitz 841 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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