“2057 – Unser Leben in der Zukunft”: Wollen wir das wirklich?

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„Und danach? Was passiert danach? Nun, die Geschichte von morgen ist noch nicht geschrieben. Aber jeder von uns trägt seinen Teil dazu bei.“
(Professor Zweistein, Leiter des Instituts für Zeitreisen im Programm Die Zeitreise des Drehtheaters im Europa-Park Rust)

An anderer Stelle des „Phantastischen Projekts“ wurde schon darüber gesprochen, doch wir wollen das Thema hier nochmal aufgreifen. Der Anlass ist die Serie „2057 – Unser Leben in der Zukunft“, die das ZDF vor einiger Zeit ausgestrahlt hat. Die Werbung, die für diese Serie geschaltet wurde, umschrieb eine Wissenschaftsserie, die uns die Zukunft zeigen will. Und, so hieß es explizit in einem Radio-Werbespot, man bräuchte sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen. Was uns dann aber präsentiert wurde, verdient eigentlich den Namen „Schreckensszenario“. Geht es nach „2057“, so gibt es in 50 Jahren nur noch Amerika und China, der Rest (also auch wir Europäer) spielt offenbar keine Rolle mehr oder ist in die Rolle von „Vasallenstaaten“ gedrückt worden. Überwachung findet überall statt, die persönlichen Rechte sind stark eingeschränkt. Das medizinische System ist zwar fortgeschritten, diesen Fortschritt können aber nur die wirklich gut Verdienenden genießen, wenn sie es sich leisten können, die Hälfte ihres Gehalts für die Krankenkasse aufzuwenden. Wer das nicht kann – und das wird vermutlich auch in der Zukunft der überwiegende Teil der Bevölkerung sein -, der kommt im Krankheitsfall in eine „Verwahranstalt“, wo man zu zehnt oder zwölft in einem großen Raum liegt und mit dem Mindestmaß an Versorgung abgespeist wird.

„Die goldene Regel lautet doch: Handle in der Art und Weise, in der Du erwartest, dass andere Dir gegenüber handeln.“
(James Hurdel in ASTROCOHORS)

Frank Schätzing, der bekannte Autor, moderierte die erste Folge von insgesamt drei, sagte aber in einem Interview zu der Produktion, es gehe hier nicht darum, eine unabänderliche Zukunft zu zeigen. Es gehe vielmehr darum, aufzuzeigen, was möglich wäre. Die Menschen heute müssen sich entscheiden, ob sie das so wollen oder nicht und die Entwicklung entsprechend beeinflussen. Immerhin sind es noch 50 Jahre bis 2057. Die Frage lautet dann aber, wie sind die Autoren der Reihe auf die Idee gekommen, die Zukunft derart pessimistisch auszumalen? Dass China die neue aufstrebende Weltmacht ist, erkennen wir schon heute. Aber dass die anderen Nationen nur dasitzen und den Streithähnen Amerika und China beim Kampf um die Energiegewinnung der Zukunft zusehen? Doch wenden wir unseren Blick etwas anderem zu. Kant sagt, die Moral einer Gesellschaft könne man daran erkennen, wie sie mit ihren Alten und Kranken umgeht. Wie sieht es da heute aus?

„Mann nennt es das ‚utilitaristische Prinzip‘. Es besagt, in einer Weise zu handeln, dass der grösstmögliche Nutzen für die grösste Anzahl Menschen entsteht.“
(Admiral McCloud in ASTROCOHORS)

  • In einem Krankenhaus mittlerer Größe wird die Verwaltung bei der Stationsleitung der Intensivstation vorstellig. Die Intensivstation hätte schon wieder das Budget überschritten. Die Ursache hat die Verwaltung auch schon ausfindig gemacht: Es wird einfach zu viel Sauerstoff für die Patienten verbraucht…
  • In einem größeren Krankenhaus sucht die Verwaltung nach Einsparpotential und wird fündig: Es gibt einen Arzt, der für die Intensivstation verantwortlich ist und einen Arzt für die Notaufnahme. Man könne eine der beiden Stellen einsparen und einen Arzt als Verantwortlichen für Intensivstation und Notaufnahme vorhalten. Auf den Einwand des Ärztekollegiums, was denn sei, wenn der Arzt auf der Intensivstation gebunden sei (was häufiger vorkommt, denn die Patienten auf der Intensivstation benötigen nun mal mehr ärztliche Betreuung, sonst wären sie nicht auf der Intensivstation) und gleichzeitig ein Notfallpatient in die Notaufnahme gebracht werde, meint die Verwaltung, dann könne man ja den diensthabenden Gynäkologen (!) in die Notaufnahme schicken, der hätte ja schließlich (Zitat!) „auch mal ‚Erste Hilfe‘ gelernt“…
  • Seit 1989 gibt es das so genannte „Rettungsassistentengesetz“, das eigentlich eine geregelte Ausbildung für Rettungsdienstpersonal ermöglichen soll. In dem Gesetz gibt es die Vollzeitausbildung, bei der ein Azubi eine Vergütung erhält und – wie jeder andere Azubi auch – vom Ausbildungsbetrieb eingestellt ist. Es gibt aber auch noch eine Sonderregelung, die eigentlich für Ausnahmen gedacht war. Da der Azubi hier aber die Schule selbst zahlen muss und keinen geregelten Anspruch auf Bezahlung für das Praktikum hat, ist – aus blanken Kostengründen – diese Ausnahme zur Regel geworden, und die Regel zur Ausnahme…
  • In einer Fernsehdiskussion zwischen Experten und Politikern, bei der es um Pflege und wegen der Novellisierung der Pflegeversicherung speziell um Altenpflege ging, wurde mehrfach Kant und seine Ansichten angeführt. Einer der Politiker forderte darauf vehement, Kant einfach mal außer Acht zu lassen und dachte – um die Kosten für den Pflegesektor zu senken – laut darüber nach, in diesem Bereich einen „Billiglohnsektor“ einzuführen…
  • Ein anderer Politiker fordert, um Kosten zu senken, sollten Menschen ab einem gewissen Alter teure medizinische Maßnahmen entweder selbst zahlen oder diese dann nicht mehr erhalten. Zu diesen Maßnahmen zählt er zum Beispiel die Dialyse (ohne die ein entsprechender Patient zum Tode verurteilt ist) oder die Implantation von künstlichen Hüftgelenken (ohne die ein entsprechender Patient nie wieder laufen kann und zum Pflegefall wird)…
  • Immer mehr Arbeitskräfte im sozialen Bereich, denen das möglich ist, wandern in die Schweiz ab. Der Grund: Für die gleiche Tätigkeit wie in Deutschland erhalten sie dort das doppelte, in einigen Fällen auch das drei- bis fünffache Gehalt. Mit den höheren Lebenskosten in der Schweiz kann das nicht begründet werden. Die Lebenskosten sind definitiv höher als in Deutschland, aber nicht um das Doppelte oder gar Drei- bis Fünffache…
  • Auch „sekundäre Arbeitskräfte“ des sozialen Bereichs bekommen den starken Wind zu spüren. Als in einem kleineren Krankenhaus durch die Verwaltung Einsparmaßnahmen beschlossen werden, wird das Küchen- und Putzpersonal vor die Wahl gestellt: Entweder, es gibt Entlassungen oder das Personal muss Kürzungen hinnehmen. Diese sind: Urlaubs- und Weihnachtsgeld wird komplett gestrichen und das monatliche Gehalt um 10 % gekürzt. Diese Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und radikalen Kürzungen erscheint den Arbeitnehmern wie die Wahl zwischen Pest und Cholera…

Kants kategorischer Imperativ: Handle in der Weise, dass Deine Handlung in einer spezifischen Situation ein allgemeines Verhaltensgesetz sein könnte.
(Immanuel Kant, Philosoph, 1724 – 1804)

Scott Adams, Autor von Werken wie „Das Dilbert-Prinzip“ oder „Dilbert Future“ bezeichnete Verwaltungsmenschen wie die in den Beispielen angeführten als „Individuos“, Menschen, die eigentlich keine große Ahnung von dem haben, was sie tun, aber trotzdem – oder gerade deswegen? – an Stellen sitzen, wo sie wichtige Entscheidungen zu treffen haben. Adams erzählt zwar von Firmen, aber wir sehen, solche Leute gibt es nicht nur in der Privatwirtschaft. Allein der Kommentar, ein Gynäkologe habe ja „auch mal“ „Erste Hilfe“ gelernt zeugt von einem großen Verständnisdefizit. Natürlich hat ein Gynäkologie im Verlauf seines Studiums das auch gelernt, aber wenn ein Schwerverletzter in die Notaufnahme eingeliefert wird, braucht es mehr als „Erste Hilfe“-Kenntnisse.
Sie sind auch besonders kreativ, wenn es darum geht, mit Begriffen ihre wahre Absicht zu verschleiern. So nennen sie es beispielsweise nicht „Entlassungswelle“, sondern „Downsizing“ oder „Outsourcing“. Wegen solcher Menschen wurde die Aktion „Unwort des Jahres“ ins Leben gerufen. Und tatsächlich, wenn wir so weitermachen, landen wir dort, wo es „2057“ prophezeit hat. Der Pöbel mit der Krankenversicherung der untersten Klasse hat nur Anspruch auf Minimalmedizin, einen Verwahrraum, den er sich mit neun oder elf anderen teilt – ein hervorragender Ort, um sich neben den bestehenden Krankheiten noch ganz neue dazu zu holen. Die Pflegekraft, die hier arbeitet – natürlich nur eine für zwei solche Räume -, stammt vermutlich aus dem „Billiglohnsektor“. Der hat man einen kurzen Einführungskurs gegeben, sie ermahnt, die Patienten nicht zu grob anzufassen – und los geht’s. Und ach ja, sollte es einen Notfall geben, kann die Pflegekraft ausgebildete Pflegekräfte hinzu rufen. Das kommt allerdings selten vor, denn bei der Menge von Patienten, die eine Kraft zu versorgen hat, werden die meinsten Notfälle erst dann bemerkt, wenn es längst zu spät ist. Aber na ja, macht nix, so’n Aufenthalt auf der Intensivstation ist ja auch sooo teuer. „Präventive Kosteneinsparung“ nennt man das.

„Handlungen bewerten? Mein junger Freund, versuchen Sie sich vorzustellen, Sie müssten Ihre Handlung vor einem unabhängigen Team von Experten vortragen, das nicht von den Konsequenzen Ihrer Handlung betroffen ist. Unternehmen Sie dann nur Handlungen, die dieses Team als korrekt bezeichnen würde.“
(General McLane in ASTROCOHORS)

Aber es muss doch auch anders möglich sein. Vermutlich aber nicht innerhalb von 4 Jahren. Und da haben wir die Crux: für Politiker müssen sich Handlungen innerhalb einer Legislaturperiode auszahlen. Bei den Maßnahmen, die nötig wären, müsste man aber eine längere Frist ins Auge fassen. Wenn sich allerdings innerhalb einer Legislaturperiode kein merklicher Erfolg einer Maßnahme einstellt, könnte es passieren, dass sich das eine Oppositionspartei zunutze macht und die derzeit Regierenden ablöst, indem sie massiv Stimmung gegen diese macht. Wenn dann innerhalb deren Regierungszeit die Maßnahmen greifen und sich die positiven Erfolge zeigen, kann sich das die neue Regierung auf die Fahnen schreiben, ohne wirklich etwas dafür getan zu haben. Und die ehemalige Regierung kann sich als Opposition den Wolf schimpfen und beteuern, dass das alles Auswirkungen der eigenen, vor sechs Jahren getroffenen Maßnahmen sind. Ob man sie hört, ist die zweite Frage.

Ja, wie es im Zitat zu Beginn dieses Beitrags heißt: Die Geschichte von morgen ist noch nicht geschrieben, aber jeder von uns trägt seinen Teil dazu bei. Gerade das Zeitalter, das mit dem 21. Jahrhundert begonnen hat, gibt uns, dem Volk, dazu immer mehr Möglichkeiten. Denn „die da oben“ sind nicht „die da oben“ – sie wurden gewählt, um unseren Willen durchzusetzen. Wir müssen ihnen den nur nachhaltig genug nahebringen. Da bietet das Internet einige Hilfe (Abgeordnetenwatch hier, Politblog dort).

Damit die Zukunft – zumindest was das Zwischenmenschliche betrifft – nicht so aussieht wie in „2057“.

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