Dürfen erfolgreiche Prominente sich nicht für die Gesellschaft sozial engagieren?

Wenn man die (teilweise recht zynisch) abgefassten Kommentare in manchen Zeitungen verfolgt, überkommt einen manchmal die Frage: „Darf der das denn nicht?“ Die Rede ist von Prominenten, die sich sozial engagieren. Zum Nachdenken gebracht hat mich ein Auftritt des Komikers Michael Mittermeier in der ZDF-Show von Johannes B. Kerner.

Neben Michael Mittermeier war unter anderem auch Kai Pflaume zu Gast; beide erzählten von sozialen Projekten, die sie unterstützten, Mittermeier für Afrika, Pflaume für Drogenprävention. Im Gespräch mit Mittermeier über das Thema Afrika kam natürlich der G8-Gipfel in Heiligendamm zur Sprache. Der Komiker äußerte sich dann über das Engagement von Bob Geldof und Herbert Grönemeyer, sowie die Reaktion der Presse (und in manchen Teilen auch der Allgemeinheit). Dabei wird gerne das Klischee des beifallheischenden superreichen Promis bemüht, der mit Hilfe von sozialen Themen CDs verkaufen will. Mittermeier meinte dazu, er glaube nicht, dass Geldof oder Grönemeyer es wirklich nötig haben, den CD-Verkauf über solche Aktionen anzukurbeln. Er beobachte diese Sache, die als als „ein deutsches Ding“ sieht, schon länger; auch er selbst sei schon mal bei der Präsentation eines Sozialprojekts von einem Journalisten gefragt worden, was denn ein Komiker bei so einem Projekt mache.

Da zeigen sich zwei Dinge. Das erste gehört nicht ganz zu dem Thema, um das es mir hier geht, aber ich möchte trotzdem kurz darauf eingehen. Mittermeier war bei diesem Projekt gefragt worden, was denn ein „Komiker“ da tue. Das Wort „Komiker“ scheint einen gewissen „Ruch“ zu haben, man sagt lieber „Comedian“, obwohl beide Begriffe das Gleiche bedeuten. Aber redet man – besonders die Presse – von einem Komiker, so hat das den Klang nach einer Person, der billige Lacher über den Torte-ins-Gesicht- oder Auf-der-Bananenschale-ausrutsch-Witz produziert. Die Bezeichnung „Comedian“ klingt scheinbar besser, ein „Comedian“ wäre also sowas wie ein „geadelter Komiker“. Sinnigerweise haben beide Begriffe die gleiche Wurzel, nämlich das griechische „komikos“. Ein guter Grund also, um das Schubladendenken einmal mehr abzustellen. Michael Mittermeier bringt die Menschen mit seinen Programmen zum Lachen, also ist er ein Komiker. Ganz wertfrei.

Das zweite gehört zum Thema und ist dieses „deutsche Ding“, das Mittermeier beschrieb: Prominente oder reiche Leute dürfen sich in den Augen von Presse und Öffentlichkeit offenbar nicht sozial engagieren. Beispiel gefällig? Der wegen eines kritischen Beitrags über „Bild“-Chef Kai Dieckmans Buch „Der große Selbstbetrug“ unlängst vom eigenen Chefredakteur abgestrafte Alan Posener (hier die ganze Geschichte in Episoden: Episode I, Episode II, Episode III, Episode IV) schreibt auf „Welt Online“ einen Kommentar mit der Überschrift „Bob, Bono, Gröni, Angie und Co. retten die Welt„. Er haut dabei genau in die Kerbe, die Mittermeier mit seiner Bemerkung meinte. Der Reporter spricht nicht nur Grönemeyer und Geldof das Recht ab, sich öffentlich sozial zu engagieren, nein, er dehnt das gleich auch noch auf die gesamte Popmusik aus. Posener steht nicht allein, einige Reporter (bevor das missverstanden wird: einige, nicht alle!) haben im Zuge des G8-Gipfels die Prominentenschelte neu entdeckt. Ich möchte jedoch diesen Beitrag herausnehmen, weil er mir sehr beispielhaft erscheint.
Mittermeier meinte dazu, er selbst nutze einfach seine Bekanntheit, um ein Thema, das ihm am Herzen liege, in die Öffentlichkeit zu tragen. Und mal ehrlich – das macht jeder. Die meisten von uns sind zwar nicht so prominent wie Michael Mittermeier (oder gar Bob Geldof), aber trotzdem, wenn wir im Bekanntenkreis über eine soziale Aktion erzählen, die wir selbst unterstützen, versuchen wir doch auch, von diesen Bekannten Unterstützung zu erhalten. Die Promis machen das auf einer anderen Ebene. Nur da heißt es auf einmal, die Prominenten „inszenieren“ sich als Wohltäter und Posener geht in seinem Kommentar noch weiter und meint, dass niemand „den Kontinent (Afrika) schamloser (ausplündert), als … westliche Musiker“.

Das ist eine ziemliche Verallgemeinerung, ja geradezu eine Vereinfachung der Tatsachen. Lustig, dass Posener selbst an anderer Stelle behauptet „Pop ist einfach.“, und sich zwei Sätze weiter zu der Erkenntnis durchringt: „Die einfachsten Lösungen sind immer falsch.“ Genauso einfach ist seine Feststellung dass „westliche Musiker“ Afrika schamlos ausplündern.

Also dürfen sich in den Augen von Journalisten Prominente und/oder Reiche nicht sozial für die Gesellschaft engagieren? Oder zumindest nicht öffentlich. Zahlen, ja bitte! Aber heimlich! Darf ja keiner mitkriegen! Wieder einmal ist ein gefährlicher Mix entstanden. Ja, natürlich gibt es Menschen, die man heutzutage als B- oder C-Prominente bezeichnet (manche auch zynischerweise als X- oder Y-Prominente), und die bei sozialen Aktionen auf den Umkehreffekt hoffen, nämlich dass sich die Öffentlichkeit daran erinnert, dass es sie auch gibt. Aber weder Geldof noch Grönemeyer sind B- oder C-Promis. Wie Michael Mittermeier (auch kein B-Promi!) treffend feststellte, die brauchen die Aufmerksamkeit aufgrund ihres sozialen Engagements nicht. Die haben sie schon wegen dem, was sie sonst so tun. Gerade die Presse redet sonst immer davon, dass man genau differenzieren muss. Dass man nicht verschiedene Menschen in einen Topf werfen darf. Das steht allerdings im krassen Widerspruch zur Aussage über die „westlichen Musiker“, denn der Topf ist verdammt groß!
Zum Schluss möchte ich zwei Bilder zeichnen. Das erste betrifft die Promis: Mal angenommen, man würde einen Menschen wie Bob Geldof oder Herbert Grönemeyer nach seinem Engagement für Afrika fragen – und als Antwort käme sowas wie: „Darüber rede ich nicht.“ Wie klingt das? Vermutlich gäbe es dann wieder Journalisten, den Leuten soziale Kälte vorwerfen würden oder das ihnen die armen Menschen der Erde gleichgültig sind. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt…

Das zweite Bild betrifft mich persönlich: Ich vollende mein nächstes Buch und es wird ein Mega-Bestseller. Ab wann darf ich denn nicht mehr darüber reden, wofür ich mich jetzt schon sozial engagiere? Hängt das mit dem monatlichen Einkommen zusammen? Oder wie oft mein Name in irgendeiner Zeitung genannt wird? Das wird aber ganz schön schwierig, überhaupt mitzukriegen, wann ich diese Grenze überschritten habe. Wobei… ich schätze, irgendein Journalist wird mich das schon wissen lassen…

Natürlich sind Prominente nicht frei von Kritik, auch nicht, wenn sie sich sozial engagieren. Aber gerade von Journalisten sollte man doch erwarten, dass sie sich etwas differenzierter mit einem Thema auseinander setzen, zum Beispiel auch mit den Leuten reden. Das ist nicht einfach, aber Posener hat es selbst gesagt: „Die einfachste Lösung ist immer falsch.“

Über Thorsten Reimnitz 840 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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