STAR WARS, Herr der Ringe und Michael Moore

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Eine gute Frage: Wo liegen die Gemeinsamkeiten von STAR WARS, „Herr der Ringe“ und Michael Moore? Jemand, der dies liest, wird vermutlich erst mal sowas sagen wie „Wie bitte?“ (oder kürzer: „Hä?“). Aber nachdem der Dokumentarfilm „Manufacturing Dissent“ herauskam und in der deutschen Presse darüber berichtet wurde, habe auch ich mir meine Gedanken gemacht. Und festgestellt, dass es mal wieder ein sehr altes Thema ist.

Michael Moore ist bekannt als Mensch, der die Wahrheit ans Licht holt, vor allem, wenn sie unbequem ist. In dem Film „Roger and me“ prangert er die Politik großer Firmen an, sich einen Dreck um ihre Angestellten zu scheren, in „Bowling for Columbine“ die Waffenverrücktheit der amerikanischen Nation und in „Fahrenheit 9/11“ die Verlogenheit von Präsident Bush und seiner Regierung. Hinzu kamen etliche Publikationen wie „Downsize this!“ oder „Stupid White Men“. Doch durch den Film „Manufacturing Dissent“ bekommt Moores Denkmal ernsthaft Risse. Für seine Filme. so wird hier festgestellt, hat er die Wahrheit so lange gebogen, bis sie zu seinen Aussagen passte; in einen Fällen hat er diese Wahrheit sogar konstruiert. Das Portrait, das Debbie Melnyk und Rick Caine eigentlicht von ihm zeichnen wollten, unterschied sich gänzlich von dem, das sie nun gezeichnet haben. Sie wollten Moores Arbeit und seine Verdienste dokumentieren. Jetzt haben sie seine – manchmal nicht ganz sauberen – Methoden dokumentiert.

Was ist passiert? Hämisch melden sich die typischen „Ich habe es ja schon immer gewusst“-Kommentatoren zu Wort, die ihre Wahrheit komischerweise bisher verborgen hielten und ausgerechnet jetzt ans Licht bringen. Natürlich, so heißt es, dürfe man Michael Moores Filme nicht sooooo ernst nehmen. Das ist halt Unterhaltung. Ach so, ist es so einfach? Wie immer, wenn man eine einfache Antwort auf eine komplexe Frage gibt, so muss man auch diesmal sagen: Nein, so einfach ist es nicht.

Gehen wir für dem Moment mal weg von Michael Moore und wenden uns etwas anderem zu: STAR WARS. Die Geschichte vom „Krieg der Sterne“ beschreibt eine intergalaktische Republik, die zerbricht und zu einem galaktischen Imperium pervertiert wird, in dem ein Mann allein als „großer Diktator“ herrscht. Eine Rolle spielen dabei die Jedi-Ritter, Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit in der Republik. Als ein Junge, Anakin Skywalker, mit ungewöhnlichen Fähigkeiten auftaucht, werden sie an eine alte Prophezeiung erinnert: Da soll einer kommen, der der Macht – dem Energiefeld, das alle lebenden Dinge erzeugen, sie umgibt und durchdringt und so die Galaxis zusammenhält – das Gleichgewicht zurückgeben soll. Der Rat der Jedi ist skeptisch, lediglich der forsche Qui-Gon Jinn konfrontiert sie mit der Überzeugung: „Er ist der Auserwählte! Das müsst Ihr doch sehen!“ Nach Qui-Gons Tod übernimmt dessen Schüler Obi-Wan Kenobi die Ausbildung des jungen Anakin, was er allerdings erst darf, nachdem auch er den Rat konfrontiert: „Ich werde den Jungen ausbilden, auch ohne die Erlaubnis des Rats, wenn ich muss!“
Die anderen Jedi sehen in Anakin eine Gefahr und sie scheinen Recht zu behalten: Letztlich tritt Anakin zu den Gegnern der Jedi, den Sith über und hilft so dem Imperator, sein Imperium aufzubauen. Erst nach Jahrzehnten der Terrorherrschaft wendet sich Anakin wieder gegen seinen Herrn, tötet ihn und beendet so die Herrschaft der Sith.
Konfuzius hat einmal gesagt: „Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel!“ Worüber sind aber die Jedi gestolpert? Vereinfacht gesagt, war es ihre starre Philosophie. Genau genommen waren die Jedi und die Sith sich gar nicht so unähnlich, sie waren wie die selbe Ziffer, bei der lediglich das Vorzeichen anders war, die Jedi hatten das Plus und die Sith das Minus. Die Jedi verkörperten die helle Seite der Macht, die Sith die dunkle. Beide Seiten strebten gleichsam nach der Vernichtung der anderen Seite. Die Jedi taten das, indem sie scheinbar starr einem Kodex folgten, der nicht zur Disposition stand. Gerade in Episode 1 der STAR-WARS-Saga, „Die dunkle Bedrohung“, muss der Kodex für vieles herhalten, Qui-Gon darf den Rat nicht in Frage stellen, das ist gegen den Kodex, Anakin darf eigentlich nicht ausgebildet werden, das ist gegen den Kodex und so weiter.
Die Jedi scheinen auch eine große Furcht vor der dunklen Seite zu haben, denn wie Yoda es in Episode 5 („Das Imperium schlägt zurück“) formuliert: „Begibst Du Dich auf diesen Pfad [die dunkle Seite] einmal, für immer wird beherrscht davon Dein Leben!“ Die Jedi lehnen die dunkle Seite völlig ab. Die Sith aber nutzen das aus. Nicht nur dass es ihnen gelingt, die Jedi glauben zu machen, sie wären vernichtet, nein, gerade Darth Sidious nutzt die starre Haltung seiner Gegner bis zum Letzten aus. Im Gegensatz zu den Jedi verhält er sich ungewöhnlich flexibel, als in Episode 1 sein Schüler Darth Maul von Obi-Wan getötet wird, nimmt er sich einfach einen neuen Schüler. Als er erkennt, dass mit Anakin Skywalker ein machtvoller Jedi heranwächst, opfert er bereitwillig seinen neuen Schüler Darth Tyrannus (in Episode 3: „Die Rache der Sith“), um einen Platz für Anakin zu haben.
Außerdem zwingt er die Jedi dazu, immer häufiger gegen den eigenen Kodex zu verstoßen. Ihm ist bewusst, dass das Anakin zutiefst verwirren muss. Der Grundstein wird dadurch gelegt, dass sich Anakin entgegen den Anweisung des Kodex in die Senatorin Padmé Amidala verliebt und er nicht verstehen kann, warum die Jedi das nicht dulden wollen. Gleichzeitig erlebt er aber, wie er den Auftrag erhält, den Kanzler Palpatine, den demokratisch gewählten Vertreter der Republik, auszuspionieren. Und in der großen Konfrontation gerät er endgültig aus der Fassung: Mace Windu gelingt es, Darth Sidious zu überwinden – und entgegen dem Kodex will er ihn töten. Sidious nutzt seine Verwirrung aus, indem er jammert, dass seine Kräfte schwinden – eine Lüge, wie sich kurz darauf herausstellt. Doch es reicht, um Anakin gegen Mace Windu aufzubringen, was das Todesurteil für den Jedi-Meister ist und dem Imperium den Weg ebnet.
Als Obi-Wan kurz darauf auf Mustafar gegen Anakin kämpft, kommt ein großes Missverständnis heraus. Obi-Wan gelingt es, Anakin schwer zu verwunden. Der Jedi-Meister schreit seine ganze Enttäuschung über seinen Schüler heraus: „Du warst der Auserwählte! … Es hat geheißen, Du würdest die Sith vernichten – und nicht, dass Du Dich ihnen anschliesst!“ Moment mal – hieß es das wirklich? Wie war der Wortlaut der Prophezeiung? „Es kommt einer, der der Macht das Gleichgewicht bringt.“ (Original: „The one who brings balance to the Force.“) Da ist nicht die Rede davon, dass die Sith vernichtet werden. Und es erklärt möglicherweise auch die Reaktion der Jedi-Ritter, die in Episode 1 eine Gefahr spüren, die von Anakin ausgeht. Womöglich ist es Yoda bewusst, dass das Gleichgewicht der Macht nur hergestellt werden kann, wenn auch die Jedi, so wie sie zu dem Zeitpunkt waren, vernichtet werden. Qui-Gon Jinn ist der einzige, der seinen Enthusiasmus in der Sache kaum bremsen kann. Das mag daran liegen, dass er selbst ein Rebell ist gegen die starren Regeln des Kodex der Jedi. Nach dem Kodex müsste er Mitglied des Rates sein, was er aber nicht wollte.
Entlarvend bringt es Obi-Wan auf dem Punkt, als er auf Mustafar vor seinem Duell mit Anakin mit diesem diskutiert. Anakin sagt: „Wenn Ihr nicht auf meiner Seite steht, dann seid Ihr mein Feind!“ Worauf Obi-Wan erwidert: „Nur ein Sith kennt nichts als Extreme!“ Die Jedi aber auch, sie teilen die Welt ein in die helle und die dunkle Seite der Macht. Natürlich stehen die Jedi auf der hellen Seite und sind über jedem Zweifel erhaben. Dass in jedem intelligenten Lebewesen auch etwas von der dunklen Seite steckt, unterdrücken sie. Sie unterdrücken die dunkle Seite in sich, anstatt sich mit ihr auseinander zu setzen. Das führt auch zu der Argumentationskette, die Yoda Anakin in Episode 1 darlegt: „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu Leiden.“ Die Jedi setzen sich mit dem Gefühl nicht auseinander, es darf einfach nicht sein. Deswegen darf ein Jedi, wie es das Plakat zu Episode 2: „Der Angriff der Klon-Krieger“ sagt, „niemals Liebe oder Hass kennen“.
Nachdem die Jedi fast vernichtet wurden und Anakin in Episode 6: „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ den Imperator tötet und kurz darauf selbst stirbt, liegt die Verantwortung, einen neuen Jedi-Orden zu gründen, bei Anakins Sohn Luke Skywalker. Es ist seine Aufgabe, für diese Jedi ein neues Selbstverständnis herzustellen, dass sie die dunkle Seite nicht blind ablehnen, sondern mit ihr umgehen lernen.

Damit schwenken wir über zu J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Tolkien hat sich immer gewehrt, wenn jemand versuchte, sein Werk – oder Teile daraus – in konkrete Analogismen umzusetzen. Zum Beispiel gab es Menschen, die in Sauron eine Symbolfigur für Hitler sahen und die Trilogie eine Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs. Andere sahen in „dem Einen Ring“ ein Symbol für die Atomkraft. Aber so einfach ist das nicht. Der Eine Ring steht für etwas nicht greifbares, vereinfacht gesagt, für eine Möglichkeit. Sauron wollte mit dem Ring über Mittelerde herrschen, als er ihn verlor, fiel er einem Menschen zu, der sich weigerte, ihn zu vernichten. Dann landete er auf Umwegen bei Déagol. Doch Sméagol, der den Ring haben wollte, tötete Déagol und floh. Der Ring veränderte Sméagol, so dass dieser zu dem abscheulichen Wesen Gollum wurde. Gollum verlor den Ring, der Hobbit Bilbo fand ihn. Nach langer Zeit überredete der Zauberer Gandalf Bilbo dazu, den Ring seinem Neffen Frodo zu überlassen. Dann lag es an Frodo, den Ring zurück zum Schicksalsberg zu bringen, um ihn zu vernichten. Doch in letzter Sekunde zögerte er; nur weil Gollum ihn dann überfiel und mitsamt den Ring in die Lava des Schicksalsbergs stürzte, wurde er zerstört.
Bei der Geschichte des Rings fällt auf, dass der, der ihn besitzt, ihn nicht mehr hergeben möchte. Andererseits möchte jeder, der ihn sieht, auch besitzen (zwei Ausnahmen bilden – zumindest im Roman – Tom Bombadill und Faramir). Und wer ihn besitzt, der wird verändert. Gollum, der sehr lang unter dem Einfluss des Rings stand, ist nur noch ein Schatten des Hobbits, der er mal war. Auch Bilbo beginnt, sich zu verändern. Selbst Frodo, der von den dreien den Ring am Kürzesten hat, ändert sich. Und die Änderung geht zum Negativen, sie werden unfreundlich, paranoid und aggressiv.
Genauso aggressiv werden manche der Gefährten, wenn es darum geht, was mit dem Ring geschehen soll und was man mit ihm machen könnte. Boromir von Gondor versucht Frodo zunächst mit Worten zu überzeugen, die Macht des Rings solle zur Verteidigung seiner Heimat eingesetzt werden; als das nichts fruchtet, fällt er über den Hobbit her. Nur mit Hilfe des Ringes gelingt ihm die Flucht.

Tolkien hat es geschafft, ein Konzept zu erschaffen, das die Seiten des menschlichen Wesens beleuchtet, ohne solche einfachen Festlegungen wie „Sauron = Hitler“ oder „Ring = Atomkraft“ auszukommen. Der Eine Ring steht für vielfältige Dinge des Lebens und die Geschichte warnt uns vor den negativen Seiten. Jeder von uns kennt die Situation, in der man sich hilflos irgendjemand oder irgendetwas ausgeliefert fühlt. Und wie die Wut in der Situation die Gedanken umtreibt: „Wenn ich doch nur könnte, dann würde ich aber…!“ Zum Beispiel, wenn ein Kollege statt einem selbst zum Abteilungsleiter befördert wird und man das ungerecht findet. Dann entdeckt man aber, dass der Kollege eine Schwäche hat, die ihn vor der ganzen Belegschaft bloßstellen könnte. Nun hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man entscheidet sich, diese Schwäche des Kollegen auszunutzen, ihn bloßzustellen und womögliche seine Stelle zu kriegen – oder man versucht, auf ehrliche Weise seine Leistung für den Betrieb zu zeigen. Der Eine Ring ist in dem Fall die Chance, schnell zum Ziel zu kommen, indem man schmutzige Tricks anwendet. Und man beruhigt sich selbst: Der andere hat das ja verdient – und außerdem mache ich das ja nur dieses eine Mal. Tatsächlich? Doch es ist wie in „Herr der Ringe“: Wer den Einen Ring an sich bringt, dem fällt es schwer, ihn wieder herzugeben. Außerdem wird man verändert, wenn man den Ring trägt. In unserem Beispiel bedeutet das, dass man erlebt hat, wie einfach man an einen begehrten Posten kommen kann, wenn man nur ein bisschen unfair ist. Damit sinkt die Hemmschwelle, ähnliche oder schlimmere Methoden anzuwenden, wenn die nächste Gelegenheit kommt, wenn man zum Beispiel etwas über die Schwächen des stellvertretenden Betriebsleiters herausfindet, nach dessen Posten man schielt. Womöglich beginnt man sogar, über etliche Leute „schmutzige Details“ zu sammeln, um diese unter Kontrolle zu bringen. Irgendwann schließlich stellt man sich die Frage, ob das, was man tut, eine moralische Rechtfertigung hat, gar nicht mehr. Ich tu’s, weil ich es kann. Fertig. Und jemand stellt die Methode in Frage? Das lassen wir nicht zu! Nicht wahr, mein… Schaaaatzzzzzzz…

Nun schlagen wir die Brücke zurück zu Michael Moore. Der zeichnet von sich selbst in der Öffentlichkeit gern das Bild des einsamen Kämpfers gegen „die da oben“, der Rächer der Entnervten, der Benützer von Witzen und Weizen… Insofern ist er also der Jedi-Ritter gegen Darth Bush und das böse Imperium. Allerdings ist sein Bild vom Gutmenschen so überzeichnet, dass er völlig ausblendet, das auch er eine dunkle Seite hat. Und die hat offenbar voll zugeschlagen, als Moore nicht mehr anders konnte und er den EinenRing an sich brachte.
Auch Moore hat das vor sich selbst gerechtfertigt, wie Boromir von Gondor es rechtfertigte, den Einen Ring zur Verteidigung seiner Heimat zu verwenden: „Wir in Gondor streben nicht nach Macht! Nur nach der Macht, unsere Freiheit zu verteidigen! Sag‘ mir, ist daran etwas schlechtes?“ Die altbekannte Selbstlüge: Es dient ja dem guten Zweck. Alle anderen dürfen das nicht machen, weil die sind ja böse, aber ich weiß es besser…

Dass Moore gerne – und absichtlich – über die Stränge schlug, haben wir schon erlebt, beispielsweise als er seinen Landsleuten vollmundig verkündete, die Krankenversicherung in Deutschland sei für jeden kostenlos. Das hätte man ihm noch nachsehen können, denn das Gesundheitssystem in Deutschland ist kompliziert und womöglich hat er da einfach nur was falsch verstanden. Nun sieht es aber leider so aus, als habe er es falsch verstehen wollen.
Die Macher von „Manufacturing Dissent“ waren zunächst auch bereit, Michael Moore einiges nachzugeben. Sie waren begeisterte Fans seiner Arbeiten. Deswegen wollten sie den Dokumentarfilm machen. Doch im Verlauf der Arbeiten stießen sie auf immer mehr Ungereimtheiten. Moores Behauptung, in Toronto wäre es so sicher, dass niemand die Haustür abschließt, kann man noch als „Übertreibung“ einstufen. Doch dann kam ans Tageslicht, dass einigen in Moores Filmen behauptete Geschichten jede Grundlage fehlte. Um es anders auszudrücken: Er hat sie erfunden, weil sie gerade so schön in das Bild passten, das er zeichnen wollte. Und er machte weiter, in jedem neuen Film.

Was nun? Michael Moore wirft seiner Gegenseite Dinge vor, die er selbst getan hat. Er hat sie getan, weil er sich – wie die Jedi – auf der „hellen Seite der Macht“ wähnt und die Mittel deswegen gerechtfertigt sind. Nur die anderen dürfen sie nicht verwenden. Leider bringt er dabei sich selbst in Misskredit. Es ändert nichts an der Sache an sich, das haben ja selbst die Macher von „Manufacturing Dissent“ zugegeben: Die Werbeaktion einer Bank in „Bowling for Columbine“, bei der jeder Kunde, der ein Konto neu eröffnet, eine Waffe gratis erhält, ist laut Caine „eine total beknackte Werbemaßnahme, die wunderbares Material für einen Frontalangriff hergibt“. Dass Moore in dem Film aber den Eindruck erwecken will, man kriege diese Waffe auch direkt in der Bank (in Wahrheit muss man diese bei einem Laden abholen), sei übers Ziel hinausgeschossen. Und Melnyk fügt hinzu, dass Moores Filme nicht leiden würden, wenn er bei der Wahrheit bliebe.

Wieder einmal geht es um das Gleichgewicht. Und die Begründung „die Anderen machen das ja auch“ ist ein sehr schwaches Argument, wenn die verruchte Macht des Einen Ringes im Spiel ist. Aber gibt es das Gleichgewicht? In der Diskussion um „Manufacturing Dissent“ habe ich in einigen Kommentar-Foren wüste Beschimpfungen und Anschuldigungen gelesen. Einige verstiegen sich gar zu der Theorie, Caine und Melnyk wären gar nicht die Linken, als die sie sich selbst bezeichnen, sondern Teil einer von Bush in Auftrag gegebenen Propaganda. Andere haben nicht verstanden, dass die Aussage des Films nicht lautet „Alles, was Michael Moore sagt, ist gelogen.“ Er soll lediglich anmahnen, dass die Wahrheit ausreichend schlimm genug ist und Manipulationen dieser Art eigentlich unnötig. Denn das Risiko ist, dass Moore so auf die Dauer seine Glaubwürdigkeit verliert.

Obi-Wan schleudert es Anakin ins Gesicht: „Du bist zu dem Bösen geworden, das Du geschworen hast zu vernichten.“ Da ist er wieder, der Eine Ring. Möge die Macht mit Michael Moore sein, dass er den Ring loswerden kann. Ob das geht, weiß ich nicht, denn auch das stellt der neue Film heraus: Moore ist ein sehr von sich selbst überzeugter Mensch, im besten Fall ist er ein Egozentriker, im schlimmsten Fall ein Egomane. Um den Ausgleich zu erlangen, ist es jedoch wichtig, dass man sich selbst und seine eigenen Methoden in Frage stellen kann. Um das Beispiel von oben wieder aufzugreifen, in dem ein Kollege zum Abteilungsleiter befördert wird und man selbst das ungerecht findet, wäre es wichtig, sich selbst zu reflektieren und herauszufinden, warum man sich ärgert. Vielleicht, weil man sich seiner Sache zu sicher war? Oder weil man nicht einsehen will, dass der Kollege möglicherweise für den Posten doch qualifizierter ist als man selbst? Das ist ein schwieriger Prozess und es ist natürlich sehr viel einfacher, den Kollegen als „Bösewicht“ zu sehen, der jede schlechte Behandlung, die man ihm angedeihen lässt, verdient hat.
Insofern ist es auch falsch, Michael Moore jetzt einfach zu verteufeln. Seine Arbeit ist vom Grund her wichtig, auch wenn er sich der falschen Methoden bedient haben mag. Denn entgegen der starren Ansicht der Jedi – „begibst Du Dich auf diesen Pfad einmal, für immer wird beherrscht davon Dein Leben“ – gibt es jederzeit die Möglichkeit, sich zu ändern. Auch für Moore. Ob er es kann oder will, steht auf einem anderen Blatt.
Und genauso falsch ist es, Melnyk und Caine Vorwürfe zu machen oder sie gar als „Agenten“ von George Bush zu bezeichnen. Es gibt nicht nur „die eine“ oder „die andere“ Seite.

Der Blick über den Tellerrand lohnt sich.

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Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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