“Ich werd’ bekloppt! Der Hotbutton kann jederzeit zuschlagen! Rufen Sie jetzt an!”

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„Mein Gott, so viel Geld! Für nichts! Einfach fürs Anrufen! Jederzeit kann der Hotbutton zuschlagen! Rufen Sie an! Jetzt! Das kann doch nicht so schwer sein! Ergänzen Sie die fehlenden Buchstaben zu einem sinvollen Begriff!“ Und während der Moderator beinahe einen Herzinfarkt bekommt – zumindest macht es den Eindruck -, fällt der Blick des zufällig bei 9Live vorbeizappenden Zuschauers auf eine so genannte „Flipchart“, auf der Folgendes steht:

„FERNSE_SENDER“

Was ist nur aus tm3 geworden? Erinnert sich noch jemand an den Namen? „tm3“ war einmal ein Fernsehprojekt. Offenbar war es aber nicht lukrativ genug, so dass man sämtliche Programminhalte kippte und den Namen änderte. Ja, man veranstaltete sogar einen Wettbewerb. Die Zuschauer sollten sich einen neuen Namen ausdenken. Bedingung: In dem Namen soll die Ziffer „9“ vorkommen. Stefan Raab machte darauf in seiner Sendung „TV TOTAL“ einen Aufruf, möglichst viele Leute sollen doch den Vorschlag „SCH**SSE HOCH NEUN“ einsenden, denn die Ankündigung des neuen Senders war, dass der Vorschlag mit den meisten Stimmen genommen wird. Ob das allerdings so stimmte oder ob der Name „9Live“ bereits feststand und der Wettbewerb nur ein Marketing-Gag war, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Doch eines lässt sich heute nachvollziehen, und das sind die Methoden des Senders. Manchem von uns ist es bestimmt auch schon mal merkwürdig vorgekommen, dass man beim Vorbeizappen auf dem Sender eine Situation sieht, wie sie ganz oben beschrieben ist – und wenn man eine Stunde später wieder vorbeizappt, stellt man fest, dass das geheimnisvolle Wort hinter „FERNSE_SENDER“ immer noch nicht gefunden wurde. In letzter Zeit mehren sich allerdings Hinweise darauf, dass das, was bisher nur vermutet wurde, doch zu stimmen scheint. Gerade der so genannte „Hotbutton“, bei dem die Moderatoren den Eindruck erwecken, hierbei handele es sich um einen mechanischen Zufallsgenerator der wirklich „jederzeit zuschlagen“ könne, entlarvt sich durch Aussagen von Mitarbeitern und nicht zuletzt eine Panne bei 9Live als Gerät, das von einem Redakteur aus Fleisch und Blut gesteuert wird und dass der „heiße Knopf“ immer dann „zuschlägt“, wenn gerade besonders viele Zuschauer anrufen.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich auch der Medienjournalist Stefan Niggemeier mit 9LIVE. Sei es, dass er an das 2000-Tage-Jubiläum des Senders erinnert und kritische Fragen stellt (siehe hier) oder für einen Artikel der FASZ recherchiert und nochmal Fragen stellt (siehe hier) bezüglich der Transparenz der Gewinnspiele und ihrer Auflösung. Nun geht das Schauspiel – oder sollte man sagen, das Drama – um 9LIVE in eine neue Runde. Neben Niggemeier und einigen anderen Print-Journalisten ist unter anderem das Magazin „PlusMinus“ der ARD auf die Methoden des „Call-In-Senders“ aufmerksam geworden und berichtete kritisch darüber. Inzwischen gibt es sogar eine eigene Webseite, www.call-in-tv.de, die sich kritisch mit solchen Sendern auseinander setzt, und die auch schon einiges aufgedeckt hat.

Auf den neuesten Stand der Entwicklung bringt Stefan Niggemeier den Leser im aktuellsten Beitrag über 9LIVE, „Die Lügen und die Wahrheit„. Er nimmt einige Äußerungen von Geschäftsführern des Senders unter die Lupe und stellt sie in den Kontext seiner unzähligen Berichte in seinem Blog. Auch die Filmausschnitte, die call-in-tv.de archiviert hat und das abgekartete Spiel vor laufender Kamera zeigen, werden nicht ausgespart. Eine lesenswerte kleine Reise in den Abgrund, in dem mit den Hoffnungen von Zuschauern auf einen Gewinn gespielt wird und die Regeln dabei nach Gutdünken uminterpretiert werden.

Leider wirft einer der Kommentatoren des Berichts auf, was das Problem an solchen Artikeln ist: Jene, die sie lesen sollten, also die, die ständig bei den Gewinnspielen anrufen (im „PlusMinus“-Bericht taucht beispielsweise ein Rentner auf, der sich beschwert, 3.100 Euro Telefonkosten für 300 Anrufe zu haben), lesen keine Blogs, viele haben vermutlich nicht einmal einen Internetanschluss. Aber auch wenn Stefan Niggemeier und andere sowas wie Rufer in der Wüste sein mögen, das schmälert ihre Botschaft nicht im Geringsten.

In diesem Sinne: „Hart und entbehrungsreich ist das Leben in der Wüste; doch wahrlich, ich sage Euch: Geht in die Wüste und ernährt Euch vom Sand…“ (aus „Monty Python’s Das Leben des Brian“)

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Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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