"Das Erbe der Kassetten-Kinder" von Annette Bastian

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„Was bedeuten denn die drei Fragezeichen auf Eurer Karte? Man könnte ja meinen, dass Ihr Euren eigenen Fähigkeiten nicht traut?“
(Eine Reaktion auf die Visitenkarte des Detektiv-Trios „Die drei ???“)

Nachdem ich mit „Das Labyrinth des Bösen“ bereits eine Hörspielreihe rezensiert habe und es so aussieht, als könnten demnächst noch mehr Hörspiele dazukommen, möchte ich mich heute dem Phänomen „Hörspiel“ generell widmen, und das mit einer Rezension über ein Buch, das nicht nur Hörspiele, sondern auch ihre Anfangszeit und den ersten großen Erfolg unter die Lupe nimmt: „Das Erbe der Kassetten-Kinder“ von Annette Bastian. Leider ist die komplette Auflage des Buches inzwischen wohl ausverkauft, aber Einzelstücke gibt es immer noch hier und dort und wer eines findet, dem kann ich es nur empfehlen.

Wie der Titel schon sagt, geht es hierbei um so genannte „Jugend-Hörspiele“ der 1980er Jahre, und der Untertitel „…ein spezialgelagerter Sonderfall“ verrät dem Kenner, dass vorwiegend Hörspiele von EUROPA im Fokus der Autorin stehen (der Satz stammt aus einem Hörspiel der „Drei ???“, in dem Justus gebeten wird, sich unkompliziert auszudrücken). Doch bevor wir in die Welt von bestimmten Serien gezogen werden, erläutert die Autorin, dass sie selbst Kassetten-Kind ist und dass viele von diesen ein gemeinsames Schicksal teilen, nämlich dass sie sich irgendwann zu alt fühlten für die „Kinder-Hörspiele“. Also landeten die Hörspiele auf dem Flohmarkt – heute vermutlich bei eBay. Dann kam eine zeitlang nichts, bevor man sich an die Helden der Kindheit wieder erinnerte und die Schätze von damals wiederhaben wollte. Dazu machte sich Annette Bastian wiederum auf die Flohmärkte auf, um jenen Kindern, die sich nun „zu alt“ fühlten, ihre gesammelten Werke abzukaufen.

Als nächstes wird die Geschichte vom Aufstieg der Hörspiele nachvollzogen, die unmittelbar mit dem Erfolg des Kassettenrekorders zusammenhängt. Am Anfang gab es Hörspiele auf Langspielplatte, die hatten ihren Preis. Doch mit der billigeren Audio-Kassette wurde das Medium „Hörspiel“ massentauglich. Hinzu kommt, dass es zu dem Zeitpunkt, ab Ende der 1970er, die Videorekorder noch nicht so verbreitet waren und Hörspiele eigentlich die einzige Möglichkeit waren, Lieblingsgeschichten so oft wie möglich wieder zu erleben – und das noch dazu zu jedem gewünschten Zeitpunkt. So wurd es beinahe schon obligat, dass es Hörspiele zu gewissen Kinofilmen gab. Aber immer mehr gab es eigenständige Produktionen.

Zum richtigen Zeitpunkt dann kam eine Serie heraus, deren Erfolg bis heute ungebrochen ist: „Die drei ???“. Eigentlich eine Roman-Reihe des amerikanischen Autors Robert Arthur, wurde sie in den USA unter der „Schirmherrschaft“ von Alfred Hitchcock herausgegeben, der in den Roman auch persönlich auftauchte. In der deutschen Übersetzung der Bücher ging man sogar noch weiter: Immer wenn die Schrift kursiv wurde und am linken Rand das kleine Schwarz-Weiß-Bild von Hitchcock zu sehen war, sprach der Regisseur persönlich zum Leser mit so unvergesslichen eloquenten Kommentaren wie „Die Märchen der Gebrüder Grimm scheinen in Amerika nicht sonderlich gut bekannt zu sein. Wie steht’s denn mit Euch“ (aus „Der Superpapagei“) oder „Eine Anmerkung für alle, die nicht Englisch können: ‚Clock‘ ist das englische Wort für ‚Uhr‘.“ (aus „Der seltsame Wecker“). In der Hörspielfassung ging man soweit, dass die ganze Geschichte gar von Hitchcock persönlich in der Gestalt des Schauspielers Peter Pasetti erzählt wurde. Und das sogar nach dem Tod des realen Alfred Hitchcock am 29. April 1980.
Die Hauptfiguren sind die Jugendlichen Justus Jonas (Original „Jupiter Jones“), Peter Shaw (Original „Peter Crenshaw“) und Bob Andrews. Sie eröffnen mal eben so ein Detektivbüro und bieten ihre Dienste an. Leider wird, ganz im Gegensatz zur Buchreihe, in der Hörspielreihe nicht erzählt, wie die drei Detektive Alfred Hitchcock kennenlernten, aber er fungiert in den ersten Fällen hin und wieder als Auftraggeber oder vermittelt potentielle Kunden an sie.
Ein gelungener Marketing-Schachzug war die Übersetzung des Titels ins Deutsche, im Original lautet er recht einfach „The Three Investigators“, also „Die drei Detektive“. Im Deutschen wurde ihr Markenzeichen, das Fragezeichen, zum Titel, und mit „Die drei ???“ zog man allein dadurch schon Aufmerksamkeit auf die Bücher, weil sich jeder fragte, wie das wohl ausgesprochen wird („die drei Fragezeichen“? Oder vielleicht doch „die Drei-i-i???“, mit besonderer Fragebetonung, wegen der drei Satzzeichen?). Die Titel selbst waren am Anfang immer mit dem Namen der Reihe verbunden, also „Die drei ??? und der Karpatenhund“. In späteren Folgen sah man davon ab, einige Titel bestehen sogar nur noch aus einem Schlagwort (zum Beispiel „Toteninsel“ oder „Rufmord“).
In den vergangenen Jahren musste die Serie dann einige Änderungen mitmachen. Eine sehr große war die Neuproduktion der Hintergrundmusik, da EUROPA dem Komponisten Carsten Bohn jahrelang die Tantiemen vorenthalten hatte.
Die zweite große Änderung trat mit einem Streit zwischen BMG Miller und dem Verlag, der die „Drei ???“-Bücher in Deutschland verlegte, ein. Seither gibt es zwei Serien, die „Drei ???“ im Buch und eine Hörspielreihe mit dem Titel „DIE DR3I“.

Der zweite große Komplex des Buches geht um die „Konkurrenz aus dem eigenen Haus“: TKKG. Die Hörspiele entstanden nach der Buchreihe von Stefan Wolf, einem Pseudonym des Autors Rolf Kalmuczak, der leider am 10. März diesen Jahres verstorben ist.
Während die „Drei ???“ es meistens mit sehr gruseligen Fällen zu tun hatten, die auf den ersten Blick übernatürlich wirkten (Geisterschloss, schreiender Wecker, flüsternde Mumie), um am Schluss dann – mit der Ausnahme des so genannten „Bergmonsters“ – als Gaunerei entlarvt zu werden, waren es bei TKKG eher „bodenständige Fälle“ um Diebe, Hehler, Drogendealer, Epresser und ähnliche jenseits von Recht und Ordnung stehende Individuen. Auch spielte die Serie nicht in Amerika, sondern in einer namentlich nicht näher genannten Großstadt in Deutschland. Haupthelden sind die Teenager Tarzan (später Tim), Karl, Klößchen und Gabi – daher „T K K G“ -, Schüler einer Internatsschule. Während Tarzan und Klößchen „Interne“ sind (das heißt, sie wohnen auch im Internat), sind Karl und Gabi „Externe“. Und wie es der Zufall so will, ständig laufen den Vieren irgendwelche Verbrecher über den Weg.

Anhand von TKKG und auch im Vergleich zwischen TKKG und den „Drei ???“ macht die Autorin verschiedene Klischees aus, so dass in beiden Serien (und auch in anderen Reihen) mindestens eine Hauptfigur Waise, zumindest aber Halbwaise ist. Auch die Darstellung der Charaktere, die teils überzogenen „Gutmenschen“, die ihr Verhalten nie in Frage stellen, auf der einen und die „Bösewichte“ auf der anderen Seite. Die fragwürdige Darstellung von Minderheiten kommt genauso zur Sprache wie die Frage, warum in den „Fünf Freunden“, der Serie von Enid Blyton, die ja in England spielt, ein Amerikaner Deutsch mit deutlichem englischen Akzent spricht oder warum Timmy, der Hund der „Fünf Freunde“, immer nur auf zwei Arten bellt. Auch die grundlegende Frage wird gestellt, warum Kindern wie den „Fünf Freunden“, den „Drei ???“ oder auch „TKKG“ immer so spannende Sachen passieren, und warum beispielsweise die „Drei ???“ kaum Zeit in der Schule zu verbringen scheinen.

Ich habe hier die zwei Serien aus dem Buch herausgenommen, die ich selbst seinerzeit gehört und gelesen habe und die auch die Bekanntesten sind. Aber Annette Bastian wirft auch kritische Blicke auf „Fünf Freunde“, „Hui Buh“, „Hanni und Nanni“, „Funk Füchse“, „Detektiv Kolumbus und Sohn“, „Tom und Locke“, „Captain Blitz“, „Scotland Yard“ und mehr. Zuletzt geht sie dem Phänomen selbst nach und versucht zu enträtseln, warum ausgerechnet in Deutschland die Hörspiele so erfolgreich wurden, dass beispielsweise in Amerika seit den 1980er Jahren keine Bücher mehr von den „Drei ???“ geschrieben werden, ihr Ruhm in Deutschland aber ungebrochen fortbesteht.

Das Buch ist sehr lesenswert, da man einiges über „alte Bekannte“ erfährt und auch ein paar „Macher“ zu Wort kommen (wie beispielsweise Andreas Fröhlich, Darsteller und Sprecher von Bob Andrews in den „Drei ???“, der unter anderem auch für die deutsche Synchronisation der „Herr der Ringe“-Filmtrilogie verantwortlich war und dort selbst Gollum sprach). Leider gibt es das Buch bei vielen Händlern nicht mehr, aber wie gesagt, womöglich findet man noch Einzelstücke hier und da. Denn: Kassettenkinder sind überall. Der Beweis? Wer von den geneigten Lesern kann mir die Antwort auf die folgende Losung geben?

Dunkel ist die Nacht…

Über die „Drei ???“, respektive „DIE DR3I“ gibt es eine ausführliche und sehr schön gemachte Fanseite unter www.rocky-beach.com.

Noch mehr Informationen gibt es auf der Homepage zum Buch, http://www.kassettenkinder.de/.

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Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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