Meine Begegnungen am Sumpf

Einmal war es so, dass ich plöztlich den Boden unter den Füßen zu verlieren schien. Der Grund, auf dem ich eben noch stand, verwandelte sich in eine zähe, schwarze Masse, in die ich einsank. Erschrocken blickte ich mich um und erkannte, wohin ich mich wenden musste, um zu entkommen. Beschwerlich bewegte ich mich aus der Masse, die mein Gefängnis zu werden drohte und erreichte festes Land. Jetzt sah ich mich um und erkannte, dass ich am Rande von etwas stand, das ein Tümpel zu sein schien; ein schwarzer, tiefer Sumpf. Ich gebe zu, dass ich verwirrt war, denn ich glaubte bis eben noch, auf festem Land, auf Fels gelaufen zu sein. Doch nun war da dieser Sumpf.
Während ich mich noch wunderte, kam Bewegung in die Masse vor mir und aus der Bracke erhoben sich zwei Köpfe. Ich konnte einen Schreckensschrei nicht unterdrücken, glaubte ich doch, ein zweiköpfiges Monster erhebe sich aus dem Sumpf, von solcher Hässlichkeit waren die zwei Köpfe. Doch dann kam der Körper aus dem Schwarz und ich sah, dass es zwei Körper waren. Mein Monster waren also zwei Monster, was die Situation nicht besser machte. Ihre Haut – wo man diese durch die zähe, schwarze Masse des Sumpfes, die an ihnen kleben geblieben war, sehen konnte – hatte ein seltsames Muster von grün und gelb und schien aus Schuppen zu bestehen, die Gesichter waren eine merkwürdige Parodie eines menschlichen Gesichtes, verzerrt und entstellt.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und rief: „Wer seid Ihr?“
„Neid.“
„Missgunst.“
Die Antworten waren knapp und präzise, aber nicht umso weniger erschreckend. „Was wollt Ihr von mir?“, war meine nächste Frage.
„Was hast Du den Sumpf verlassen?“, kam es zurück, ohne meine Frage wirklich zu beantworten.
„Ich hatte Angst, in den dunklen Tiefen zu versinken!“, antwortete ich dennoch, aber nicht, um meine Frage zu wiederholen: „Was wollt Ihr von mir?“
„Der Sumpf ist unser Herr. Er will nicht, dass Du gehst. Du sollst bleiben.“
„Das hat der Sumpf nicht zu bestimmen!“
Und ohne jedes weitere Wort ging ich weiter. Neid und Missgunst blieben zwar an ihrer Stelle, doch schien mir, dass sie mich genau beobachteten, während ich am Ufer des Sumpfes entlang ging, das von einem steilen Hang gebildet wurde und das Fortkommen beschwerlich machte. Stets musste ich aufpassen, dass ich nicht bei einem Fehltritt in die Schwärze stürzte. So lief ich denn weiter, bis ich an eine Stelle kam, an der ich eine merkwürdige Entdeckung machte. Da standen Menschen auf kleinen Felsen im Sumpf. Der Stein unter den Füßen eines jeweiligen war dabei kaum etwas größer als die Füße selbst und direkt daneben und drumherum die dunkle Masse. Die Menschen bewegten sich nicht und ich nahm an, das war, weil sie sonst befürchten mussten, in den Sumpf zu fallen. Ich grübelte. War mir gleiches widerfahren? Doch mein Geist gab keine Antwort. Ich wusste nicht, was genau passiert war, also rief ich die Menschen auf den Steinen an.
„Heda!“, rief ich also, „Was tut Ihr da?“
„Unsere Sache!“, keifte mich einer an, „Du verstehst davon nichts, lass uns in Ruhe und gehe Deiner Wege!“
„Aber Ihr seid in ständiger Gefahr, abzustürzen! Wollt Ihr nicht einen Sprung wagen ans Land, wo ich stehe?“
„Wir stürzen nicht ab!“, rief jener, der mir zuvor schon geantwortet hat, „Verschwinde, Du verstehst davon nichts!“
„Sprichst Du für alle?“, fragte ich zurück, „Könnt Ihr anderen denn nicht für Euch selbst sprechen?“
„Du verstehst nicht!“, brüllte da ein anderer und eine Frau rief: „Verschwinde!“
„Was ist mit Euch anderen?“, sprach ich jene an, die bis dahin stumm geblieben waren. Doch da sah ich: diese hatten keine Gesichter und keine Ohren. Sie hörten nicht, sie sahen nicht, sie sprachen nicht. Und ein Gefühl der Traurigkeit überkam mich, dass keiner mich anhören wollte, also ging ich weiter.
Nach einer kleinen Weile endlich wurde der Weg besser, denn der Hang wandelte sich in eine Ebene. Hier sah ich etwas merkwürdiges; eine Prozession von Menschen (ich nahm zu diesem Zeitpunkt nur an, dass es sich um solche handelte) in grauen Kutten mit Masken vor den Gesichtern. Diese Masken bestanden aus einer glatten Fläche, die die Umgebung wiederspiegelte. Nicht mehr. Keine Konturen, nichts. Die Prozession ging bis an den Rand des Sumpfes und ich überlegt, ob ich wohl warnen sollte, doch schon begannen die Vordersten, seltsame Bewegungen mit ihren Armen auszuführen. Das ging eine zeitlang so, bis schließlich einer von denen in die Hände klatschte und sich die Versammlung aufzulösen schien. Einige nahmen nun die Masken ab; andere nicht. Mir näherten sich eine Frau und ein Mann, die in ein angeregtes Gespräch vertieft schienen, während andere wie angewurzelt stehenblieben und nichts taten. So befremdlich war die Situation, dass ich nicht umhin kam, die Frau und den Mann anzusprechen.
„Verzeihung“, sagte ich, „welchem Ereignis durfte ich soeben beiwohnen?“
„Das Zusammentreffen einer Gemeinschaft“, sagte die Frau.
„Und was taten die Leute in der ersten Reihe?“
„Sie huldigten dem Sumpf.“
„Und Ihr nicht?“
„Wir sind wegen der Gemeinschaft hier“, sprach nun der Mann, „nicht wegen dem Sumpf.“
„Die Gemeinschaft zählt, nicht der Sumpf“, bestätigte die Frau.
„Was ist aber, wenn man von Euch auch verlangt, dass Ihr dem Sumpf huldigen sollt?“
„Wenn man es unbedingt verlangt“, versetzte die Frau geheimnisvoll, „so werden wir nach dort gehen und da bleiben.“
Sie deutete in eine Richtung, weg vom Sumpf. Dort sah ich ein Lagerfeuer, um das sich viele Menschen versammelt hatten. Ich dankte meinen Gesprächspartnern und wandte mich dahin. Die Menschen saßen auf einer Bank, die in einem Kreis das Lagerfeuer umspannte, und waren in viele Gespräche verwickelt.
„Verzeihung“, sprach ich etwas schüchtern, „ich fürchte, ich habe den Weg verloren in dieser Gegend, kann mir wohl jemand helfen?“
„Du hast den Weg nicht verloren“, entgegnete mir einer, „denn Du hast hierher gefunden. Was ist passiert?“
„Ich verstehe es nicht“, gab ich zu, „eben noch schien es mir, ich würde mich auf festem Weg befinden, und in der nächsten Sekunde stecke ich im Sumpf, und die zwei Monster Neid und Missgunst versuchen, mich zu greifen.“
Nun erhob sich einer, ein Bär von einem Mann mit tiefer Stimme, mit der er aber sanft sprach: „Wir alle entkamen dem Sumpf und wollen nicht, dass er sich nach hierher ausbreitet, denn das ist es, was Neid und Missgunst tun. Wenn wir es können, werden wir Dir helfen.“
„Kämpft Ihr denn gegen den Sumpf?“
„Nein“, sagte jener und schüttelte den Kopf, „denn was passiert, schlägst Du mit einem Stock in den Sumpf? Für eine sehr kurze Zeit bildet sich ein Loch, aber schneller als Du schauen kannst, fließen die zähen Massen wieder zusammen und das Loch ist wieder geschlossen. Wir helfen nur jenen, die sich vom Sumpf entfernen; möge mit dem geschehen, was will. Seine Energie zieht der Sumpf von denen, die er gefangen hält.“
Und in dem Moment, da er dies sagte, kehrte meine Erinnerung zurück: Auch ich war einmal in der Prozession gewesen. Doch ich verweigerte die Huldigung. Da wandelte sich der Fels unter mir in brackiges Wasser und der Sumpf wollte mich verschlingen. Ich jedoch entkam.
Entkam ich wirklich? Wie ich zurücksah zum Sumpf, da erkannte ich Neid und Missgunst an dessen Ufern, die die Fäuste hoben und mir drohten. Und Wut ergriff mich, Wut auf diesen Sumpf, den Tümpel, und der Wunsch kam ihn mir auf, die schwarze Masse in ein kleines Loch zu treiben und dieses mit einem schweren Stein zu verschließen, damit niemand mehr von ihm Schaden nehmen sollte.
Da legte der, mit dem ich zuerst gesprochen hatte, seine Hand auf meine Schulter. „Nein“, sprach er, als hätte er meine Gedanken gelesen, „wenn Du das tust, wirst Du selbst zum Sumpf. Jeder von uns trägt ihn in sich, wir mögen es nicht, wir reden nicht darüber. Aber wenn wir nicht aufpassen, bahnt er sich den Weg nach draußen. Es reicht nicht, einmal eine Entscheidung zu treffen, ob man der Dunkelheit tief drinnen nachgeben will oder nicht. Diese Entscheidung ist ständig gefragt, nicht nur einmal, nicht nur täglich, sondern bei jeder neuen Wahl, vor die einen das Leben stellt. Und je häufiger wir dem Sumpf nachgeben, desto mehr werden wir er, auch wenn wir uns selbst vormachen, nur ehrlich, direkt, oder uns selbst treu zu sein. Wir hier wollen nicht vernichten, denn wir wissen, eines Tages wird der Sumpf sich selbst vernichten.“
„Wann wird das sein?“, war meine Frage.
„Wer weiß? Ist das wichtig?“
Und ich erkannte, dass es nicht wichtig war. Und während ich Platz nahm am Lagerfeuer, einem hellen Punkt in dieser dunklen Umgebung, geschah es, dass der Vorhang zerrissen wurde und ich mich – nach einer kurzen Phase der Verwirrung – in meinem Bett inmitten zerwühlter Kissen und einer Bettdecke wiederfand.
Es war also alles nur ein Traum. Sollte ich sagen: Zum Glück?

Über Thorsten Reimnitz 833 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

2 Kommentare

  1. Hi,

    es ist schade, daß sich nur wenige Leute die Zeit nehmen, zumindest einen kurzen Kommentar zu hinterlassen. Ich für meinen Teil möchte sagen, daß mich diese Worte tief bewegt haben. Zum Teil weil ich selbst auch schon in dem einen oder anderen Sumpf steckte und zum anderen weil ich mir auch Gedanken gemacht habe, wie ich andere davor bewahren könnte. Letzten Endes ist mir aber klar geworden, daß die Zeit in den Sümpfen mich viel gelehrt hat. So ekelhaft diese braune Masse auch sein mag, soviel Potential sie auch auf nimmerwiedersehen verschluckt, genausoviel Kraft kann sie auch geben. Daß ich es immer wieder geschafft habe, mich aus dem Sog zu lösen, kein Mitläufer zu sein und mich selbst zu verwirklichen, statt den Karren zu ziehen, den andere lenken, hat mich gestärkt. Würde ich dagegen den Kampf gegen den Sumpf aufnehmen, wäre meine Kraft nutzlos verschwendet. Im Gegenteil. Die Anhänger des Sumpfes selbst würden sich gegen mich wenden und somit hätten meine Bemühungen den Sumpf noch gestärkt. Zudem würde ich mit der Vernichtung des Sumpfes allen, die darin stecken, die Möglichkeit einer eigenen Entscheidung nehmen. Sie könnten nicht wählen, ob sie im Sumpf bleiben möchten oder sich von ihm lösen wollen. Sie wären ihrer Wahl beraubt und würden möglicherweise sogar dem Sumpf hinterhertrauern, da sie aus ihm vertrieben wurden. Vielleicht bilden sie dann selber eigene Sümpfe, die noch mehr Leute in sich aufnehmen. Und wieder hätte mein Tun dem Sumpf Vorteile gebracht. Nein, die einzige Möglichkeit, die ich für mich gefunden habe, ist Gleichgültigkeit. Nicht für die Menschen aber für den Sumpf an sich. Denn wenn er vergessen wird, trocknet er irgendwann von selbst aus. Dann werden sich auch die letzten abwenden und gehen. Dieser Tag wird kein Freudentag für mich sein, denn ich werde keine Kenntnis davon haben. Nach den Sümpfen, die ich verlassen habe, habe ich mich nicht mehr umgedreht. Sie sind zwar weiterhin ein Teil von mir, weil sie mich geprägt haben und ich bin dafür auch dankbar. Aber zugleich mache ich sie dadurch zu Erinnerungen, die keine Macht mehr über mich haben. Denn es ist nicht allein das verzweifelte Klammern an den vermeintlich rettenden Strohhalm, sondern das Loslassen von Ballast, was den Unterschied ausmachen kann, zwischen dem Erreichen des Ufers und dem Versinken im Morast.

  2. Hallo Frank,
    danke für die netten Worte. Du bestätigst meine Erfahrung. Es ist eben nur traurig zu sehen, dass sich die Leute nicht einmal die Mühe machen, eine andere Position anzuhören. Erst wenn sie selbst in den Sumpf gezogen werden, werden sie sich daran erinnern. Bis dahin machen sie sich zu Werkzeugen des Sumpfs und mir fällt es schwer, mir vorzustellen, was sein wird, sollte jemand von denen irgendwann zu mir kommen und sagen wird: „Hilf mir aus dem Sumpf!“
    Werde ich dann sagen: „Als ich sie Dir anbot, wolltest Du meine Hilfe nicht. Du hast mich sogar beschimpft, wolltest überhaupt nicht hören, was ich zu sagen hatte. Und jetzt kommst Du und bittest?“
    Oder werde ich die Kraft haben zu sagen: „Natürlich helfe ich Dir!“
    Ich weiß es nicht. Womöglich werde ich der kleinen Stimme nachgeben, die nach Rache schreit für das, was man mir angetan hat. Aber bei der Rache gibt es ein Problem: Man weiß nie, wann man sich eigentlich gerächt hat. „Gerechtigkeit“ bedeutet, einen Ausgleich in einer Situation herzustellen, die in Schieflage geraten ist. Aber „Rache“ bedeutet, den anderen das spüren lassen zu wollen, das man selbst gespürt hat – und noch viel mehr! Deswegen weiß man nicht, wann sie beendet ist.
    In einer Zeitschrift habe ich einmal einen Witz gelesen, in dem sich zwei Geschwister darum streiten, dass sie beide jeweils ein gleich großes Stück Kuchen kriegen, bis die Mutter völlig entnervt das Lineal hernimmt und nachmisst. Siehe da, beide Stücke sind exakt gleich groß. Daraufhin meint die kleine Schwester: „NEIN! Ich will, das mein Stück genau gleich groß ist wie seins – nur VIEL, VIEL GRÖSSER!“ Das ist die Motivation hinter der Rache.
    Und das ist der eigene, persönliche Sumpf. Ich hoffe, ich kann ihm widerstehen.

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