Dieh doitsche Rächtschraipunk: Werft den Purchen zu Poden!

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So langsam muss ich sagen, dass mir das Lesen von Beiträgen in Foren immer weniger Spass macht. Warum? Weil man sich manchmal fragen muss, wo manche Menschen ihre Kenntnisse im Bezug auf die deutsche Schriftsprache hernehmen. Beziehungsweise, man muss es sich immer häufiger fragen.
Bevor das spitzfindige Kommentare hervorruft: Ja, auch ich bin nicht perfekt. Aber ich rede hier auch nicht von Spitzfindigkeiten und ganz besonders nicht von den Dingen, die durch die Rechtschreibreform verursacht wurden. Es geht nicht darum, ob „Dichlordiphenyltrichloräthan“ wirklich so geschrieben wird oder ob man das Anrede-„Sie“ groß oder klein schreibt (zur Information: das kann man halten, wie man will, man darf nur nicht beide Formen mischen). Es geht auch nicht um Tippfehler, die manchmal passieren. Es geht um Dinge, die ein Grundschüler eigentlich bereits gelernt hat.
In immer mehr Internet-Foren stelle ich fest, dass manche Menschen einen sehr – gelinde gesagt – „kreativen“ Umgang mit der deutschen Schriftsprache pflegen. Dehnungs-„h“s und -„e“s werden nach Gefühl eingesetzt oder weg gelassen, „ä“ wird zu „e“ (obwohl man in der korrekten Aussprache des Wortes deutlich hört, welcher Buchstabe richtig ist) und die Taste mit dem Komma scheint generell zu klemmen (um es mit Bastian Sick zu sagen: „Setze Kommas, nicht, einfach, irgendwo!“). Von Satzkonstrukten, die man dreimal durchlesen muss, um einmal zu verstehen, was der Schreiber gemeint haben könnte, mal ganz abgesehen.
Ich habe mich gefragt, woher das wohl kommen mag. Der Großteil mag der Bequemlichkeit geschuldet sein. Und da haben Textverarbeitungsprogramme ihren Teil mitzutragen. Diese verfügen nämlich über eine automatische Korrektur, schreibt man was falsch, wird es rot unterstrichen und auf Knopfdruck die richtige Form angeboten. Sowas kann faul machen, das bestätigte mir auch die Geschichte von einem Bekannten. Bei ihm ging es nicht um Rechtschreibung, sondern ums Autofahren. Dieser Bekannte ist dienstlich nämlich sehr viel mit dem Auto unterwegs und er benutzt schon seit Jahren ein Navigationssystem. Neulich erzählte er mir, dass er ohne dieses völlig verloren wäre, er würde nicht einmal mehr die Orte finden, an denen er eigentlich schon sehr häufig war. Das Navigationssystem hat ihm das Denken über die Strecke abgenommen, deswegen hat er sie sich nicht eingeprägt. Ähnlich verhält es sich mit dem Korrekturproramm. Ich muss mich nicht mit der korrekten Schreibweise auseinander setzen, wenn ich Müll schreibe, sagt mir das der Computer.
In den Foren sind die Schreiber dann auf sich allein gestellt. Und sie machen es so, wie sie es immer machen: sie schreiben drauf los. Ab durch die Mitte. Mit Karacho durch die geschlossene Tür. Egal, ob an der Tür ein „Riegel“ oder ein „Rigel“ ist…
Vielleicht hat auch die allgemeine Qualität der Ausbildung etwas damit zu tun, doch ich persönlich weiß nicht, wie weit man das gelten lassen kann. Sicherlich, an unserem deutschen Schulsystem gibt es einiges, das nicht nur verbesserungswürdig wäre, sondern ganz dringend geändert werden muss. Unser „dreispaltiges“ Schulsystem reflektiert ein längst überkommenes Gesellschaftsbild mit drei unverrückbaren Ständen (einfache Arbeiter = Hauptschule, Facharbeiter und Kaufleute = Realschule, Akademiker = Gymnasium), zwischen denen nicht gewechselt wird. Deswegen ist es auch für sozial Schwache so schwierig, einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen. Doch bei all diesen Problemen dürfen wir die Verantwortung, die wir selbst tragen, nicht von uns weisen. Schließlich ist man selber bequem – und das bestimmt nicht, weil einem die Schule das gesagt hat. Man wird einfach unaufmerksam, wie der Autofahrer, der sich eine Strecke nicht mehr einprägt, weil die Dame aus dem grauen (wahlweise schwarzen oder silbernen) Kasten einem den Weg so schön vorsagt.
Sprache ist etwas sehr schönes und auch wenn man sich darüber streiten kann, ob die beschlossene Rechtschreibreform den Namen „Reform“ wirklich verdient hat, sollten wir doch nicht zu schludrig mit ihr umgehen. Das hat sie mit Sicherheit nicht verdient. Sicher, Sprache lebt, aber Sprache braucht auch eine Norm, damit wir sicher sein können, dass der Andere das gleiche versteht wie ich. Deswegen ist jeder in der Verantwortung. Jederzeit. Und wenn wir hier etwas aufmerksamer sind, dann kommt es auch seltener zu Missverständnissen.

„Errichtet Wortschutzgebiete!“
(Stephan Kurella)



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Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

1 Kommentar

  1. Das hast Du wirklich schön geschrieben. Und mir direkt aus der rechtschreibmalträtierten Seele. Es geht nicht darum, sich als Wächter der toitschn Rächtschraipung aufzuführen, sondern in letzter Konsequenz um ein Fünkchen Respekt gegenüber den Mitlesern in z.B. einem Forum. Es ist teilweise wirklich schon extrem schwierig geworden, einen (offenbar in deutscher Sprache beabsichtigten) Beitrag zu verstehen.

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