"Auf den Spuren von Tim und Struppi" von Michael Farr

Wenn man mich nach Kindheitshelden fragen würde, kämen mir einige in den Sinn. Mit Sicherheit jedoch würden Tim und Struppi dazu gehören. Die spannenden Abenteuer verschafften mir nicht nur Kurzweil, sondern sie halfen mir auch über so manche Krankheit hinweg. Ein Album, das ich auch meiner Kinderzeit noch habe, hat sogar noch Blutspuren – in der Zeit habe ich meine Milchzähne verloren.
Die Geschichten, deren Originaltitel nur eine der Hauptfiguren erwähnt, nämlich „Tintin“ (Tim), berichten von den Abenteuern eines Reporters. Während in den ersten Alben dann auch Tims Recherchen für Reportagen zu dessen Abenteuern führen, klopft in den späteren Werken das Abenteuer selbst an die Tür. Womit sich Tim hier den Lebensunterhalt verdient, wird nicht ausgeführt, aber vielleicht schreibt er ja immer noch eine Kolumne. Das erste Abenteuer „Tim bei den Sowjets“ begann am 10. Januar 1929 in der Zeitschrift „Le Petit Vingtième“, einer Beilage für Kinder zur belgischen Tageszeitung „Le XXe Siècle“ (Deutsch: „Das 20. Jahrhundert“). Tim wurde so erfolgreich, dass noch 23 Abenteuer folgten, bevor die Karriere des Reporters am 3. März 1983 mit dem Tod ihres Erfinders ein jähes Ende fand und ein unvollendetes Abenteuer zurückließ: „Tim und die Alpha-Kunst“ (Original: „Tintin et l’Alph-Art“).
Der Erfinder, Georges Prosper Remi, Künstlername „Hergé“ (der französischen Sprechweise seiner umgedrehten Initialen „R.G.“ nachempfunden), wurde am 22. Mai 1907 in Etterbeek bei Brüssel geboren und wäre damit in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Mit seiner Arbeit beeinflusste er den europäischen Comic-Stil wie kein Zweiter. Sein Ruhm ging so weit, dass eine belgische Tageszeitung zu Ehren von ihm und seinem Werk zu einem Jahrestag der Tim-Abenteuer in der ganzen Ausgabe kein einziges Photo veröffentliche, sondern ausnahmslos alle Artikel mit Bildern aus den Tim-und-Struppi-Alben versah.
In seinem Buch „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ geht Michael Farr der „Lebensgeschichte“ des Comic-Helden nach. Dabei erfährt man nicht nur, welche Impulse Hergé zu den einzelnen Abenteuern inspirierten, sondern auch einige der nicht so angenehmen Seiten, die Verdächtigungen nach dem 2. Weltkrieg, er sei ein Kollaborateur gewesen oder seine Zusammenbrüche, weil der Stress zu viel wurde. Manches fällt einem erst auf, wenn ein Album in den entsprechenden Kontext gestellt wird, so zum Beispiel, dass „König Ottokars Zepter“ in seiner Handlung die Invasion von Nazi-Deutschland in Polen vorwegnahm. Es wird dabei auch klar, warum Hergé schon früh dazu überging, solche kritischen Handlungen in imaginäre Länder zu verlegen: Syldavien und Bordurien (wie in „König Ottokars Zepter“), Sondonesien (wie in „Flug 714 nach Sidney“) oder San Theodorus (wie in „Der Arumbaya-Fetisch“ und „Tim und die Picaros“).
Auch bekommt man einen Eindruck davon, wie Hergé selbst beim Erstellen der Geschichten dazulernte. Von einem Menschen, der im Belgien der Kolonialzeit aufgewachsen war, musste er entdecken, dass die Europäer dem Rest der Welt nicht so überlegen waren, wie sie immer dachten. Das führte beispielsweise dazu, dass er in „Der Blaue Lotos“ eine pro-chinesische Haltung einnahmen, gegen die Japaner, die zu der Zeit (1934) eine Invasion der Mandschurei, einem Teil Chinas, durchführten. Während Europa, sofern es sich überhaupt für die Ereignisse so weit weg von zu Hause interessierte, eine Haltung Pro-Japan einnahm, führte Hergés Freundschaft zu dem Chinesen Tschang Tschong-Jen dazu, dass dieser einen anderen Blickwinkel bekam und Japans imperialistische Bestrebungen in seinem Comic aufdeckte. Tatsächlich protestierten japanische Diplomaten bei der belgischen Regierung in Brüssel gegen diese Darstellung, aber davon ließ sich der Autor nicht beeindrucken. Später gab er in einem Interview zu, bevor er Tschang Tschong-Jen kennengelernt hatte, sei China für ihn „von gesichtslosen Völkerschaften bewohnt“, das seien „schlitzäugige, grausame Leute“ gewesen. Seine Vorurteile entsprachen dabei dem Bild, das Europa zu der Zeit von Asien hatte – und er war fähig, sie abzubauen und zu lernen, was eine Bereicherung seiner Arbeit darstellte.
Auch wie Hergé mit Krisen umging, wird berichtet, etwa als er in den 1950er Jahren so vom Stress übermannt wurde, dass er Alpträume von großen, weißen Flächen hatte und ihm ein Arzt schon riet, er solle das Comic-Zeichnen aufgeben. Er tat es nicht, sondern wandelte seine Alpträume in ein beeindruckendes Werk um: „Tim in Tibet“.
So wird jedes Album gewürdigt, bis hin zur „Alpha-Kunst“, das leider unvollendet blieb und nur als Sammlung von Skizzen veröffentlicht wurde, da Hergé in seinem Testament verfügt hatte, dass nach seinem Tod niemand Tims Abenteuer fortführen sollte. Der Beliebtheit der Figur hat das keinen Abbruch getan, eher im Gegenteil, die Qualität blieb dadurch erhalten und wurde nicht von völlig anderen Vorstellungen eventueller „Nachfolger“ verwässert. Schade ist es nur, denn der Tod des Zeichers lässt Tim in einer sehr prekären Situation zurück und wir erfahren nicht, ob und wie er dieser entkommt.
Wer also – so wie ich – die Tim-und-Struppi-Alben immer wieder gern zur Hand nimmt, dem sei dieses Buch empfohlen, es hilft einem, die Geschichten noch einmal mit völlig anderen Augen zu sehen.

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Über Thorsten Reimnitz 833 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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