2057 – Unser Leben in der Zukunft

„Du wirst mit einem Roboter eine Familie gründen.“
„Du wirst mit dem Fahrstuhl zu den Sternen reisen.“
„Du wirst Sicherheitskopien Deiner wichtigsten Organe besitzen.“

Soweit die Werbung. Nein, es geht nicht um eine neue Versicherungsform, sondern um eine dreiteilige Dokumentarreihe des ZDF mit dem Titel „2057 – Unser Leben in der Zukunft“. Der erste Teil, „Der Mensch„, lief am letzten Sonntag. Und hinterließ einen schalen Nachgeschmack.

Moderiert wird die Dokumentation von Frank Schätzing, dem Schriftsteller. Und da beginnt es. Schätzing präsentiert die „schöne neue Welt“ sehr unreflektiert. Kurz zur Handlung dieser Episode: der Arzt Alain Degas will morgens zu seiner Arbeit. Als sein automatisches Badezimmer Alkohol in seinem Atem feststellt, verlangt es, der Arzt solle in die Toilette urinieren. Grund: in der Toilette wird der Urin auf seine Bestandteile untersucht und das Ergebnis an die Krankenkasse weitergeleitet. Doch Degas schummelt, er hat Becher mit alten Urinproben im Schrank stehen und kippt einen von denen in die Toilette. Doch als er kurz darauf über einen Reiniungsroboter stolpert, aus dem Fenster stürzt und mit einem Polytrauma ins Krankenhaus kommt, fällt die Diskrepanz zwischen der Urinprobe im Bad und einer neuen im Krankenhaus auf. Die Folge: der Doktor bekommt seinen Versicherungsschutz gestrichen und wird in die „unterste Klasse“ der Medizin verfrachtet, einer menschenunwürdigen Aufbewahr-Anstalt.

Die Handlung wird immer wieder unterbrochen, da dem Zuschauer erklärt wird, wie man darauf kommt, dass das Leben in 50 Jahren so aussehen könnte. So wird die „intelligente Kleidung“ (über die ich mich in einem meiner Romane schon ausgelassen habe) vorgestellt, deren Vorläufer es heute schon gibt, oder Drucker, die lebendes Gewebe ausdrucken können.

Leider stellt Schätzing nur ein einziges Mal die Frage nach dem moralischen Hintergrund, nämlich als es ums Klonen geht. Ansonsten wird uns völlig unkritisch eine Zukunft präsentiert, die mich persönlich ehrlich gesagt eher erschreckt hat und die ich so nicht erleben möchte. So wird im Film kurz angesprochen, dass Doktor Degas die Hälfte (!!) seines Gehaltes dafür aufwenden muss, Krankenkassenbeiträge zu zahlen. Dafür ist er in der so genannten „Platin-Klasse“. Wer sich das nicht leisten kann… tja, Pech gehabt. Als Degas der Versicherungsschutz entzogen wird, erlebt er für eine Nacht, wie es sich „am unteren Rand“ der Gesellschaft lebt: ein gekachelter Raum, in dem so ungefähr zehn bis zwanzig Krankenbetten dicht an dicht stehen. Wie ich es oben schon formulierte: eine Aufbewahr-Anstalt. Die bereits angesetzte Herzoperation, die Degas hätte kriegen sollen, wurde abgesagt. Und niemand stellte die Frage, ob das erstrebenswert ist. Ich war entsetzt. Ein Mensch, der ein Tier so einpfercht, wird wegen Tierquälerei bestraft.

Besonders zynisch erscheint mir in dem Zusammenhang eine Radiowerbung für diese Sendung, die ich am selben Tag noch gehört habe: eine weibliche Stimme, die meint, man solle sich keine Sorgen machen, denn „ich werde für Dich sorgen – ich, Deine Zukunft!“ Einen Dreck wird die Zukunft tun, jedenfalls wenn es nach dieser Vision geht. Versorgt ist nur, wer das Geld dazu hat. Alle anderen können sehen, wo sie bleiben. Und die Krankenkassen haben eine Allmacht, die nicht nur an George Orwell erinnert, nein, er wird sogar noch übertroffen, denn so schlimm hat er sich das selbst nicht mal ausgedacht. Ständig wird man überwacht, wie man lebt, was man isst (oder ob man zu viel Alkohol trinkt), und dann wird der Versicherungsbeitrag entsprechend angepasst. Und das Schlimmste: die Krankenkasse musste Degas‘ Manipulation nicht mal nachweisen, es reichte, dass der Computer eine „80%ige Wahrscheinlichkeit“ einer Manipulation errechnete, um ihm den Versicherungsschutz KOMPLETT zu entziehen. Eine einzelne vermutete Manipulation – und es folgt die Höchststrafe. So werden vor Gericht nicht mal Mörder behandelt (wie oft wird wirklich die Höchststrafe verhängt – und wie oft wird sie auch wirklich durchgezogen?).

Die Vision erinnert in einem erschreckenden Maße an MAX HEADROOM, einer Fernsehserie über die Macht und die Entwicklung des Fernsehens. Zwar war hier nicht Krankenkassenbetrug, sondern Kreditbetrug das schwerste Verbrechen, aber es ähnelt sich alles doch sehr. Wollen wir so eine Zukunft wirklich?

In meinem Beruf sieht man alle Schichten des Lebens und alle Schichten der Gesellschaft. Die Schere geht schon weit genug auseinander. Und die Zukunft ist schließlich für alle da, nicht nur für die Reichen. Anderenfalls würde diese Zukunft nämlich einen gefährlichen Zündstoff bergen, der unter Umständen in einem Bürgerkrieg münden könnte, dann nämlich, wenn die „Unterpriviligierten“ sich gegen die, die alles haben und alles kriegen, auflehnen.

Aber das wäre dann schon eine Handlung für eine neue Dokumentation: „2058 – Unser Sterben in der Zukunft“.

Wir haben es in der Hand, denn die Grundsteine für die Zukunft legen wir. Ich möchte diese Zukunft so niemandem zumuten, nicht mir (ich bin dann 87 Jahre alt und auf ärztliche Unterstützung vermutlich angewiesen), nicht meiner Familie oder meinen Freunden – und erst recht nicht meinen Kindern. Den Nutzen zu mehren, die Gefahren vermeiden, das sollte das Credo für die Zukunft sein.

Und so eine Zukunft würde mir keine Angst machen.

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  1. STAR COMMAND » Krankenkassen und Überwachung: 2057 kommt schneller als gedacht…

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