Wenn Politiker irren: Rente und Kinder

Werbung

Gerade in diesen Tagen ist die Diskussion um die Rente wieder aktuell aufgeflammt durch verschiedene Dokumentationen sowie einen Film, dessen erster Teil gestern im ZDF lief: „2030 – Aufstand der Alten“.

Angetrieben von solchen und ähnlichen pessimistischen Zukunftsvisionen geraten Politiker immer wieder in die Versuchung, Schnellschüsse zu produzieren. Glaubt man den Politikern, so sind an der drohenden „Rentenmisere“ (furchtbares Wort) nur die schuld, die keine Kinder kriegen. Menschen die keine Kinder kriegen, sind egoistisch und haben keinen Sinn für die Gemeinschaft. Es wäre nur gerecht, von diesen höhere Rentenbeiträge zu verlangen.

Ach ja, wäre es das?

Bevor ich darauf eingehe, muss ich etwas Grundsätzliches klarstellen: Ich persönlich finde es pervers, wenn Politiker sich einerseits eine „Familienpolitik“ auf die Fahnen schreiben, aber andererseits in den Kindern nur „Rentenbeitragszahler der Zukunft“ sehen. Genau darauf läuft diese Diskussion nämlich heraus. Deswegen bitte nicht entsetzt sein, wenn die nächsten Zeilen sehr entmenschlicht klingen, ich komme noch darauf zurück.

Also, wenn man keine Kinder hat, soll man höhere Rentenbeiträge zahlen und das ist gerecht? Aus der Sicht der Menschen, die eine Familie gründen und Kinder haben, sicher nicht. Um einen echten „Anreiz“ zu schaffen, statt höherer Rentenbeiträge doch Kinder zu kriegen, müssten die Beiträge nämlich wesentlich steigen, so dass die Steigerung durchaus 200 bis 300 Euro im Monat ausmachen würde.

Aus der Sicht der Kinderlosen wäre es aber auch nicht gerecht, denn wie es bei Politikern üblich ist, vereinfachen sie gerne komplexe Vorgänge, damit diese zu ihren einfachen Lösungen passen. Denn es sind nicht alle Kinderlosen egoistische Einzelgänger, die einfach keine Kinder kriegen wollen. Müssen da nicht gerechterweise Ausnahmeregeln geschaffen werden? Warum kriegen Menschen heutzutage keine Kinder?

1. Ich will nicht!
Natürlich gibt es die Menschen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden. Und natürlich gibt es auch diejenigen, die ihr Einzeldasein genießen und mitleidig den Kopf schütteln, wenn sie im Supermarkt eine Mutter mit zwei Kindern sehen, von denen das eine gerade das Süßigkeiten-Regal ausräumt, während das andere laut losheult. Oder die sich darüber freuen, dass sie von ihrem sauer verdienten Geld nicht Windeln, Kinderkleidung, Babynahrung und Spielsachen kaufen müssen. Ja, es gibt sogar Menschen, die sich nicht einmal dem „Stress“ einer Beziehung hingeben wollen und freiwillig bis an ihr Lebensende allein bleiben. Aber diese dürften in der Minderheit sein, denn es gibt noch viele andere Gründe.
Es gibt auch Menschen, die beschlossen haben, dass sie keine Kinder in „diese feindliche Welt“ setzen wollen. Und sie scheinen Recht zu behalten, wenn man in Deutschland zwar auf der einen Seite nach Kindern als Rentenbeitragszahlern schreit, auf der anderen Seite das Land aber ganz und gar nicht kinderfreundlich ist. Eine Mutter mit mehr als drei oder vier Kindern wird immer noch schief angesehen – wenn sie sich nicht gar anhören muss, dass es heutzutage doch die „Pille“ gäbe und „sowas“ doch nicht mehr sein muss. Oder zum Beispiel die Umwelt, gerade wenn Politikern Umwelt- und Klimaschutz am Allerwertesten vorbeizugehen scheint, weil sie aus purer Parteiräson und nicht aus Vernunft handeln und wir nicht wissen, in was für eine Zukunft wir eigentlich steuern. Diese Motive sind zumindest verständlich, auch wenn ich persönlich sie nicht teile (ich bin halt Optimist).

2. Das geht finanziell nicht.
Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, in manchen Bereichen haben wir schon amerikanische Zustände erreicht. Zum Beispiel dann, wenn jemand zum Leben zwei Jobs machen muss. Oder wenn jemand am Monatsende von seinem Gehalt nichts mehr übrig hat. So jemand kann einfach nicht noch Kinder mitversorgen. Würden die Rentenbeiträge eines solchen Menschen angehoben, hätte er die Wahl zwischen Pest und Cholera: entweder Kinder kriegen, die ja trotzdem Geld kosten, oder zähneknirschend den höheren Beitrag zahlen. Leisten kann sich so jemand theoretisch beides nicht. Vor allem dann nicht, wenn ein Paar darauf angewiesen ist, dass beide Partner Geld verdienen.

3. Ich finde keinen Partner.
Derzeit erleben wir einen Boom von so genannten „Partnerportalen“ im Internet. Was sagt uns das? Ein Großteil der Menschen, die heutzutage Singles sind, ist dies offenbar nicht freiwillig. Manche dieser Menschen sind sehr verzweifelt auf der Suche und je hoffnungsloser die Suche wird, desto verzweifelter werden diese Menschen. Und dann werden sie auch noch als „Kinderverweigerer“ abgestempelt und zur Kasse gebeten. Man erzählt ihnen, wie bequem sie es doch hätten ohne Kinder, dabei hätten sie vielleicht nichts lieber als eine eigene Familie.

4. Mein Partner will nicht – ich schon.
Eine prekäre Situation, die durchaus eine Partnerschaft sprengen kann. Einer der beiden will Kinder, der andere nicht. Es gibt genügend Paare, die sich arrangieren und dann einer von beiden zurücksteckt. Aber ist es dann gerecht, den Partner, der seinen Kinderwunsch zurückstellt, auch noch mit höheren Rentenbeiträgen zu bestrafen?

5. Wir haben es versucht, aber…
Der Alptraum eines Paares, das gerne Kinder haben möchte: Es geht nicht, weil einer von beiden biologisch dazu nicht in der Lage ist. Nun gibt es verschiedene Methoden, aber die sind nicht so ganz einfach, wie sich der Laie das vielleicht vorstellt. Da wäre zum einen die künstliche Befruchtung. Die ist nicht ganz einfach, es bedeutet, dass die Frau unter Hormone gesetzt wird, um möglichst viele reife Eizellen zu „produzieren“, die dann im Labor befruchtet und der Frau eingesetzt werden. Damit ist nicht gesagt, dass diese Eizellen dann auch wachsen. Und die Krankenkassen zahlen irgendwann nicht mehr, wenn eine bestimmte Anzahl von „Befruchtungsversuchen“ nicht funktioniert hat.
Adoption, zumindest innerhalb von Deutschland, ist ein rentenpolitisches Nullsummenspiel. Warum? Weil es darum geht, neue Beitragszahler für das System zu finden. Ein Kind, das in Deutschland bereits in einem Heim lebt, wird sowieso Beitragszahler, egal ob es adoptiert wird oder bis zur Volljährigkeit im Heim bleibt. Und Auslands-Adoptionen können sich nicht alle leisten.

Wie soll das also praktisch aussehen mit dieser Beitrags-Erhöhung? Pauschal für alle, die keine Kinder haben, wäre ungerecht, denn was mit denen, die wollen, aber nicht können? Also müssen Ausnahmeregeln her. Wie sollen die gestaltet werden? Es müsste ein weiteres bürokratisches Monster geschaffen werden (von denen wir in Deutschland wahrlich genug haben). Menschen, die unfruchtbar sind, müssten ein ärztliches Attest bringen und sich der Peinlichkeit hingeben, vor irgendeinem Sachbearbeiter über ein sehr privates Problem zu reden (das diesen Menschen – mit Verlaub – nichts angeht).
Und die, die keinen Partner finden, müssten die in regelmäßigen Abständen beim Amt vorstellig werden und nachweisen, dass sie immer noch keinen Partner gefunden haben? Müssen sie über ein „Bonus-Heft“ nachweisen, dass sie es ernsthaft versucht haben, aber abgeblitzt sind? Das gäbe beim ersten Rendezvous eine merkwürdige Situation, wenn einer von beiden auf einmal sein Heft auspackt und fragt: „Bestätigst Du mir bitte, dass ich versucht habe, Dich anzubaggern, Du mich aber hast abblitzen lassen?“ Müsste es dann nicht sowas wie eine staatliche „Verkupplungs-Agentur“ geben, äquivalent zur „Agentur für Arbeit“, die einem verschiedene Partner vorschlägt; und wenn man drei Partner hintereinander abgelehnt hat, muss man trotzdem den erhöhten Beitrag zahlen?
Und wie ist das mit denen, die in einer Partnerschaft leben, selber Kinder haben wollen, aber der Partner nicht? Müssen die dann eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass sie den Willen besitzen, Kinder zu kriegen, es aber am Partner scheitert? Werden sie also gezwungen, den Partner anzuschwärzen, um selbst um die erhöhten Beiträge herumzukommen? Und wie wird da der Nachweis geführt? Mal ganz davon abgesehen, dass das einigen Zündstoff in sich birgt, der die Partnerschaft zerstören kann.
Nun kann man das ganze weiter auf die Spitze treiben, denn: ein Kind bringt für die Rentenkasse gar nichts! Es geht ja nicht nur um Kinder, es geht darum, dass die Alterspyramide wieder eine Basis kriegt, sprich: dass es mehr Junge als Alte gibt. Also müsste man diese Beitragserhöhung sogar staffeln. Einen Nutzen für die Rentenkasse erbringt man erst, wenn mindestens zwei Kinder pro Erwachsener da sind. Da in einer Partnerschaft in der Regel zwei Erwachsene sind, darf die Erhöhung erst ab vier Kindern ganz wegfallen. Dann hat das Paar zumindest für die eigene Rente ein Mindestmaß an Beitragszahlern in die Welt gesetzt. Allerdings wäre es besser, wenn es mindestens drei Kinder pro Erwachsenen wären, also müsste die Grenze, aber der man keine Erhöhung mehr zahlen muss, bei sechs Kindern liegen.

Wir sehen die Verschlingung und die unzulässige Vereinfachung durch die Politiker. Die Politiker verlangen auf der einen Seite „moderate“ Lohnsteigerungen, damit der Aufschwung nicht kaputt geht. Aber auf diese Weise wird die Frage „Kinder oder keine Kinder“ immer mehr von den finanziellen Möglichkeiten bestimmt. Wenn ein Paar es sich nicht leisten kann, dass ein Gehalt auf einmal wegfällt, weil Miete, Nebenkosten, Essen und so weiter ja trotzdem gezahlt werden müssen, kann eine Ersparnis bei Rentenbeiträgen nicht viel ausrichten. Im Gegenteil, so hoch kann die Ersparnis gar nicht sein.

Ein weiterer Denkfehler ist der, dass die Kinder einfach nur da sein müssten, damit es dem Rentensystem besser geht. Denn es reicht nicht, einfach nur „da“ zu sein, diese Kinder müsste ja als Erwachsene auch erst einmal Arbeit finden, damit sie überhaupt in die Rentenkasse einzahlen. Es muss also so ganz nebenbei sichergestellt sein, dass die vielen potentiellen Beitragszahler auch eine Chance kriegen, überhaupt ihren Beitrag zu zahlen.

Und ganz zum Schluss das Wichtigste: Wer diesen Artikel aufmerksam durchliest, wird festgestellt haben, dass ich über Kinder auf eine ziemlich unmenschliche Weise rede, nämlich nur als „potentielle Beitragszahler“. Genau auf dieses Niveau haben die Politiker die Diskussion aber mit dem Vorschlag des erhöhten Beitrags gebracht – es geht nur noch ums Geld. Das kann und darf nicht der Grund sein, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden. Es sind doch immer noch Menschen! Es ist falsch, finanziellen Druck auszuüben, es ist besser, Bedingungen zu schaffen, die das Leben bejahen. Und damit kommen wir wieder zu den komplexen Bedingungen, denn der Politik muss es gelingen, nicht nur finanzielle Sicherheit für Familien zu schaffen, sondern auch Bedingungen für eine lebenswerte Umwelt.

Alles hängt irgendwie zusammen – auch Umweltschutz und Rentenpolitik. Man muss das große Ganze sehen und es den Bürgern auch zutrauen, dass sie in der Lage sind, das große Ganze zu sehen.

Im Moment werden die Bürger von den Politikern mit einfachen Lösungen abgespeist, fast, als würde man die Menschen in diesem, unserem Lande für Idioten halten.

Sie sind es nicht. Und das gibt mir Hoffnung.

Werbung
Über Thorsten Reimnitz 844 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*