Brieffreundschaft – ein Anachronismus?

Das Wort „Anachronismus“ bedeutet wörtlich, dass etwas „gegen die Zeit“ ist. Verwendet wird es heute als Ausdruck für „nicht mehr zeitgemäß“ ist. Es ist schnell bei der Hand, wenn man jemand als „Ewiggestrigen“ abstempeln will, als hoffnungslosen Romantiker, der einer Zeit nachhängt, die es nicht mehr gibt und vermutlich so, wie er sie sich ausmalt, auch nie gegeben hat. Und im Zeitalter von Mobiltelefonen, Internet und eMail scheint die Freundschaft per Brief ein solcher Anachronismus zu sein.

Ein Brief erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. Man muss Briefpapier besorgen, Briefumschläge, dann per Hand mit einem Stift (ohne die so nützliche „Delete“-Taste des Computer) einen Text verfassen. Dann muss der Umschlag noch frankiert und in den Briefkasten geworfen werden. Das ist alles sehr aufwändig. Vor allem, wo es doch so praktische Erfindungen gibt.

Per SMS schreibt man einfach sowas wie „Hi how r u doing? hope ur well n full of joy. whats d good new4u? just want 2 c u nxt weekend.“ und alles ist gesagt.

Auch die eMail scheint Punkt, Komma und Großschreibung sogar in der deutschen Sprache so langsam abzuschaffen.

Aber dann ist da die andere Seite – ein Brief hat in meinen Augen Seele, denn er ist – eben weil man sich sehr viel mehr mit ihm beschäftigen muss – ein ganz persönliches Stück von einem anderen Menschen. So bekommen wir nicht einfach nur nüchterne (und bisweilen stark abgekürzte) Worte, sondern ein Stück Leben vermittelt. Leben von einem anderen Menschen irgendwo auf diesem Planeten.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen für das „altmodische“, anachronistische Briefschreiben. Ich komme darauf, weil eines der Jubiläen, die nächstes Jahr kommen, die Freundschaft zu meiner amerikanischen Brieffreundin betrifft, denn dann schreiben wir uns seit 20 Jahren. Wir sind zusammen durch verschiedene Phasen unser beiden Leben gegangen und auch die Ereignisse um und nach dem 11. September 2001 – und wir schreiben uns immer noch regelmäßig. Sie und die anderen Brieffreundschaften haben mein Leben wirklich bereichert. Und da ist es immer wieder etwas ganz besonderes, einen Brief zu erhalten, von dem man weiß, dass der andere ihn in Händen gehalten hat. Bei einer eMail wird der „Schöpfungsprozess“ so abstrakt durch die Datenübertragung, dass man sich da schwer hineindenken kann. Aber sich vorzustellen, dass der Brief noch vor einigen Tagen von einer anderen Person geschrieben wurde, das funktioniert, weil man ihn anfassen kann. Weil man die Tinte auf dem Papier sieht. Weil das Papier unregelmäßig gefaltet ist. Vielleicht hat es sogar einen Duft an sich.

Über das Leben in anderen Kulturen bekommt man so sehr viel direkter etwas mit. Klar, man kann sich im Internet informieren oder sieht Nachrichten im Fernsehen, aber meistens geht es dabei um „wichtige“ Leute, Politiker und dergleichen. Aber wie sieht ein „gewöhnlicher“ Mensch die Lage in seinem Land, seiner Region? Oder gibt es vielleicht sogar Dinge, die man über die Medien gar nicht mitkriegt.

Umgekehrt wird man dazu gezwungen, selbst über sich und seine Kultur zu reflektieren. Wenn man einem anderen erklärt, warum es in unserem Land dieses oder jenes gibt oder welche Traditionen, so muss man sich eingehend mit ihnen beschäftigen und sie so erklären, dass jemand, der sowas nicht kennt, es auch versteht. Es ist ein doppelseitiger Lernprozess, und das sogar in beide Richtungen. Und zu lernen sollten wir doch nie aufhören. Nur auf diese Weise können Vorurteile beseitigt werden – oder man kann zumindest verstehen, woher manche Dinge, die wir als Klischee kennen, eigentlich stammen (wie z. B. das Klischee, dass alle Schotten geizig seien). Und letztlich ist es das, was wir brauchen, um auf diesem Planeten endlich in Frieden leben zu können: von anderen lernen und sie verstehen.

Ich hoffe, ich konnte einige der Leute, die dies hier lesen, neugierig machen darauf, es selbst einmal zu versuchen. Und ich möchte auch eine Empfehlung für jene geben: ich habe sehr gute Erfahrungen mit den INTERNATIONAL PENFRIENDS gemacht. Diese Organisation mit Sitz in Australien wurde aus genau den gleichen Motiven gegründet: die Verständigung zwischen den Menschen zu vereinfachen.

Die deutsche Seite mit der Möglichkeit, sich für Brieffreundschafts-Vermittlung anzumelden, findet sich hier: IPF Deutschland. Es finden sich dort auch weitere Informationen sowie Erlebnisberichte. Und wenn jemand in diesem Blogeintrag einen Kommentar anbringen möchte über eigene Erfahrungen mit internationalen Brieffreunden (egal, wie diese Kontakt zustande kamen), würde mich das freuen.

In diesem Sinne: PAX TERRA!

Über Thorsten Reimnitz 833 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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