Höflichkeit gegenüber dem Künstler

Manche Menschen wissen, dass ich ein regelmässiger Besucher des EUROPA-PARKs bin. So wie auch gestern wieder, als der Park von 9.00 bis 24.00 Uhr geöffnet hatte. Es war ein toller, wenngleich auch ermüdender Tag (und das Chaos am Parkplatz bei der Ausfahrt wollen wir hier mal außer Acht lassen). Allerdings ist mir etwas anderes aufgefallen.

In der Spanischen Arena des Parks findet dieses Jahr eine Gladiatoren-Show statt: „Spartakus – Eine Heldenstory“. Ich habe dabei Menschen gesehen, die im gestreckten Gallop ihres Pferdes sich aus dem Sattel schwangen, mit den Füßen kurz den Boden berührten und sich über den Rücken des Pferdes hinweg auf die andere Seite stießen. Andere droschen mit Metallwaffen aufeinander ein, wurden in den Sand der Arena geworfen oder gegen Wände geschleudert. Eine Darstellerin hat sich den Unterarm blutig geschrammt. Und der Darsteller des Hauptbösewichts „Crassus“ wurde am Ende der Aufführung hinter einem Streitwagen her durch den Sand gezerrt.

Eine ehrliche Frage an jene, die diese Zeilen lesen: Wer hätte eine oder gar mehrere dieser Sachen auch vollbringen können?

Nun, der Schreiber dieser Zeilen hätte jedenfalls nichts davon tun können (gut, sagen wir, ich hätte es versuchen können, allerdings nicht, ohne mich schwer zu verletzen). Deswegen sollte man diesen Menschen, die das tun, auch eine gewisse Anerkennung zollen. Sicher, sie kriegen Geld dafür, dass sie das machen, aber wie sagt man so schön? „Der Lohn des Künstlers ist der Applaus.“ Bei diesen Shows ist es üblich, dass die Darsteller am Ende vorgestellt werden. Nicht alle einzeln, aber sagen wir mal, die wichtigsten. Jedenfalls ist das der rechte Zeitpunkt, um nochmal seiner Begeisterung über die Show Ausdruck zu verleihen.

Als ich gestern in der Show saß und die Vorstellung vorbei war, setzte jedoch das ein, was ich schon häufiger erlebt habe: Kaum hatte der Sprecher den Satz „Sie sahen eine Show…“ angefangen, als einige Menschen wie von der Tarantel gestochen von ihren Sitzen aufsprangen und versuchten, in Richtung Ausgang zu strömen. Sie wollten, wie sich herausstellte, weiter zum nächsten „Event“, dem großen Feuerwerk. Die Ordner der Arena versuchten, die Leute zurück zu halten und versicherten, das Feuerwerk werde nicht anfangen, bevor die Show beendet sei und die Leute Zeit gehabt hätten, sich zu versammeln (das war dann auch so, ich selbst bin nach der Vorstellung aller Darsteller gemütlich zur Aktionsfläche gelaufen, dann ging es noch so 5 bis 10 Minuten, bevor das Feuerwerk anfing). Viele Leute, die schon aufgestanden waren, hielt das allerdings nicht zurück.

Man sieht das Phänomen in vielen Vorstellungen der unterschiedlichen Shows des Parks, kaum gibt es ein Anzeichen dafür, dass die Show vorbei sein könnte, schon springen die Leute auf und rennen raus. Nun könnte man sagen, allein die Höflichkeit gegenüber dem Künstler gebietet es, seine Leistung mit Applaus zu honorieren. Aber man bekommt ja auch etwas gutes zu sehen. Ich persönlich habe eigentlich alle Shows schon gesehen, aber ich bin jedes Mal wieder neu begeistert davon, was ich zu sehen bekomme. Ich lache auch jedes Mal, wenn ich Husch-Ma-Husch (schreibt man diesen Namen so?) auf der Bühne erlebe, wenn dieser ohne Worte, aber mit einer Menge Gesten und Geräusche seine Nummer macht. Und nicht nur er, alle diese Leute machen das mindestens drei Mal pro Tag. Ist es da so schwierig, ihnen fünf Minuten der eigenen Zeit zu schenken und sie wissen zu lassen, dass sie gute Arbeit machen?

Wir können uns nun wieder auf den so genannten „Zeitgeist“ herausreden: Die Zeit ist hektisch geworden. Man hat Eintritt für den Europa-Park gezahlt und will dafür möglichst viel „mitnehmen“. Schlimm genug, dass es Attraktionen gibt, an denen man warten muss. Verschwendete Zeit. Die muss man halt wieder reinholen. Also, Vorstellung fertig – ssst! Weiter zur nächsten Attraktion. Richtig? Falsch – denn in diesem Fall ist die Hektik zum grössten Teil, wenn nicht sogar ganz selbst gemacht. Und diese Menschen, die ihre Fähigkeiten demonstrieren, um uns etwas Kurzweil zu verschaffen, können da wahrlich nichts dafür. Sie haben es verdient, dass man sie mit Applaus beschenkt. Wie ich schon sagt, sicher erhalten sie dafür ihr Gehalt, aber der Applaus macht das etwas persönlicher. Das ist sowas wie „Trinkgeld für die Seele“. Denn wenn Sie den Eintritt in den Park bezahlen, wissen Sie nicht, welcher Künstler davon wieviel kriegt. Das ist sehr abstrakt. Applaus (und natürlich Jubeln und Trampeln), das ist persönlich.

Es spiegelt ein wenig den Umgang wieder, der an vielen Orten herrscht, dass gern gesagt wird: „Ich brauche mich nicht zu bedanken, der Kerl wird dafür bezahlt, dass er das macht.“ Richtig, aber wenn man weiß, dass die eigene Arbeit von jemand anderem geschätzt wird, bereitet sie einem noch mehr Freude. Es ist ein Teil der unheilvollen Entwicklung, die gerade einsetzt und die lautet: „Ist doch egal, was Du machst, Du kriegst ja Geld dafür.“ Nein, ist es nicht. Wahrscheinlich wird es einige Zeit brauchen, bis man den Irrtum in dieser Entwicklung einsieht und das große Heulen und Zähneklappern einsetzt. Dann soll ja keiner sagen, ich hätte niemanden gewarnt!

Also, lieber Zuschauer, gönne dem Künstler seinen Applaus. Es braucht gar nicht viel, nur etwas Zeit und zwei Hände, die rhythmisch aufeinander treffen. Das sollte der Spaß doch wert sein, oder?

Fantasy Shirts im Elbenwald

Über Thorsten Reimnitz 831 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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