Warum ich anfing, selber Geschichten zu schreiben – oder: SO gefällt mir das gar nicht!

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Eine von den Fragen, die man einem Autor – so auch mir – immer wieder stellt, ist, was mich generell darauf gebracht hat, Geschichten zu schreiben. Die mich das fragen können sich nicht vorstellen, warum man Geschichten schreibt, vermutlich genau so wie ich mir nicht vorstellen kann, ohne das Geschichten Schreiben und Erzählen zu leben. In meinem Fall waren es ein paar besondere Erlebnisse, die ich heute – und in weiteren Einträgen – mal etwas beleuchten möchte.

Wie die Überschrift schon ankündigt, war eine Motivation unter anderem die, dass mir andere Geschichten, respektive deren Verlauf nicht gefallen haben. Und daran hat Walt Disney einen nicht unerheblichen Anteil. Nun gut, nicht unbedingt er selbst, aber das, was aus seinen Schöpfungen gemacht wurde. Disneys Figuren (Mickey Mouse, Donald Duck usw.) waren in den Filmen am Anfang ziemliche Stereotypen. Als man sie nach dem 2. Weltkrieg nach Europa exportierte in Form von Comics – die aus der Feder solcher begabter Menschen wie Carl Barks stammten -, hatte sich das schon etwas gewandelt. Aber der europäische Markt war gierig auf noch mehr Geschichten, also fing man an, vornehmlich in Italien neue Comics zu zeichnen. Die Handlungen der Geschichten basierte man auf Carl Barks Schöpfungen (der unter anderem Verantwortlich für die Panzerknacker – original „Beagle Boys“ – zeichnet). Doch irgendwie europäisierte man die Geschichten auch, und damit begann das, was mir nicht mehr gefiel. Es ging so weit, dass ich einigen Figuren einen echten Hass entgegen brachte, weil sie arrogant, überheblich und selbstverliebt waren und andere unter ihnen zu leiden hatten. Offenbar waren die europäischen Schöpfer dieser Geschichten, die vornehmlich durch die „Lustigen Taschenbücher“ verbreitet wurden, der Meinung, Kinder würden so was lustig finden. Nun, zumindest was mich betrifft, ist dieser Eindruck falsch. Und das möchte ich genauer beleuchten anhand der Figuren.

Donald Duck
„Ach, armer Donald… ich kannte ihn gut, Horatio, ein Bursche von unendlichem Humor!“

In den Filmen aus der Disney-Werkstatt zeichnet sich Donald vor allem sein stets überschäumendes Temperament aus, durch das er in alle möglichen und unmöglichen Situationen gerät, sozusagen selbstverschuldet. Doch die Rolle, die ihm im europäischen Disneyversum zugedacht wurde, machte ihn zu meinem persönlichen Liebling: der dauernde Pechvogel. Donald war stets verschuldet, was seinen Onkel Dagobert dazu veranlasste, ihn mit haarsträubenden Aufgaben zu betrauen. Es wurde ein paar Mal der – meiner Meinung nach schwache – Versuch gemacht, auch diese Situation Donalds als „selbstverschuldet“ hinzustellen, indem man ihm unterstellte, dass er sich keine Arbeit suchte, weil er stinkend faul sei. Nur: Das widersprach einigen Geschichten, in denen Donald äußerst erfolgreich zu Geld gekommen war, nur um dieses pünktlich zum Beginn der nächsten Geschichten wieder verloren zu haben – falls er es nicht sogar noch am Ende der gleichen Geschichte wieder verlor. Hin und wieder war Dagobert dafür verantwortlich, dass er das verdiente Geld wieder verlor, indem er es mit Hinweis auf Donalds Schulden einfach einzog. Das wiederum kostete Dagobert bei mir so viel Sympathiepunkte, dass er inzwischen im Minus ist.
Ein großes Problem war die Entwicklung, die nicht stattfinden durfte. Donald musste natürlich am Anfang der nächsten Geschichte wieder bettelarm sein, damit der Zeichner, der diese verfasste, von der üblichen „Basis“ aus weitermachen konnte. Die Tatsache, dass Donald damit im „Schuldenpfuhl“ gefangen war, ließ mich starkes Mitgefühl mit ihm empfinden. Wie Herbert Grönemeyer schon sang: „Stillstand ist der Tod!“

Dagobert Duck
„Sieh an, sieh an – wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Geld in sich hat?“

Dagobert Duck hätte auch von Karl Marx erfunden werden können, denn er ist der großkapitalistische Ausbeuter par excélence. Wie schon erwähnt, der alte Mann hat bei mir so viel Sympathiepunkte verloren, dass er sich bei mir schon gewaltig einschmeicheln müsste, damit ich ihn nur „neutral“ betrachtete. Ursprünglich hatte er einen Auftritt in einem Disney-Film, in dem er tatsächlich eine Entwicklung durchmacht, die allerdings die Geschichte vorgibt: die Disney-Variante von Charles Dickens „Christmas Carol“. In diesem Film hieß er noch Ebeneezer Scrooge McDuck, später nur noch Scrooge McDuck, oder eingedeutscht eben Dagobert. Neben seiner offensichtlichen Herzlosigkeit ist sein unglaublicher Geiz und seine Liebe zum Geld seine hervorstechendste Eigenschaft – jedenfalls hat er sich mir immer so dargestellt.
Außerdem hat der Mann offensichtlich ein großes psychisches Problem, oder wie ist das mit dem Geldspeicher zu verstehen? Gut, von daher beruhigt es mich, dass es Onkel Dagobert in Wirklichkeit nicht geben kann, denn wenn man vom Vermögen des „reichsten Mannes der Welt“ spricht, wird mit „Fantastilliarden“ jongliert, einer Zahl, die es nicht gibt; manchmal aber auch mit Trillionen. Eine Trillion ist eine 1 mit 18 (!!!) Nullen. Zum Vergleich: Staatshaushalte rechnen (zumindest in US-Dollar) heutzutage allerhöchstens mit Milliarden, und eine Trillion entspricht 1 Million Milliarden. Würde sich so viel Kapital auf eine Person oder auch nur einen Konzern vereinen, würde das den finanziellen Kollaps des Landes verursachen, in dem die Person wohnt bzw. der Konzern seinen Sitz hat. Mehr noch: Das Bruttosozialprodukt der ganzen Welt (also der Wert aller auf der Welt hergestellter Waren) betrug im Jahr 2004 ungefähr 55,5 Billionen US-Dollar. Onkel Dagoberts Vermögen entspricht also dem Vielfachen dessen, was auf der Welt überhaupt an Wert produziert wird. Genau genommen würde es also nicht nur den finanziellen Kollaps des jeweiligen Landes, sondern der weltweiten Wirtschaft bedeuten. Wenn sich also demnächst mal wieder jemand über die Inflationsrate aufregt, immer dran denken: Onkel Dagobert ist schuld!
Dagoberts psychisches Dilemma muss also sehr tief sitzen, denn er hat so viel Geld, dass es auf der ganzen Welt nicht genug Waren gibt, damit er es komplett ausgeben kann. Sprich: Selbst wenn der alte Geizhals den ganzen Planeten aufkaufen würde, hätte er noch immer Geld übrig. Trotzdem ist er aber von der Paranoia befallen, kein Geld mehr haben zu können.
Als eine bezeichnende Geschichte, die mein Bild von „Onkel Dagobert“ prägte, war eine Episode, in der Donald einen Flugzeugträger als Tourist besucht, aber wegen seines Matrosenanzugs für einen Marinesoldaten gehalten wird, so dass er an Bord zurückgehalten wird und mit auf Fahrt gehen muss. Auf dieser Fahrt passieren ihm verschiedene Dinge, er arbeitet sich von der Küchenhilfe hoch und rettet schließlich einem hohen Tier das Leben. Just als er dafür mit einem Orden ausgezeichnet werden soll, landet ein Hubschrauber auf dem Deck des Flugzeugträgers: Onkel Dagobert, der die Situation mit den Worten aufklärt, dass Donald kein Angehöriger der Marine sei und deswegen auch keinen Orden bekommen könne. Das hohe Tier, dem er das Leben gerettet hat, händigt Donald daraufhin den Gehaltsscheck für die auf dem Schiff geleistete Dienstzeit aus – den Onkel Dagobert prompt einkassiert. Begründung: die Suchaktion mit dem Hubschrauber sei sehr teuer gewesen und Donald solle gefälligst dafür zahlen. Dagobert macht dabei einen Gesichtsausdruck, in dem seine ganze Arroganz zum Ausdruck kommt. Es waren solche Gelegenheiten, die meinen Gerechtigkeitssinn anrührten und in mir den Wunsch weckten, andere Geschichten zu lesen. Was Onkel Dagobert da tat, war gemein, nicht lustig.

Daisy Duck
„Schwäche, Dein Name sei Weib!“

Daisy tauchte in den animierten Cartoons „irgendwie“ als Donalds Verlobte auf, doch die Rendezvous der beiden wurden gerne von Donalds Neffen gestört. In den Comics wurde aus ihr eine unentschlossene, oberflächliche Zicke. Tut mir leid, falls das hart klingt, aber schauen wir der Realität ins Gesicht: In den Comics wurde eine Art „Wettstreit“ zwischen Donald Duck und einem Vetter mit Namen Gustav Gans etabliert. Die beiden stritten sich um die Gunst von Daisy, die sich nicht enscheiden konnte – respektive, sie hat sich mal so und mal so entschieden, je nachdem welcher der beiden Bewerber ihr das größere Geschenk machte. Das war die Oberflächlichkeit, die mich an ihr aufregte. Ihre so genannte „Herzensentscheidung“ war sehr materiell geprägt und hing von Dingen wie Ringen oder einem exotischen Urlaubsziel ab. Eine Beziehung war für sie nie etwas, mit dem man sich im Leben beschäftigte, sondern nur ein Prestigeobjekt, mit dem man vor den Freundinnen angeben konnte. Sprich, sie suchte nach einer „guten Partie“, nicht nach dem guten Herz, sondern nach dem guten Geldbeutel. Des öfteren hatte deswegen Gustav Gans gegenüber Donald die Nase vorn (siehe „Gustav Gans“), der mir auch unsympathisch war, was sie nicht gerade sympathisch in meinen Augen machte. Und ihre Oberflächlichkeit tat ihr übriges dazu. Eine Entwicklung in dem Sinne, dass sie sich entschied und einem der beiden das „Ja-Wort“ gab und dem anderen eine Abfuhr erteilte, durfte nicht stattfinden. Wie so häufig im Disneyversum.

Gustav Gans
„Der Teufel sch**sst immer auf den grössten Haufen!“

Gustav Gans bezeichnet sich selbst als „Schoßkind des Glücks“ – und so wurde er auch angelegt. Wollte er in Urlaub fahren, musste er nur an einem entsprechenden Preisausschreiben teilnehmen – schon hatte er einen Urlaub gewonnen. Er fand ständig voll gefüllte Brieftaschen oder andere wertvolle Sachen, deren Rückgabe beim Eigentümer ihm einen reichen Finderlohn einbrachte. Er gewann und gewann… und um ein Zitat aus STAR WARS zu bringen: „Seine Fähigkeiten haben ihn… nun ja… arrogant werden lassen.“ Mit Vorliebe zog Gustav Donald auf, der als Pechvogel Gustavs genaues Gegenteil war und besonders gern nutzte er sein Glück, um auf Daisy Duck Eindruck zu machen.
Sein Glück, na gut, soll er es genießen, aber Gustav erhob sich selbst, indem er andere erniedrigte. Auch das fand ich nicht lustig.

Tick, Trick und Track
„O tapfere neue Welt, die solche Menschen trägt!“

In den animierten Filmen waren die drei Neffen von Donald eine Rasselbande, die allerlei Unsinn anstellte. Unter Carl Barks Einfluss wurden aus ihnen Pfadfinder des „Fähnlein Fieselschweif“, die ein schlaues Buch hatten, das ihnen jede Frage beantwortete. Auf diese Weise wurden sie eigentlich zu den vernünftigsten Figuren der ganzen Reihe, denn sie bremsten Donald, wenn er mal wieder wütend wurde und halfen ihm, und sie waren schlauer als der Rest der ganzen Bande. Eine persönliche Genugtuung war für mich beispielsweise eine Geschichte, in der Onkel Dagobert eine Schatztruhe von einem versunkenen Schiff mit Hilfe eines starken Magneten heben wollte. Seine Idee war, dass die Metallbeschläge der Kiste von dem Magneten angezogen werden würden. Seine Neffen warnten ihn, er hörte nicht und es kam wie’s kommen musste: kaum war die Kiste aus dem Wasser und hing an dem Magneten, da brach das Holz auseinander, das durch die lange Liegezeit im Wasser morsch geworden war und an der Luft das Gewicht der Münzen nicht mehr tragen konnte. Die Münzen selbst fielen zurück ins Wasser, denn sie waren aus reinem Gold – und Gold ist nicht magnetisch, deswegen hielt sie der Magnet nicht fest. Dagobert bekam einen Dämpfer, weil er nicht auf seine Großneffen gehört hatte – das gefiel mir.

Frustriert von diesen ganzen Gestalten des Disneyversum fing ich schließlich an, eigene Geschichten zu entwerfen, die etwas anders aussahen. Aber irgendwie entzogen sich die Figuren meinen Versuchen, ihnen Tiefe und Entwicklung zu geben. Sie konnten auf eine unheimliche Weise nicht weiter entwickelt werden, was man ja auch an der Tatsache sieht, dass Tick, Trick und Track seit Jahrzehnten Kinder sind, ohne älter zu werden. Es geht sogar weiter: Im allerersten der „Lustigen Taschenbücher“ gab es eine Geschichte, in der Dagobert Donald und seine Neffen auf eine Zeitreise in die Zukunft, ins Jahr 2001 schickt. Dagobert möchte wissen, was aus Donald geworden ist, nachdem er sein Vermögen geerbt hat. In der Geschichte ist Donald im Jahr 2001 genauso geizig wie Dagobert, jener ist tot, und Tick, Trick und Track sind Erwachsene. Damit wurde für den größten Anachronismus im Disneyversum gesorgt, denn wir schreiben derzeit das Jahr 2006 und mir wäre nicht bekannt, dass Onkel Dagobert gestorben ist oder dass Tick, Trick und Track erwachsen wären. Das ist umso erstaunlicher, da Dagobert mehrfach betont, bei dem großen Goldrausch am Klondike (1896 – 1898) den Grundstock für sein Vermögen gelegt zu haben, sprich: er war zu diesem Zeitpunkt bereits ein junger Mann. Sein Geburtsjahr ist laut seiner Biographie 1867, was uns darauf bringt, dass Onkel Dagobert zurzeit 139 Jahre alt sein dürfte. Das Geburtsdatum der Duck-Trillinge wird hingegen mit 1940 angegeben, so dass diese in diesem Jahr ihren 66. Geburtstag feiern dürfen.
Andere Quellen wiederum behaupten standhaft, Onkel Dagobert sei kurz nach seinem 100. Geburtstag gestorben. Das passt nicht mit der Tatsache zusammen, dass das erste „Lustige Taschenbuch“ 1967 erschienen ist (an Dagoberts mutmaßlichen 100. Geburtstag) – oder es wirft zumindest die Frage auf, WANN die Duck-Geschichten eigentlich spielen.

Das Disneyversum des Stillstandes und der Anachronismen konnte ich nicht beeinflussen, also ließ ich es irgendwann bleiben, mir da Gedanken über neue Geschichten zu machen. Ich wollte etwas anderes tun und zog mich aus dieser „Dimension“ zurück. Ich habe lange Zeit keine „Lustigen Taschenbücher“ mehr gelesen und tue dies auch weiterhin nicht. Ich wollte Geschichten, in denen den Figuren erlaubt ist, sich zu entwickeln, selbst den Wandel vom vermeintlich „bösen“ zum „guten“ hin zu durchlaufen.

Denn das ist es doch, was den Menschen ausmacht, nicht wahr? Die Entwicklung. Niemand kann sich ihr entziehen. Niemand kann behaupten, der gleiche zu sein wie vor ein paar Jahren. Und wer es dennoch tut, belügt sich entweder selbst – oder er hat sich wirklich nicht entwickelt, was zu bedauern wäre (und sehr unwahrscheinlich).

Dies war also ein Teil der Motivation, selbst Geschichten zu schreiben. Aber es geht noch weiter… diese Geschichte ist noch nicht beendet.


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Über Thorsten Reimnitz 842 Artikel

Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist „Das Phantastische Projekt“ mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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