Unterwegs mit dem Schnitzelwagen – auf der Spur der akustischen Täuschungen

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Kinder passiert es offenbar gern – und wenn es Erwachsenen passiert, kann es sein, dass es unheimlich peinlich wird. Die Rede ist von „Verhörern“ in Liedern. Vielleicht hat es der eine oder andere ja schon erlebt, man sitzt in gemütlicher Runde zusammen und plötzlich kommt im Radio ein Lied, „Summer of ’69“. Alle aus der Runde kennen es, also stimmt man gemeinsam ein – und einer aus der Gruppe tönt besonders laut das, was er glaubt als die ersten Zeilen des Liedes zu kennen: „I had my first real sex dream…“ Die anderen schauen ihn entgeistert an: Was singt der denn da? Er wiederholt die Zeile. Nein, muss man ihn aufklären, die erste Zeile lautet „I had my first real six string…“. Hier wird nicht von sexuellen Träumen gesungen, sondern von der ersten Gitarre („six string“ wörtlich „Sechs-Saiter“).
So begleiten uns diese Verhörer manchmal durch das ganze Leben, bevor wir von irgendwas oder irgendwem aufgeklärt werden. Und dann ist es schwierig, diese falschen Zeilen aus dem Kopf zu kriegen. Axel Hacke hat darüber ein nettes Buch geschrieben (siehe oben): „Der weiße Neger Wumbaba“. Die titelgebende Figur entstammt dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“, in dem ein Kind die Zeile „…und aus den Wiesen steiget – der weiße Neger Wumbaba“ gehört zu haben glaubte. Richtig muss es heißen „…und aus den Wiesen steiget – der weiße Nebel wunderbar“. Vermutlich kommen solche Verhörer daher, dass wir nicht wirklich verstehen, was da gesungen (oder manchmal auch gesagt) wird, unser Gehirn aber trotzdem versucht, einen Sinn zu finden. Manchmal kommen dabei solche Dinge heraus, von denen wir uns fragen, was das eigentlich sein soll. Warum zum Beispiel singt Roland Kaiser in seinem Lied „Santa Maria“ von einem „Schnitzelwagen“? Was ist ein Schnitzelwagen? Man weiß es nicht – und Roland Kaiser singt auch nicht davon, sondern die fragliche Zeile lautet „den Schritt zu wagen“.

Warum ich dies schreibe? Weil mir – nach sehr langer Zeit – aufgefallen ist, dass auch prominenten Leuten solche Verhörer passieren, selbst solchen, die sich sehr exzessiv mit Musik beschäftigen. Und aufgefallen scheint das bisher noch niemanden. Ich rede von Stefan Raab, Moderator von TV TOTAL. In einer der frühen Ausgaben zeigte er zwei Männer, die in einer Glückwunschsendung ihrer Tante Jutta im sächsischen Dialekt („Dande Judda“) ein Ständchen brachten – Englisch mit sächsischem Dialekt. Stefan Raab nahm sie unter Vertrag und vermarktete das Lied, nannte es „Ö la Palöma Blanca“ und die zwei Jungs die „La-Palöma-Boys“.
Ist es jemandem aufgefallen?

Wenn wir das Sächsische zurückverfolgen, so müsste das Originallied doch „O la Paloma Blanca“ heißen, oder? Tut es aber nicht, hier liegt ein Verhörer vor, ein „weißer Neger Wumbaba“. Das Original ist von 1975, gesungen von der George Baker Selection, und es heißt „Una Paloma Blanca“, auf Deutsch also „Eine weiße Taube“ (den Titel der Raab’schen Kopie könnte man mit „O die weiße Taube“ übersetzen, was nicht ganz in den Rest des Textes passt, in dem der Sänger erzählt, er fühle sich wie eine weiße Taube, ein Vogel am Himmel, dem niemand die Freiheit nehmen kann).

Ist das nicht beruhigend? Wenn wir also das nächste Mal ein Lied hören und uns fragen, was ein Schnitzelwagen ist oder wie wohl der weiße Neger Wumbaba aussieht oder wir „Summer of ’69“ für Bryan Adams‘ Hymne an seinen ersten Sextraum halten und man uns korrigiert – macht nichts. Das passiert auch den Großen – und sie haben auch noch Erfolg damit.

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