Ars Longa, Vita Brevis – Das Leben und die Kunst…

Eine eMail erreichte mich (danke an Johannes R. aus B.), in der ich danach gefragt wurde, ob ich denn das, was ich in den Science-Fiction-Geschichten so schreibe, auch für möglich halte, beziehungsweise, ob ich denke, dass es diese Dinge (Laserwaffen, Überlichtantrieb und so weiter) eines Tages geben wird. Kann die Kunst das Leben vorausahnen?

Da fiel mir eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen hatte: Chuck Jones, seineszeichens Cartoonist und Erfinder von Figuren wie Bugs Bunny und Daffy Duck, hatte ein sehr merkwürdiges Erlebnis während des 2. Weltkriegs. Um das amerikanische Volk auf den Kampf gegen den Feind – Deutschland und Japan – einzuschwören, wurden die Filmstudios angewiesen, Cartoons in der Richtung zu produzieren. So gab es einen Cartoon, in dem Donald Duck den Zuschauer auf „taxes to beat the axis“ (deutsch: „Steuern um die Achse – also die Verbindung zwischen Deutschland und Italien – zu zerschlagen“) vorbereitete, Bugs Bunny sang das Lied „Any bonds today?“ (deutsch ungefähr: „Kriegsanleihen gefällig?“) und Daffy Duck bekommt, als er am Boden liegt, den Besuch einer Geisterente, die Abraham Lincoln sehr ähnlich sieht und ihn auffordert „Hey, Daffy! Americans don’t give up!“ (deutsch: „Hey, Daffy! Amerikaner geben nicht auf!“), worauf Daffy meint „Yes! And I am an American… duck!“, nach Deutschland fliegt und Hitler einen Holzhammer auf den Kopf schlägt.

Neben diesen Propagandafilmen bestellte das Militär auch Cartoons, aus denen ihre Soldaten etwas lernen sollten. Man hatte die (durchaus vernünftige) Vorstellung, dass die Soldaten besser lernen, wenn ihnen die Lehrinhalte auf humorvolle Weise nahegebracht werden. Besonders beliebt waren hierbei die Cartoons, die eine Figur namens „Soldat Snafu“ (snafu = „situation normal, all fucked up“, also „Situation normal, alles im Arsch“) in der Hauptrolle hatten. Snafu ging entweder dem Feind auf den Leim oder demonstrierte, auf welche Besonderheiten man in welchen Regionen der Erde achten mussten.

Eines Tages nun entschloss sich Chuck Jones, einen Cartoon darüber zu machen, dass Soldaten, wenn sie auf Heimaturlaub sind, auf keinen Fall Dienstgeheimnisse ausplaudern dürfen, auch nicht gegenüber Freunden oder der Familie, weil überall die Spione des Feindes sitzen könnten und mithören. In der Episode ist Snafu auf Heimaturlaub und geht mit seiner Freundin ins Kino. Und wie es in damals üblich war, kommt vor dem Hauptfilm eine „Wochenschau“, eine Zusammenstellung der neuesten Nachrichten. In diesen Nachrichten wird davon berichtet, dass die Amerikaner eine neue Wunderwaffe gegen die Japaner zum Einsatz gebracht haben. Man sieht eine japanische Insel, dann schlägt etwas ein, es gibt einen Blitz, statt der Insel ist nur noch ein tiefer Krater zu sehen und man hört die Stimme eines verdutzten Japaners, der meint „What hit you, Tojo?“ Als Snafu das sieht, fängt er sofort an, laut zu erzählen, dass er genau wisse, welche Waffe das war und beschreibt die – eigentlich geheime – „ferngesteuerte Flughandgranate“ in allen Einzelheiten.

Dieser Film wurde dem Militär zur Freigabe vorgelegt. Doch statt einer Freigabe bekam Chuck Jones Besuch vom Geheimdienst. Es handelte sich um einen sehr ranghohen Offizier und zwei Helfer. Diese begannen, Jones auszufragen, denn die „ferngesteuerte Flughandgranate“ entsprach in sehr vielen Einzelheiten einer Geheimwaffe, an der das Militär gerade arbeitete. Jones meinte später, dass vermutlich nur der ranghöchste Offizier genau wusste, worum es eigentlich ging, die anderen beiden hatten nur eine Ahnung, dass Jones vermutlich etwas Verbotenes getan hatte. Der ranghöchste Offizier musste nun den Eiertanz vollführen, Jones zu befragen um herauszufinden, ob er wirklich was von der Geheimwaffe wusste, andererseits durfte er aber nicht zu viel verraten. Das gipfelte Fragen nach Jones‘ Lieblingsmarmelade oder danach, ob er schon einmal mit einem Turnschuh geschlafen habe.

Kurz und gut: Der Film wurde nicht freigegeben und Chuck Jones wurde nicht der Spionage angeklagt. Und jetzt die Preisfrage: Welche Geheimwaffe war es, die Jones „aus versehen“ richtig beschrieb? Na…?

Es war die Atombombe.

Nettes Beispiel, nicht? Ich habe es absichtlich gewählt, denn Jules Verne und seine Mondlandung sowie die „Nautilus“ mussten schon zu oft als Beispiel für die Kunst, die das Leben vorausahnt, herhalten. Jules Verne machte sich vermutlich mehr Gedanken über die Realität seiner Schöpfungen als Chuck Jones (wie etwa in der lange verschollenen Geschichte „Paris im 20. Jahrhundert„), aber das Ergebnis war das gleiche: beide beschrieben etwas, das Realität wurde bzw. sogar schon war. So ist das mit der Inspiration, man kann nie sagen, auf welchen Weg sie einen führen wird. Manches Mal legt einem der Versuch, auf irgendeine Weise realistisch zu bleiben, auch zu starke Fesseln an. Das fängt ja schon mit Raumschiffen an, die Überlichtgeschwindigkeit fliegen. Es gibt in der Science Fiction einige Versuche zu erklären, wie das funktioniert, aber alles ist bisher nur Theorie. Es gibt nicht mal ansatzweise Ideen, wie diese Theorien zu verwirklichen wären, was manche Wissenschaftler schon zu der Aussage gebracht hat, es sei unmöglich.

Was passiert und was nicht, kann letztlich nur die Geschichte entscheiden. Wenn dieser Blogeintrag die nächsten 150 Jahre überdauern sollte, kann es sein, dass ihn ein Mensch dieser Zeit liest – vielleicht aus Interesse? Hallo und danke! – und vor sich hin lächelt, weil in 142 Jahren entdeckt wird, wie man mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen kann, vielleicht auf eine Weise, die wir heute noch gar nicht ahnen. Vielleicht zuckt dieser Mensch des Jahres 2156 aber auch mit den Achseln und denkt „Tut mir leid, aber wir haben es immer noch nicht raus.“

Ich persönlich halte in manche Fällen die Herangehensweise für falsch, denn es geht nicht immer darum, sich ein Ziel zu setzen und dieses auf Teufel komm‘ raus zu erreichen. Es ist besser, das Stück des Weges im Auge zu behalten, das genau vor einem liegt und das ferne Ziel lieber im Hinterkopf zu behalten.

Und sollte es jemals einen Überlichtantrieb geben, der nach einem Prinzip funktioniert, das ich in einem meiner Romane beschrieben habe, hoffe ich, dass man ihn den „Reimnitz-Antrieb“ nennt.

Ars longa – Vita brevis…



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Über Thorsten Reimnitz 832 Artikel
Geboren am 4. August 1970 in Diez an der Lahn schreibe ich Geschichten, seit ich schreiben kann. Das Projekt, an dem ich am längsten arbeite, ist "Das Phantastische Projekt" mit all seinen Facetten, das am 7. August 1985 seinen Anfang nahm.

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