PANIK! – Gesundheit!… Vogelgrippe contra Gehirnpest

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Überlingen ist das, was ich als meine Heimatstadt betrachten würde. Ich bin dort zwar nicht geboren, aber ich habe dort mehr als 30 Jahre meines Lebens verbracht. Auch wenn ich derzeit ungefähr 25 Kilometer weit weg vom Bodensee wohne, bin ich mit der Region doch verbunden. Und wenn ich mir die Berichte im Fernsehen ansehe, in denen vom H5N1-Fall einer Tafelente berichtet wird, sehe ich Leute, die ich zum Teil persönlich kenne. Ich sehe eine Uferpromenade, die ich schon hunderte Male entlang spaziert bin, und die nun abgesperrt wird. Der Ort ist für mich nicht „irgendein Ort irgendwo“, wenn in Zeitungsberichten davon gesprochen wird, dass es erlaubt sei, auf dem Überlinger Wochenmarkt Geflügel zu verkaufen, dann verbinde ich damit ein Bild in meinem Kopf. Nicht nur ein Bild, auch Geräusche und Gerüche… persönliche Erinnerungen.

Nachdem dies also geklärt ist, zum eigentlichen Thema, um das es mir geht: Vogelgrippe contra Gehirnpest. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass kein Grund zur Panik besteht. Die Medien berichten, aber die meisten versuchen, keine Panikstimmung aufkommen zu lassen. Das brauchen sie auch nicht, denn es gibt einige wenige, die das ganz allein schaffen. Dabei wurde ein Virus freigesetzt, dass mindestens genauso, wenn nicht noch gefährlicher ist als H5N1 (egal in welcher Variante): die Gehirnpest. Das Virus braucht nicht viel, um sich zu übertragen, deswegen kann es sich ganz schnell verbreiten. Im Internet kursieren schon die wüstesten Gerüchte darüber, es gäbe „geheime Vorräte“ an Tamiflu für bestimmte Leute, für „die da oben“, die sich in geschützte Zonen in Sicherheit bringen könnten und der kleine Mann darf sehen, wo er bleibt. Und das, obwohl die Wirkung von Tamiflu gegen die Vogelgrippe gar nicht bewiesen ist und Ärzte lieber empfehlen, man solle das Immunsystem im Allgemeinen stärken (siehe hier). Und eine Zeitung versucht mit einer raffinierten Fragestellung zu implizieren, es gäbe eine Art „Geheimwissen“, das die Politiker haben. Man müsse mehr wissen, warum sollten die Helfer denn sonst in diesen Anzügen herumlaufen, warum kommt die ABC-Schutztruppe der Bundeswehr wie nach einem Atomunfall? (Sekundärbericht über den Bericht gibt es hier)

Ich glaube, die Irritation bei mir ist auf die Frage „Warum?“ zusammenzufassen, wenngleich sich dahinter doch eine sehr komplexe Struktur verbirgt, denn jede mögliche Antwort wirft neue Fragen auf. Zumindest bei mir. Was die Zeitung, die ich oben nicht nannte, weil ich es nicht will (ich empfehle lieber diese Seite hier), tut, ist Panikmache. Und sie tut es, weil man damit offensichtlich mehr Zeitungen verkaufen kann. Schön, das ist ein Grund (keine Rechtfertigung!), aber was ist der Grund für den Grund? Warum wollen die Leute lesen, dass die Apokalypse unmittelbar bevorstehe und „wir“ – im Gegensatz zu „denen da oben“ – alle sterben werden? Ist das die alte Geschichte von der Rechtfertigung meiner eigenen Situation damit, dass es andere gibt, die verhindern, dass es mir besser geht? Eigentlich ist es nichts anderes und die Politiker von heute geben in dem Fall natürlich exzellente Sündenböcke ab. Ich zahle immer mehr Steuern, mein Gehalt bleibt aber gleich oder ich muss sogar auf einen Teil verzichten – und „die da oben“ sind Schuld! Ich kriege ein kleines Gehalt und „die da oben“ haben Bezüge, deren Höhe sie selbst bestimmen können, mal ganz davon abgesehen, was sie sonst noch so an Einnahmen haben. Soweit beinhalten die Vorwürfe tatsächlich auch noch einen wahren Kern. Aber wenn „die da oben“ das alles tun, dann kann man ihnen auch wirklich alles zutrauen! Vor allem, wenn man die vermeintlichen Beweise direkt vor der Nase hat – genau so wie die Zeitung, die ich nicht nannte, argumentiert: „Die da oben“ sagen, man brauche sich noch keine Sorgen machen – und doch hantieren die Leute, die mit der Vogelgrippe zu tun haben, in modernsten Schutzanzügen? Da stimmt doch was nicht, oder? Was verschweigen uns „die da oben“?

Auf einmal dreht sich alles um: es wird vor Panikmache gewarnt – und die Gerüchteküche brodelt zurück: was „die da oben“ betreiben, sei ja schon eine „Beschwichtigungsmache“. Das ist die Situation, in der sich die Zeitung, die ich nicht nannte, mal wieder zum Anwalt der kleinen Leute aufschwingt und theatralisch „die da oben“ bittet: „Sagt uns die Wahrheit!“ Damit wird natürlich wiederum der Eindruck erweckt, man sei angelogen worden – oder zumindest hätte man „uns“ einen Teil der Wahrheit vorenthalten. Das kann man schon zu den Verschwörungstheorien zählen, für die auch Politiker hin und wieder herhalten müssen. Eine tragische Komponente bekommt das ganze aber, wenn man versucht, die unsichere Stimmung zum Beispiel in Regionen, wo es keine so gute Information gibt, für gezielte Kampagnen zu verwenden. Dabei treibt es mit der Verschwörung sehr merkwürdige Blüten, wie man hier nachlesen kann.

Jetzt, da ich diesen Bericht schreibe, gehen Schätzungen davon aus, dass auf dem Planeten Erde gerade 6,499,911,341 Menschen leben (eine ungefähre Zahl), also knapp 6,5 Milliarden (die aktuelle Zahl kann hier nachgelesen werden). Seit dem Ausbruch der Vogelgrippe in der jetztigen Form Ende 2003 (also vor über 2 Jahren) sind weltweit ungefähr 90 Menschen an H5N1 gestorben. Das ist sehr viel weniger als 1 Promille. Die so genannte „Spanische Grippe“ hat in einem vergleichbaren Zeitraum (1918 – 1920) mindestens 20 Millionen Menschen das Leben gekostet. Noch haben wir keine Pandemie. Im Moment sieht es so aus, dass das Virus nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Vielleicht wird es das auch nie. Wenn doch, dann können wir den Zeitpunkt oder die Umstände nicht vorhersagen. Momentan sind Forscher damit beschäftigt, einen Impfstoff zu entwickeln. Aber das braucht Zeit. Bis dahin werden Sperrbezirke errichtet, Fahrzeuge desinfiziert und tote Vögel untersucht. Denn das ist das, was man jetzt tun kann. Dass das Personal dabei in Schutzanzügen herumläuft, hat einen einfachen Grund: man kann sich an einem solchen Tier mit H5N1 anstecken. Das wurde nie bestritten. Und die Anzüge sollen davor Schutz bieten. So einfach ist das.

Daher sind „wir“ gerade gefordert: Und zwar nicht, um „denen da oben“ Vorwürfe zu machen, sondern um selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Ärzte haben uns empfohlen, was wir tun können, also sollten wir nicht lamentieren, sondern uns daran halten: Unser Immunsystem mit bewährten Mitteln (frische Luft, Bewegung, Obst, Gemüse, Wechselduschen, Sauna und so weiter) stärken, damit wir nicht krank werden. Häufiger mal Hände waschen. Wenn wir spazieren gehen, Vorsicht walten lassen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich meine Kinder sowieso nicht ein verendetes Tier, das irgendwo liegt, anfassen lassen würde, so ist jetzt eben etwas mehr Aufmerksamkeit gefordert. Und Vogelfedern, die ich als Kind am Bodensee übrigens auch gesammelt habe, müssen jetzt eben liegenbleiben.

Ganz wichtig ist auch, dass wir die Kräfte, die nun in Überlingen (oder auch auf Rügen oder Brandenburg oder sonstwo) an der Arbeit sind, ihre Arbeit machen lassen. Für den irrationalen Ärger von manchen Leuten über „die da oben“ sind sie garantiert die falsche Adresse. Sie wollen uns nicht schikanieren, sie wollen uns helfen.
Sie tun, was sie können – und das ist gut so.

… und keine Chance der Gehirnpest!

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